Am Rande der Gesellschaft (6)

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Während die Polizistin das Auto bewachte, die Hand griffbereit über der Waffe schweben lassend, begab sich die ganze Gruppe in die Küche. Mirjam Maluske mit ihrer Freundin Sybille Seidel, die nun obdachlos wären, gäbe es das Haus nicht, Sara Stern, Augustin Vonweiler und Mathilde Frauenschuh, die Bewohner*innen des Altersheimes, das sie nie wieder zu betreten gedachten, dazu noch Lilith Brokal, die Tochter von Frau Stern mit ihrem Mann Markus und dem gemeinsamen Sohn Raphael, gefolgt von Sabine Stransky, der Tochter von Augustin Vonweiler mit deren Mann Reginald und den drei Söhnen Abel, Bruno und Cäsar. Darüber hinaus noch die drei Vandalen und der Polizist Werner Weinreich. Alle fanden Platz in der geräumigen Küche, doch das Gespräch wurde erst aufgenommen, als alle eine Tasse Tee und ein Stück Kuchen vor sich stehen hatten, den Mathilde Frauenschuh zu Ehren des Einzugs gebacken hatte.

„Mein Name ist Sara Stern“, nahm die ehemalige Pädagogin die Gelegenheit wahr, die Jugendlichen ins Gespräch zu holen, „Ich war einmal Pädagogin, bevor sie mich in Pension geschickt haben. Es hieß damals, natürlich nur unter vorgehaltener Hand, ich sei zu nachsichtig und nicht streng genug mit den Kindern. Wenn sie keine Autorität spürten, würden sie sich aufführen wie sie wollen und z.B. Fassaden beschmieren und Fenster einschmeißen und Gärten verwüsten. Ich konnte trotzdem an meiner Vorgehensweise nichts ändern. Aber heute kann sich zeigen, wer recht hatte. Ich, indem ich versuchte diese Menschen dadurch zu fördern, dass sie selbst eine Lösung fanden und wenn etwas kaputt gegangen ist, es wieder gut zu machen. Oder diejenigen, die meinten, sie müssten unbedingt und am besten mit voller Härte bestraft werden, damit sie es sich merken. Ich bin aber überzeugt davon, dass ihr das nicht gemacht habt, weil ihr bloße Lust an der Zerstörung habt, sondern ja, warum eigentlich? Kann es sein, dass ihr einen Grund habt, den ihr uns verratet?“ Stocksteif waren die drei, zwei Burschen und ein Mädchen, dagesessen und hatten stumm zugehört. Nun blickten sie konsterniert die Tischplatte vor sich an, doch Sara ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, hielt die Stille aus und auch die Zeit, die verstrich.
„Natürlich haben wir einen Grund, aber den würdet ihr nicht verstehen“, erklärte das Mädchen endlich.
„Woher willst Du wissen, ob wir es verstehen, wenn Du uns nicht die Chance dazu gibst?“, erwiderte Sara ruhig.
„Weil es so verdammt ungerecht ist!“, fuhr nun der eine Bursche auf, ein großer, breitschultriger Typ mit dunklen Locken und beinahe schwarzen Augen, gegen den das blonde zierliche Mädchen sehr zerbrechlich wirkte.
„Was ist ungerecht?“, hakte Sara nach.
„Ihr habt da dieses tolle Haus mit Garten und Feldern und Ställen einfach so bekommen und wir sitzen auf der Straße. Wenn das nicht ungerecht ist!“, fuhr der Bursche grimmig auf.

„Warum sitzt ihr auf der Straße? Was ist mit Euren Eltern?“, wollte nun Sara wissen.
„Also schön“, meinte nun der dritte Beteiligte, „Wir werden es erzählen. Sylvia, Pablo und ich, mein Name ist Sven stammen aus dem Ort. Unsere Eltern sind alle irgendwie wichtig, also zumindest die Väter. Sylvias Papa ist Bürgermeister, Pablos Papa Wissenschaftler und meiner ist der Chef der ansässigen Bank. Wir haben gerade Matura gemacht. Natürlich wollten unsere Eltern, dass wir studieren, aber wir haben keine Lust mehr auf Schule, sondern wollten einen handwerklichen Beruf ergreifen, mit den Händen arbeiten und nicht dauernd dumm drinnen sitzen und vermodern. Und da stellten sie uns ein Ultimatum, entweder tun wir, was sie wollen, oder sie setzen uns auf die Straße. Und nachdem wir dabeiblieben, haben sie uns tatsächlich rausgeschmissen. Und was sollen wir jetzt machen?“
„Unser Haus zu zerstören hat Euch aber auch nicht wirklich weitergeholfen“, warf Mathilde Frauenschuh ein, „Aber ich finde das schon gut, dass nicht alle studiert sind. Was wollt ihr denn lernen?“
„Pablo möchte Tischler werden, Sven Elektriker und ich Gärtnerin“, erklärte Sylvia mit fester Stimme.
„Das finde ich sehr gut“, merkte Sara an, „Das sind doch genau die Fertigkeiten, die uns fehlen. Und Platz haben wir auch noch?“
„Das finde ich eine sehr gute Idee“, erklärte Lilith, Saras Tochter, die die Absicht ihrer Mutter bereits durchschaut hatte.
„Und was soll das sein?“, fragte Sylvia nach.
„Ich denke, wir können von einer Anzeige absehen und Euch ein Dach über den Kopf bieten, wenn …“, begann Sara.

„Wenn?“, ertönte es wie aus einem Munde von den drei Delinquenten, die sich nun gar nicht mehr so fühlten, „Was ist es?“

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