Eines Tages wurde er erschossen, der Herr M. aus P. Von einem Jagdkollegen. Völlig unabsichtlich natürlich. Das kann schon mal passieren bei einer Treibjagd. Für den Täter gab es keine Konsequenzen. Jagdunfälle sind, wie der Name schon sagt, Unfälle. Da kann man nichts machen. Und wenn es um keine wirkliche Schuld geht, kann man auch niemanden zur Rechenschaft ziehen. Dennoch machte er sich auf den Weg in das Häuschen, in dem der Herr M. mit seiner Frau wohnte, um ihr pflichtschuldig sein Beileid auszudrücken. Luise und Lise, die beiden Töchter waren vor einigen Wochen ausgezogen und Frau M. war in dem Moment sehr froh darüber, denn die beiden hätten sich sicher nicht zurückgehalten. Unverhohlen hätten sie ihrer Freude über den Tod des Vaters Ausdruck verliehen. Doch Frau M. war es von einem ganzen Leben Verstellung so gewohnt, nicht ihre wahren Gefühle zu zeigen, dass ihr das auch nichts mehr ausmachte. „Magst einen Kaffee?“, fragte sie den Jagdkollegen ihres nunmehr verstorbenen Mannes, „Oder lieber Schnapserl?“ Da nickte er.
Frau M. hatte ihren Mann schon von Kindesbeinen an gekannt, wie es üblich war in einem kleinen Ort wie diesem. Sie war gerade 18 geworden, als er sie zum Tanz bat und im Anschluss um ihre Hand. „Wird wohl nichts Besseres nachkommen“, dachte sie sich und stimmte zu. Ihr Vater zeigte sich hocherfreut, denn schließlich hatte der Zukünftige seiner Tochter einen guten Posten in der Gemeinde, war bei der Blasmusik und Jäger. Besser ging es fast nicht. Herr M. erwies sich über die Jahre als immer trinkfester und gewaltbereiter. Regelmäßig schlug er seine Frau. Nur einmal hatte Frau M. versucht, ihrer eigenen Mutter ihr Leid zu klagen. Doch die sah sie nur an und meinte trocken: „So lange niemand was sieht, macht es nichts. Geh nach Hause, wo Du hingehörst. Und stell Dich nicht so an. Denk an Deine Kinder.“ Dann war sie gegangen, die Frau M., die mittlerweile Mutter von Zwillingen war, zwei wunderschönen Mädchen, die sie tatsächlich abgöttisch liebte. Wohl auch, weil sie ihrem Vater so wenig ähnlich sagen. Sie tat alles, um ihre Töchter vor dem Vater zu beschützen, aber es gelang ihr nicht. Herr M. schlug jedoch nicht nur seine Frau und seine Töchter, wenn es für angebracht hielt, sondern isolierte sie auch so gut es ging. Mittlerweile war er Bürgermeister geworden, Jagdleiter und Blasmusikkapellmeister. Ein angesehener Mann, den man nicht zur Rechenschaft zog, weil man ihm ja nicht schaden wollte. Was wäre mit seiner Reputation? Bloß wegen so ein bisschen Schlagen? Schließlich verprügelte er nur seine Frau und seine Töchter. Man kann Mädchen nicht früh genug auf das wahre Leben vorbereiten und die Tatsache, dass Frauen mit dem Ja am Altar in das Eigentum des Mannes übergingen. Deshalb waren alle ruhig.
Doch seine Töchter pfiffen ihm was und zogen aus, sobald sie konnten. Bald würden sie auch die Mutter holen, hatten sie angekündigt, denn er wäre ein widerlicher, alter, brutaler Trunkenbold, den man keine Frau ausliefern dürfe. Daraufhin trank er die Flasche mit dem Zirbenschnaps leer und ging in den Wald, wo er wild abknallte, was ihm unter die Flinte kam. Dann war er am Hochstand eingeschlafen. Am Morgen kehrte er zurück und fand nur mehr seine Frau vor. Und weil er solche Kopfschmerzen hatte, wollte er auch sie leiden sehen. Deshalb schlug er sie ein bisschen. Dann ging er ins Bett und schlief seinen Rausch restlos weg. Auch die Kopfschmerzen. Ein paar Tage danach passierte der Unfall. Sobald der Jagdkollege die Frau M. verlassen hatte, rief sie ihre Töchter an und lud sie ein, wieder nach Hause zu kommen. Endlich konnte sie sagen, was sie wirklich dachte, weil sie ihre Töchter verstanden. „Ich bin so froh, dass er weg ist, für immer“, flüsterte sie. Und die Töchter kehrten zurück. Gemeinsam gingen sie zur Beerdigung. Der Pfarrer, der die Realität aus der Beichte der Frau M. kannte, tat sich schwer, etwas Gutes von dem Verstorbenen zu sagen, deshalb fasste er es kurz und prägnant zusammen: „Herr M. war ein ganz normaler Jäger, Ehemann und Vater.“

