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Life is too short for boring stories

Ich hatte an diesem Tag einen langen Spaziergang gemacht. Auch, weil es ausnahmsweise nicht regnete. Zunächst wollte ich nur mit den Hunden ein wenig rausgehen. Hope wurde schon langsam unruhig. Sie brauchte Bewegung, doch wollte gleichzeitig bei ihren Babies bleiben. So war ich bei den Kleinen, während sie sich ein wenig bewegte. Allzu weit wagte sie sich nicht weg. Auch wenn sie offenbar Vertrauen zu mir hatte, wollte sie ihre Kinder so gut wie möglich im Auge behalten. Dann gingen sie zurück ins Haus. Ich wollte noch nicht wieder hinein. Stattdessen ging ich. Nichts weiter. Ich setzte einen Fuß vor den anderen, so wie das mit dem Gehen eben funktioniert. Einen Fuß vor den anderen. Es ist eine Möglichkeit eine Distanz zurückzulegen. Viele haben bereits darauf vergessen. Oder nutzen sie nur im Notfall und wenn es nicht anders geht. Von der Haustür zum Auto, unter anderem. Ich hatte jedoch kein Ziel, außer dass ich das Gehen spüren wollte und meinen Körper, der nichts anderes tat, als einen Fuß vor den anderen zu setzen. Es spielte keine Rolle wohin sie brachten. Einfach nur einen Fuß vor den anderen, bis ich auf einer Anhöhe stand und mir Zeit nahm den Ausblick, den ich von meiner erhöhten Position aus hatte, zu sehen. Das Land um mich, die Weite und die Ruhe, die ich spürte. Dann ging ich den Hügelkamm entlang und wieder zurück zum Haus. Es tat gut. Die Möglichkeit. Die Weite. Die Geborgenheit. Der Friede. Die Bewegung. Und doch war es nichts, als einen Fuß vor den anderen zu setzen.

„Du bist ziemlich lange weg gewesen“, meinte Maria, als ich zurückkam.

„Tatsächlich?“, gab ich versonnen zurück, während ich aus dem Fenster sah, hinaus in die bereits aufkommende Dämmerung, „Du hast recht. Es müssen Stunden gewesen sein. Es ist mir nicht aufgefallen.“

„Du hast das Mittagessen versäumt“, räumte sie ein, was nun wirklich ungewöhnlich war, weil ich ansonsten nie auf Essen verzichtete.

„Ich habe es nicht gemerkt. Nicht wie die Zeit verging. Nicht, dass ich Hunger gehabt hatte.“ Und dann erzählte ich was ich gemacht hatte, was übertrieben ist, angesichts der Tatsache, dass es nur das war, das einen Fuß vor den anderen setzen.

„Es ist gut seiner inneren Stimme zu folgen“, sagte Maria, als ich das gesagt hatte, „Sie zeigt Dir den Weg. Sie weist Dich richtig.“

„Und was ist, wenn mir diese innere Stimme sagt, ich solle eine Straftat verüben, ist es dann immer noch die richtige Weisung?“, fragte ich.

„Das kommt ganz darauf an“, erwiderte Maria, „Ich bin mir sicher, Du denkst da an etwas ganz Bestimmtes. Habe ich recht?“

„Ja, Du hast recht“, gab ich zu, während ich mich zurückerinnerte, an jenes Ereignis, das ich bis heute nicht recht begreifen konnte und durchaus keinen Einzelfall darstellte. Ganz im Gegenteil, überall auf der Welt geschieht es. „Eine Freundin von mir lebte in einem kleinen Ort, am Lande. Viele Jahre hatte sie dort gelebt. Den Ort kannte sie nicht wirklich. Erst als sie einen Hund bekam, mit dem sie spazieren ging, erkundete sie den Ort. An einem Ende desselben, nicht allzu weit weg von den Wohnhäusern, wurde sie eines Tages auf ein langgestrecktes Gebäude aufmerksam. Es sah aus wie eine Lagerhalle. Im Großen und Ganzen war es ein Betonbau, mit einem Rolltor auf jeder Schmalseite und kleinen Fenstern, die jedoch so hoch oben waren, dass man nicht in das Innere sehen konnte. Sie fragte sich, was da wohl drinnen sein mochte. Immer wieder ging sie daran vorbei, bis sie jemand traf, der gerade das Tor schloss. Zielstrebig ging sie auf den Mann zu und fragte ihn geradeheraus was sich denn in dem Gebäude befände. Er erzählte ihr, dass sich in der Halle Hühner befänden und war schon wieder weg. Zunächst war meine Freundin mit dieser Auskunft zufrieden, doch nur zunächst. Dann keimte der Wunsch in ihr, dass sie die Hühner sehen wollte. Deshalb ging sie nur mehr dort spazieren. Bis sie den Mann wiedersah und ihm ihr Anliegen vorbrachte. Nachdem er sowieso einen Kontrollgang durch die Halle machen musste, meinte er, sie könne doch einfach mitkommen, bloß der Hund müsse draußen bleiben. So band meine Freundin ihren Hund an und folgte dem Mann in die Halle. Sie hatte nicht die geringste Ahnung gehabt was sie erwarten würde, doch was sie da zu sehen bekam, das verschlug ihr sowohl Sprache als auch Atem. Dicht an dicht saßen die Hühner auf dem Boden. Die Füße waren verätzt durch den Kot, in dem sie standen. Ihren eigenen Kot. Viele hatten kaum noch Federn auf dem Leib. Der Mann ging vor ihr her und trug einen leeren Kübel. Zu Anfang. Als sie den Rundgang beendet hatten, war der Kübel voll, voll mit toten Hühnern, die er einfach eingesammelt hatte, ohne jegliche Rührung, als wären es Äpfel, die vom Baum gefallen waren. Dennoch bedankte sich meine Freundin artig, weil sie mitgehen durfte und verließ die ungastliche Stätte. Und auch wenn sie körperlich entfliehen konnte, so kam es ihr nämlich vor, so gelang das nicht mit ihren Gedanken. Immer und immer wieder tauchten die Bilder vor ihr auf. Diese schrecklichen, herzzerreißenden Bilder. Hühner gehörten doch auf die Wiese, meinte sie damals zu mir, als wir uns auf Kaffee und Kuchen trafen, nicht in eine stickige Halle, in der sie vor sich hinvegetieren bevor sie getötet werden. Das könne doch nicht erlaubt sein, fuhr sie fort, und wollte sofort, dass das alle Welt erfuhr. Doch wie sollte sie es anstellen. Ich riet ihr damals sich an eine Tierschutzorganisation zu wenden und diese zu fragen. Die wüssten sicher Bescheid, ob das Rechtens wäre. Wenige Tage später konnte sie mir berichten, ja, es wäre Rechtens. Der Landwirt hielt sich penibel an alle Vorschriften und die Hühner wurden gesetzeskonform gehalten. Wir, also meine Freundin und ich, konnten es kaum glauben. Hier, in unserem schönen Land, war es tatsächlich erlaubt, Hühner in eine Halle zu sperren, in ihrem eigenen Kot stehen zu lassen, ohne natürliches Licht, ohne Beschäftigungsmöglichkeit. Das konnte doch nicht richtig sein!“

„Du siehst“, warf nun Maria ein, „Nur, weil etwas Rechtens ist, muss es deswegen noch lange nicht richtig sein. Aber ich denke, es geht noch weiter.“

„Ja, es ging noch weiter“, bestätigte ich, „Wir beschlossen die Zustände zu dokumentieren und ein paar von den Hühnern zu befreien. Das ging allerdings nur heimlich bei Nacht. Wir brachen also dort ein, machten unsere Fotos und nahmen fünf Hühner mit. Fünf, von denen wir meinten, sie wären am schlimmsten dran. Dann erstatteten wir Selbstanzeige. Die Beweismittel gaben wir an die Medien weiter. Doch was dann geschah, das holte mich von meiner rosaroten Wolke in die Realität. Zunächst die Reaktion im Dorf selbst. Die Menschen waren empört, dass wir das Eigentum nicht achteten und widerrechtlich eingestiegen waren. Dann noch der Diebstahl. Wie Verbrecher wurden wir behandelt, die wir in ihren Augen auch waren. Der Bürgermeister höchstpersönlich kam um uns darüber aufzuklären wie wichtig doch solch ein Betrieb wäre. Und meinte damit die Kommunalabgaben. Doch zu den Zuständen, unter denen die Hühner vor sich hinvegetieren mussten, darüber verlor niemand ein Wort. Das war offenbar ganz normal. Überall auf der Welt setzen sich Menschen für die ein, die weggesperrt, misshandelt, vergewaltigt, missbraucht und grausam getötet werden. Milliarden unserer Mitgeschöpfe zwingen wir unter den erbärmlichsten Umständen ihr kurzes Dasein zu fristen. Nicht die, die es ermöglichen, dass das so geschieht, werden angegriffen, sondern die, die darauf aufmerksam machen. Sie werden schikaniert, eingesperrt, verleumdet und misshandelt. Wie die Lebewesen, für die sie sich einsetzen. Die Mehrheit macht die Augen zu. Will nichts hören, nichts sehen, nichts wissen. Manchmal heißt es noch, es sind doch bloß Tiere. Bloß Tiere. Unser Eigentum, mit dem wir machen können was wir wollen. Immer wird auf die losgegangen, die sich für Schwächere einsetzen. Was für eine verkehrte Welt. Immer geschieht es, und zu Weihnachten noch verstärkt. Für den Braten am Feiertag. Ist denn da der Sinn von Weihnachten nicht gänzlich verloren gegangen? Da sitzt dann die Familie am Heiligen Abend rund um den Truthahn, der sterben musste, um das Fest der Liebe zu feiern. Doch wie kann man von Liebe faseln, während der Tod auf dem Teller liegt?“

„Erst wenn der Tod aus den Häusern, den Köpfen, den Körpern verbannt ist, erst dann kann man in Wahrheit Weihnachten feiern“, warf nun Jesus ein, „Alles andere ist leeres Gefasel.“

 

Das Leben und die Liebe als die Botschaft von Weihnachten, als dessen Sinn, kann sich nur dann entfalten, wenn dieses Leben selbst gefeiert wird. Dann erst ist es glaubwürdig. Und ich spürte einen unendlichen Schmerz über die Leblosigkeit, die in den Häusern herrschte, über die Lieblosigkeit, aus Ignoranz oder bloß Gedankenlosigkeit. Es ist eine Sache dem Sinn von Weihnachten auf die Spur zu kommen, aber eine andere, diesen auch umzusetzen. Er war immer da, und sollte auch an allen anderen Tagen des Jahres präsent sein. Doch wie sollte er, wenn er nicht einmal an diesem einen Tag zu verwirklichen war?

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