Das namenlose Geschlecht (2): Die Gräben zu vertiefen

„Du interessierst Dich nicht mehr für mich“, erklärt sie mit zusammengebissenen Lippen. Spätestens an dieser Stelle müsste er auf der Hut sein, aber noch ist er arglos.

„Wie kommst Du denn darauf?“, fragt er, zumeist mit echtem Interesse, aber immer mit Verblüffung.

„Ich muss immer alleine hier sitzen. Nie setzt Du Dich zu mir“, führt sie aus.

„Aber wir haben doch erst gestern …“, versucht er, aber weiter kommt er nicht.

„Weil Du Dir das Spiel ansehen wolltest. Nie sitzt Du bei mir, wenn ich mir was ansehen will. Du nimmst keinen Anteil an dem, was mich interessiert“, meint sie lakonisch. Er entscheidet sich dafür, einfach zu tun was sie will. Damit hofft er diese sinnlose Diskussion zu beenden.

„Du setzt Dich jetzt nur zu mir, weil ich es gesagt habe“, sagt sie, als er sich gesetzt hat.

„Und was ist schlecht daran?“, fragt er offen.

„Dass nie etwas von Dir kommt. Wenn ich es Dir erst sagen muss, dann hat es doch keinen Sinn“, spricht sie …

Wir wollen an dieser Stelle aus dem Gespräch aussteigen, denn eines ist klargeworden. Ganz egal, was er macht oder sagt, er hat schon verloren. Zurück bleiben gekränkte Eitelkeiten, und die Gewissheit, Mann und Frau können nicht miteinander. Aber warum ist es notwendig, dass Frauen in so vielen Fällen alles dazu tun eine Situation eskalieren zu lassen, um sich dann zum Opfer zu stilisieren? Aber ich möchte noch weitergehen. Warum entblöden wir uns nicht mit prickelnder Erregung einen Roman zu verschlingen, in dem sich eine Frau mit Freuden, ja mit Lust einem ignoranten, präpotenten, narzisstischen, mental und emotional minderbemittelten Mann unterwirft, und das noch hochgelobt wird? Warum verstehen wir unter Individualität jeder aktuellen Entwicklung im geradezu läufig-geifernden Rudelverhalten hinterherzulaufen?

 

Kosmetik wird zur Maskerade mit austauschbaren Gesichtern. Körperkult, der sich einem fragwürdigen Ideal unterwirft, das jegliche Individualität negiert. Modetrends, die uns vorgaukeln, wir hätten eine Wahl. Unsinnigkeit par excellence. Dabei geschieht nichts Anderes, als dass wir bei allem, was wir tun darauf achten, ob es von anderen goutiert wird. Die Außensicht wird zum eigentlichen Wertmaßstab. Skeptisch verfolgen wir jeden Blick. Wir überlassen das Urteil den anderen und übernehmen es ungefragt. Damit machen wir uns völlig abhängig. Nichts was wir tun oder denken, ist unabhängig von diesem Urteil, denn wir wollen gefallen. Anbiedern. Unterwerfen Einer Meinung. Einem Urteil. Einem Blick. Wir fragen nicht, was wir für gut befinden, was uns gefällt oder ob wir unsere Leistung anerkennen. Das alles zählt nicht, weil es von uns selbst kommt. Damit degradieren wir uns zum Objekt der Beurteilung. Doch nicht genug damit, wir lassen nicht nach andere fortwährend zu beurteilen. Diese Abhängigkeit führt dazu, dass wir ohne den Blick des Anderen nicht existieren können, nicht existent sind. Eine positive Beurteilung lässt uns aufblühen, wohingegen eine negative uns gänzlich abwertet. Aber wir können nicht einfach hingehen und das einfordern. Es muss von selbst kommen. Doch mit der Zeit kommt es immer seltener. Und das führt uns zu solchen Gesprächen, wie es anfangs skizziert wurde.

 

Damit werden die Gräben immer tiefer und tiefer. Wir schaufeln fleißig weiter, um uns dann darüber zu mokieren, was wir selbst angezettelt haben. Dennoch sehen wir es nicht. Finden immer die Schuld im anderen, der uns seine Zuwendung, seinen Blick vorenthält. Doch wie kommt es dazu? Warum lassen wir es in unserem Leben geschehen, dass wir unseren eigenen Blick negieren und uns selbst von uns entfremden, so dass wir uns aus unserem Körper, unserer Ganzheit verabschieden? Warum ist diese Entzweiung so permanent vorhanden? Warum ist es so schwer uns mit uns selbst auszusöhnen und zur Ganzheit zurückzufinden? Warum können wir die Herrschaft über unser Sehen und Gesehen-werden ohne Weiteres abgeben? Warum bleiben wir nicht bei uns?

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