Es klebte Blut an ihren Händen, den Händen der Lady Macbeth. Der feige Mord ward begangen aus Habgier, aus Geltungssucht, aus Machtstreben, feiger Mord der ungesühnt geblieben wäre, hätte die Schuld sie nicht zerfressen und ihr den Wahn eingegeben, dass das Blut an ihren Händen haftete, so oft sie sie auch wusch. Der Wahn der Schuld, die nach Sühne ruft. Doch es war eine bürgerliche Schuld, denn der Mord war ein Verbrechen, weil es die gesellschaftliche Ächtung gab. Und die gibt es bis heute in den meisten Teilen der Welt. Einem Menschen das Leben zu nehmen, noch dazu aus niedrigen, selbstsüchtigen Motiven ist ein Schwerstverbrechen, oftmals das schwerste, das die jeweilige Rechtsprechung kennt.
Lady Macbeth ging durch die Therapie und hat dazugelernt. Heute watet sie knöcheltief durch Blut und es macht nichts. Lady Macbeth, mit ihrer tiefverwurzelten Affinität zum Tod und zur Vernichtung hat ihren Platz gefunden, einen, an dem sie Mord um Mord um Mord begehen kann, ohne gesellschaftliche Ächtung befürchten zu müssen. Er ist sogar gesellschaftlich sanktioniert und deshalb darf man auch nicht Mord dazu sagen, weil es nicht Menschen betrifft. Wohl aus niedrigen Motiven, aus Habgier, aus Geltungssucht, aus Machtstreben, sich die Kreatur, die mit uns lebt und uns vertraut, zu unterjochen, auf die perfideste Art lustvoll auszubeuten. Was noch dazukommt ist das Motiv der Genusssucht. Bürgerliche Moral zieht die Grenze zwischen den Spezies, zwischen dem Menschen und dem Tier, als wäre der Mensch kein Tier. So wie er sich benimmt und die moralischen Richtschnüre zieht, sogar eine besonders abartige Form von Tier. Eigentlich die Abart zwischen dem natürlichen, naturverbundenen. Hinter verschlossenen Türen, hinter dicken Mauern geht Lady Macbeth lustvoll dem Geschäft des Mordens nach und wird dafür auch noch bezahlt, von denen, die es nicht wissen, nicht sehen, nur kaufen wollen, was ihrer Vernichtungslust entspringt. Morde, die als Schlachtungen verklausuliert werden. Auch wenn es nichts ändert. Tot ist tot. Ein Lebewesen wird grausam um sein Leben gebracht, egal, wie man es nennt. Zur Befriedigung der verschiedensten niedrigsten Gelüste. Lady Macbeth kostet ihre Überlegenheit aus. Auch die hohe Kunst der Entindividualisierung. In der Sprache. Im Tun. Nutztiere. Nennt sie sie. Dumm. Nennt sie sie. Eigentum. Nennt sie sie. Und es ist etwas Gesagtes, aber es reicht ihr als Begründung. Ihr und den Abnehmer*innen. Denen, die nicht wissen wollen, was vorgeht, hinter den verschlossenen Türen und den dicken Mauern. Und wie ist es mit dem Blut an den Händen, das sie dereinst umtrieb und nicht zur Ruhe kommen ließ. Sie streift sich die Handschuhe über, das Fleischergewand, die Gummistiefel, Materialien, von denen sich das Blut leicht entfernen lässt, das Blut, durch das sie watet, das ihre Hände beschmutzt, wenn sie dem Vieh, wie sie es sagt, die Kehle durchschneidet und auf ihre Kleidung spritzt. Am Abend, nach getaner Arbeit, spritzt sie alles sauber, mit dem Schlauch. Das Wasser spült das Blut vom Fließenboden, von den Nirostaarbeitsflächen und ihrer Gummikleidung, lässt es verschwinden, als wäre es nicht gewesen, im Abfluss. Mit dem Blut die Angst und die Schreie, der Schmerz und der Todeskampf, alles einfach weggespült. Das Lebewesen wird ebenfalls vom verräterischen Rot befreit und feinsäuberlich verpackt. Man merkt nichts davon. Die Verbindung zwischen dem Leben, das war und grausamst genommen wurde, wurde schon lang gekappt. Nicht nur, dass man es nicht sieht und nicht hört, man wird nicht einmal durch das Tote, das man in sich hineinstopft, daran erinnert. Weil es nicht mehr erinnert, sondern wie vom Himmel gefallen erscheint.
Lady Macbeth steht knöcheltief im Blut, von oben bis unten damit besudelt, aber es macht ihr nichts, denn sie kann es abwaschen, ausziehen und in ihren feines, weißes Kleid schlüpfen, so das so zart und unschuldig wirkt wie ihre Hände. Eine Schicht, zwischen ihr und dem Geschäft des Vernichtens, die einfach abgestreift wird, ohne Spuren zu hinterlassen. Und keine Gesellschaft würde sie dafür ächten, dass sie dieses Geschäft der Lustbefriedigung ausübt. Dankbar sind sie, es nicht selbst tun zu müssen, wird ihre abartige Lust zu einer Tätigkeit, die vielleicht nicht angesehen ist, aber zumindest respektiert wird. Wer tote Tiere essen möchte, muss es goutieren, dass sie ermordet werden, von anderen. Und Lady Macbeth hat ihre Berufung gefunden, im Fleisch.

