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Life is too short for boring stories

Kurz wandte ich ihr den Blick zu. Der Rücken war schmal und ich merkte, dass sie leicht zitterte. Den Kopf stützte sie auf die Rückenlehne und die Arme hielt sie vor dem Bauch ineinandergeschlungen. Zumindest vermutete ich es, denn sehen konnte ich es nicht. Ein wenig seltsam wirkte es schon, so dass ich mich sofort fragte, wie denn die Dame mit ihrem Gouvernantengehabe reagieren würde. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Sobald das Mädchen die Türe geöffnet und das Abteil betreten hatte, begann besagte Dame mit der vorgeschobenen Brille auf der Nase, sie sichtlich pikiert zu mustern. Dass ihr das Äußere des Mädchens nicht gefiel, stand außer Zweifel. Irgendeinen Begriff zwischen schlampig und verwahrlost würde sie wohl benutzen, würde sie jemand nach ihrer Meinung fragen. Auch wenn das gar nicht notwendig war, denn sie stand ihr regelrecht ins Gesicht geschrieben. Doch als sich dann das Mädchen noch dazu verkehrt auf den Platz setzte, die Türe offenließ und ansonsten nicht weiters um die anderen Fahrgäste bekümmerte, schien dem Fass den Boden auszuschlagen. Der saß aber bei ihr von vornherein sehr locker, wie ich annahm.

„Sie, Fräulein! Könnten Sie bitte die Türe schließen? Es zieht!“, ließ sie ihre hohe, schneidende Stimme vernehmen, die vor Zorn zu beben schien. Bevor das Mädchen reagieren konnte, nahm ich es ihr ab.

„Mit Ihnen habe ich nicht gesprochen!“, fuhr mich jene Dame an.

„Das macht nichts“, gab ich ruhig zurück, was mir desto schwerer fiel, weil ich mit aller Gewalt ein Lachen unterdrücken musste, „Sie wollten die Türe geschlossen haben. Das ist sie jetzt. Wer es macht, ist letztlich belanglos.“

„Ist es nicht!“, erwiderte sie. Ihr Zorn ließ ihre Stimme noch mehr erbeben, schließlich musste sie davon ausgehen, dass man sich gegen sie verbündet hatte, „Ich bin in meinem Leben noch nie so ignoriert worden! Impertinent ist das!“

„Dann wird es Zeit, dass sie sich daran gewöhnen“, gab ich kurz und bündig zurück.

„Und außerdem, wie die dasitzt!“, fuhr die Dame fort, „Das ist nicht erlaubt. Das kann nicht erlaubt sein. Den Mitfahrenden den Rücken zuzudrehen, was für ein Affront.“ Demonstrativ wandte sich der junge Mann mit den Dreads mehr in meine Richtung und wandte der sich immer mehr Ereifernden damit ebenfalls den Rücken zu.

„Was soll das werden? Eine Verschwörung gegen die, die sich anständig und gesittet benehmen?“, fragte sie in die Runde. Der Herr im Dreiteiler tat so, als hätte er nichts gehört und gesehen, der Fettklops neben ihm erging sich in einem jovialen Schnarchen, nur der Goabursche drehte sich nun doch zu ihr.

„Menschen zu verurteilen, aufgrund ihres Aussehens oder ihrer Kleidung oder ihrer Eigenheiten, das hat nichts mit anständig oder gesittet zu tun, sondern nur mit dem Drang, jedem seine eigene Lebensphilosophie aufzuzwingen“, meinte er, ruhig und sachlich. In dem Moment wurde die Türe des Abteils abermals geöffnet und der Schaffner verlangte die Fahrscheine. Wortlos wurden Sie ihm überreicht. Selbst das Mädchen, das ihm den Rücken zuwandte, reichte ihm das geforderte Stück Papier.

„Herr Schaffner, sagen Sie der jungen Dame, dass Sie so nicht sitzen darf!“, forderte die Dame mit aller ihr möglichen Vehemenz.

„Gnädige Frau, ich verstehe Ihr Anliegen“, gab der Angesprochene jovial zurück, „Aber dennoch gibt es keine Vorschrift, die besagt, wie jemand seinen bezahlten Platz benutzen darf, so lange sie oder er ihn nicht verschmutzt.“ Damit schloss er die Türe wieder.

„Aber Sie, Sie sind ein integrer Mensch“, wandte sich die Dame in ihrer Verzweiflung darüber, nicht gehört zu werden, an den Herrn im Dreiteiler, „Sprechen Sie doch ein Machtwort.“ Irritiert sah der Angesprochene sie an, doch es war der Moment, da das Mädchen aufstand und das Abteil verließ. Entschlossen folgte ich ihr, weil ich mir das nicht länger anhören wollte. Hinter mir kam der Mann mit den Dreads. Sogar der Dicke hatte sich anscheinend aus seinem Sitz gestemmt und folgte unserem Beispiel. Zuletzt packte auch der Mann im Dreiteiler sein Gerät zusammen und ließ die Dame alleine.

„Nicht einmal die Türe schließen können sie“, war das letzte Mal, dass ich die pikierte Stimme jener Dame hörte. Still stellte ich mich neben das Mädchen. Ihre Arme hielt sie immer noch schützend vor sich, als ich merkte, dass sich etwas in darin bewegte, ein kleines, schützenswertes Leben. Und sie erwiderte mein Lächeln.

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