Ein Buch zu Weihnachten (2)

Buch Weihnachten - Daniela Noitz | vegane österreichische Autorin

„Auf den rechten Weg? Mädchen ist das Wichtigste sich zu verlieben? Aus welchem Jahrhundert stammte diese Trulla denn“, dachte die Verkäuferin bei sich, laut allerdings sagte sie, „Nun, da haben wir eine große Auswahl, wie Sie sich denken können, denn es sollen doch alle Mädchen auf den rechten Weg geführt werden. Da interessiert sie sicher nicht Politik oder Geschichte oder andere Sachbücher. Was macht Ihre Tochter denn beruflich?“
„Wissen Sie, sie ist ein gut geratenes Mädchen, grundsätzlich, was auch kein Wunder ist, bei der Mutter“, begann die Frau, die ihr das Leben geschenkt hatte nun vertrauter zu werden, „Aber sie studiert, leider. Ich fürchte fast, sie pflegt auch schlechten Umgang. Sie ist bei einer linken Partei. Also gesagt hätte sie das nicht, aber ich habe so eine Vermutung.“
„Wie können Sie so etwas vermuten?“, zeigte sich nun die Verkäuferin ihrerseits interessiert, denn das Mädchen gefiel ihr, war sie doch selbst parteipolitisch organisiert und es fiel der Tochter offenbar nicht ein, sich mit dem Lebensweg zu begnügen, den ihre Mutter sichtlich als den einzig möglichen für eine Frau ansah, trotz allen Fortschritts und der hart erkämpften Rechte.

„Sie werden es nicht glauben, aber sie engagiert sich für geflüchtete Menschen, ich meine nicht mit Spenden, das tut auch jeder gute Christ, sondern sie hilft ihnen Deutsch zu lernen, ohne Entgelt“, flüsterte die Mutter der Verkäuferin zu.
„Für Gotteslohn sozusagen“, konnte sich diese nicht verkneifen der Frau, die sich selbst für eine gute Christin hielt, zu sagen.
„Nein, sie gibt sich mit dem Pöbel ab, richtig in Person“, gestand sie der Fremden gegenüber ein.
„Und was studiert Ihre Tochter?“, hakte die Verkäuferin nach.
„Bauer“, kam die kurze Antwort.
„Sie meine, sie studiert Bodenkultur“, vergewisserte sich die Angestellte.
„Ich glaube, so heißt das“, meinte die Mutter.
„Und da sind Sie sich sicher, dass Ihre Tochter einen Liebesroman will?“, musste sie nachfragen.
„Es wird sie auf jeden Fall auf den rechten Weg führen“, zeigte sich die Notarsgattin überzeugt.
So führte die Angestellte die Dame zur entsprechenden Abteilung und machte ihr einige Vorschläge, die die von Bildung unbelastete, dankbar annahm.

Hübsch verpackt standen an diesem Abend drei Bücher unter dem Weihnachtsbaum. Nach dem obligatorischen Essen, das der Mutter seit einiger Zeit Kummer bereitete, da sich die Tochter nicht nur weigerte, Fleisch zu essen, sondern auch alles andere, was von Tieren kam. Dabei war so eine Weihnachtsgans was ganz Wunderbares und ob die eine Gans lebte oder nicht, was machte das für einen Unterschied. So hatte die Mutter darauf bestanden, dass die Tochter selbst kochen sollte. Das hatte sie getan und die Gans tatsächlich nicht angerührt. Aber nun ging es darum, die Geschenke zu öffnen und da war die Mutter wieder guter Dinge. Doch zunächst wurde noch gebetet, gesungen und überhaupt viel Zeit damit verbracht dem ebenso obligatorischen Weihnachtsbaum beim Sterben und den Kerzen beim Abbrennen zuzusehen. Erst als diese Punkte auf der Traditionsliste abgehakt waren, wandten sie sich ihren Geschenken zu. Stolz hob die Mutter die Bücher auf und drückte sie ihrer Tochter in die Hand.
„Danke Mama“, erklärte diese mit einem strahlenden Lächeln, das sie über die Jahre ihrer Mutter gegenüber perfektioniert hatte.
„Mach es auf“, forderte diese, wobei sie jede Regung genau beobachtete. Langsam und vorsichtig kam die Tochter der Anweisung nach. Als sie die Bücher unverpackt in Händen hielt, musste sie sich eingestehen, ihre schlimmsten Erwartungen wurden nicht nur erfüllt, sondern sogar noch übertroffen. Auf jedem Cover waren halbnackte, muskelbepackte Männer zu sehen, die ohnmachtsfällige zarte Damen in ihren starken Armen hielten, wobei letztere es nicht unterließen, die Herren unterwürfig anzuschmachten.
„Und, was sagst Du?“, hörte die Tochter die Mutter fragen, „Gefallen sie Dir?“
„Wundervoll“, meinte die Angesprochene, nachdem sie den ersten Schreck verdaut und zu ihrem Lächeln zurückgefunden hatte, „Es ist so schön zu sehen, wie gut Du mich und meine Interessen kennst. Das hat es sicher genau getroffen.“
„Oh das freut mich so sehr“, zeigte sich die Mutter begeistert, „Und wer sollte Dich kennen, wenn nicht Deine Mutter?“ Damit drückte die so gut gekannte Tochter der Mutter ein Küsschen auf die Wange. Später würde sie diese Romane verschenken. Doch an wen? Eigentlich sollte niemand mit diesem Schund behelligt werden. Aber es war auch schade, diese wegzuwerfen. Vielleicht könnte sie sie noch umtauschen. Auf etwas, was die Zeit des Lesens wert war. Tatjana, so hieß die Tochter, konnte nicht verstehen, dass es heutzutage tatsächlich noch Frauen gab, die sich durch diesen Unsinn Zeit stehlen ließen, die sie für die Weiterbildung nutzen könnten und sich damit auf ein bestimmtes Frauenbild einschwören ließen.
„Ich freue mich, dass wir alle so frohe Weihnachten feiern“, riss die Mutter Tatjana aus ihren Gedanken, „Dass alle so schöne Geschenke bekommen haben, die sie glücklich machen.“
„Gut erkannt“, erklärte Tatjana lapidar, bevor sie sich endlich in ihr Zimmer zurückziehen durfte. Vielleicht war es tatsächlich höchste Zeit auszuziehen, auch um sich solch eine Farce fürderhin zu ersparen.

Kommentar verfassen

Noch mehr Lesestoff:

Kommentar verfassen