Rafft die Röcke, ihr Frauen der Commune!

Frauen Commune - Daniela Noitz | vegane österreichische Autorin

Zum Tag der Pariser Commune

„Rafft die Röcke, greift zu den Waffen und erklimmt die Barrikaden“, war der Aufruf an die Frauen, dem sie folgten. Es war ihnen gesagt worden, ihre Waffe sei der Kochlöffel, ihr Wirkungskreis der häusliche Herd und ihre Sorge das Wohlbefinden der Familie. Ja, das nahmen sie sich zu Herzen, als sie schossen und kämpften, sich verhaften und deportieren ließen im Frühling 1871, während dieser 72 Tage, in denen sich Paris verwandelte in die große Familie der Communarden, der Mitstreiterinnen und Vorkämpferinnen, nicht nur der sozialen Rechte, der Demokratie, sondern auch für die Rechte der Frauen. Und wer einen Kampf für seine Rechte führt, kann nicht danebenstehen, still und verschämt, um andere eintreten zu lassen, sondern er mischt sich in den Kampf. Was Frauen können oder nicht wurde nicht mehr hinterfragt, sondern auf den großen Friedhof der Geschichte, der Vorverurteilungen und akademischen Weisheiten verbannt, denn sie taten es einfach, was man ihnen nicht zugetraut hatte.

72 Tage im Umbruch verschafften den weiblichen Kämpferinnen das Recht auf Arbeit und gleichen Lohn. Es spielte keine Rolle mehr, ob Kinder ehelich oder unehelich waren, sondern sie wurden einander gleichgestellt. In Rechten und Pflichten. Bildungs- und Krankenpflegeeinrichtungen wurden säkularisiert. Die Unterdrücker aus allen Bereichen des Lebens entfernt, Adel und Klerus.

Frauen könnten sich nicht organisieren? Frauen organisierten sich. Frauen verstünden nichts von Politik? Frauen mischten sich ein in die politischen Diskussionen in den Debattierclubs. Frauen vermögen keinen Überblick zu haben über größere Zusammenhänge? Frauen nahmen an der Organisation der Commune teil. Frauen könnten nicht kämpfen? Frauen übernahmen ihren Anteil am Bau und an der Verteidigung der Barrikaden.

Alles verloren, nach 72 Tagen, in denen sie die Freiheit geschmeckt, die bürgerlich-reaktionären Vorurteile über Bord geworfen hatten. Es blieb nichts übrig von den Fortschritten und Entwicklungen, die die Communarden erzwungen hatten. Die Uhren wurden zurückgestellt auf den 17. März 1871, den Tag vor der Commune, als wenn man geschichtliche Ereignisse, die Umwälzung einer Gesellschaft einfach löschen könnte. Und sie legten die Waffen nieder, die Frauen der Commune, die, die noch lebten und nicht deportiert worden waren, tauschten sie gegen den Kochlöffel und ließen sich zurücktreiben an den häuslichen Herd.

Der Stein des ersten Mordes, der zum Symbol des Aufbegehrens mutierte, wurde zurückgelegt in den Schrank und eingeschlossen. Das Blut derer, die sich für Freiheit und Gleichheit aufgeopfert hatten, war verspritzt worden, auch auf die rote Nelke, die nicht wankte und fortblühte, weil sich das Leben durchsetzt, unter welchen Umständen auch immer. Erst wenn die Umstände so unerträglich werden, wenn es nichts mehr zu verlieren gibt, werden sie sich erinnern, des wohlverwahrten Steins und der Nelke, die trotzt, die ihnen Aufruf und Verheißung ist.

Aus dem Buch: „Die Nelke ist auch nur im Licht rot“

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