Angestrengt sah Victor in die Ferne und Tränen liefen ihm lautlos über die Wangen. Es ließ sie zu. Es wirkte, als wären sie schon lange dagewesen, ungeweint. Er legte keinen Wert darauf, sie geheim zu halten. Er ließ sie geschehen, einfach so.
„Es war nicht leicht, diese Situation, in der wir uns neu finden mussten“, hob er endlich an und Tatjana hörte zu, „Und wir brauchten drei Tage, um zu erkennen, was die Frage war, um die es grundlegend ging, die Frage, die Voraussetzung dafür war, um überhaupt weiterzureden, und diese lautete: ‚Wollen wir bzw. beide Beteiligte für sich, dass es weitergeht?‘ Und diese konnten wir für uns, je für uns selbst eindeutig mit Ja beantworten, denn wenn wir hier schon verneint hätten, dann wäre es unausweichlich gewesen, sich zu trennen. Aber egal wie, wir wollten. Und mit diesem Eingeständnis war auch die Zuversicht wieder da, denn wenn man etwas will, dann kann es sein, nur, wenn man nicht will, wird es nichts.“ Tatjana atmete hörbar auf, denn sie hatte vor lauter Anspannung bei den letzten Worten unwillkürlich den Atem angehalten.
„Und das ging dann so einfach?“, fragte die Tochter nach.
„Du weißt, einfach ist so eine zwischenmenschliche Situation nie, aber wir haben es geschafft und letztlich führte es dazu, dass Du geboren wurdest, unsere Nachzüglerin, unser Nesthäkchen. Manchmal denke ich, ich habe mich Dir gegenüber eher wie ein Großvater als ein Vater benommen, aber warum auch nicht. Ich war schließlich schon 47 als Du zur Welt kamst und Du warst mit Sicherheit unser letztes Kind. Da ist man besonders achtsam“, erzählte Roland.
„Das habe ich ausbaden dürfen“, warf Tatjana ein, „Aber weißt Du, wovon ich gar nichts weiß oder so gut wie nichts, wie Euer Leben bis dahin verlaufen ist, wie ihr, Du und Mama, Euch kennengelernt habt.“
„Ich werde es Dir erzählen, wenn Du das wirklich möchtest“, stimmte Roland zu.
„Ja, das will ich“, meinte Tatjana, auch, weil sie wusste, dass es vielleicht die letzte Chance war, bevor Roland seine geistigen Kräfte zu sehr verließen.
Die nächsten Tage waren angefüllt mit dieser Erzählung, denn immer wieder verlor sich Roland, so dass sie pausierten, am Strand spazieren gingen oder er einfach wegdämmerte, dorthin, wohin ihm Tatjana nicht folgen konnte. Aber zuletzt hatte Tatjana eine vollständige Erzählung bekommen, die sich wie folgt zusammenfassen lässt.
Roland Winter wurde im Jahre 1955 geboren, in dem Jahr, in dem Österreich von den Besatzungsmächten befreit worden war und den Staatsvertrag erhielt, in dem auch die immerwährende Neutralität festgeschrieben war. Der Krieg war seit zehn Jahren vorbei, aber die Auswirkungen waren immer noch sichtbar. Der Aufbau war noch nicht gänzlich vonstatten gegangen, die Versorgungslage nicht perfekt, aber es war so viel an Aufbruchsstimmung da, dass es nur aufwärts gehen konnte. Rolands Vater war gelernter Drechsler, so wie es auch sein Sohn wurde. Doch er war auch politisch aktiv, der Vater, der Großvater von Tatjana, die ihn nicht kennengelernt hatte, denn er nahm sich das Leben, bevor seine Enkelin auf die Welt kam. Lange bevor. Rolands Vater war im Widerstand gewesen, doch die Faschisten schnappten ihn und sperrten ihn in ein Konzentrationslager. Schreckliche Dinge waren dort geschehen, so schreckliche Dinge, dass er verstummt war, weil es keine Worte dafür gab. Der Zugang war versperrt. Etwas war in dem Mann zerbrochen. Die Faschisten hatten Roland seinen Vater genommen, seiner Mutter den Mann. Dennoch lebte er noch einige Jahre, bis er meinte, er könne nun gehen. Als Roland gerade mal 16 Jahre alt war, fand er den Vater vor. Erhängt im Stall. Dann musste der Sohn, der einzige, arbeiten gehen, denn das Wenige, das seine Mutter als Näherin verdiente, reichte nicht, um sie am Leben zu halten. Bald schon konnte Roland die Mutter unterstützen und das machte ihn stark. Niemals, so schwor er sich damals, würde er jemanden, der ihn brauchte, im Stich lassen. Ob er sich daran gehalten hatte und wenn ja, wie? Die Lösung, die er für sich fand, war ebenso erstaunlich wie – nüchtern betrachtet – naheliegend.
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