Als Nietzsche das Pferd umarmte

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Man weiß nicht viel darüber. Spärliche Informationen und diese nicht aus erster Hand, sondern von Zuschauenden. Sie sind es, die diesen Vorfall erzählen. Folgendes ist passiert. Friedrich Nietzsche weilte in Turin. So wie jeden Morgen, ging er auch an diesem 03. Januar 1889 spazieren. Da sah er einen Kutscher, der sein Pferd schlug. Er ging zu dem Pferd und umarmte es, während ihm die Tränen über das Gesicht liefen. Dann brach er ohnmächtig zusammen. Für den Rest seines Lebens, immerhin noch elf Jahre, blieb er in seiner Krankheit befangen, umnachtet.

Friedrich Nietzsche, der Propagandist des Herrenmenschen, der Gott-ist-tod-Philosoph erlebt eine offenbar einzigartige Begegnung, nicht umsonst an der Schwelle zwischen hellem Bewusstsein und der Eingeschränktheit in der Hinfälligkeit. Nicht die Vorwehen dieser geistigen Verstummung war es, die ihm diesen Anblick wahrnehmen ließ, sondern diese Offenheit im letzten Moment der Wachheit, die sich in eine völlige Klarheit gesteigert hat. Es schien wie ein umfängliches Erwachen, heraus aus der Begrenztheit des menschlichen Denkens in ein umfassendes Vernehmen, einer ungetrübten Erkenntnis der geschundenen Kreaturen, des zum Tode leidenden menschlichen und dem in seinen Lebensäußerungen eingeschränkten, misshandelten nicht menschlichen. Es bedurfte keiner Worte. Alles, was sagbar war und je sagbar ist, lag in der Umarmung, der Einswerdung zwischen zweien, die sich im Schmerz und Leiden speziesentgrenzend fanden. Die Tränen über den Schmerz des Anderen, die nun nicht mehr der fremde Andere, aber doch ein von dem Einen, verschiedene ist, ist die Rebellion gegen die Unermesslichkeit des Leidens, das uns alle betrifft. Beide konnten nichts dafür. Nietzsche nichts für seine Krankheit, das Pferd nichts für seine Kategorisierung als Nutztier. Dieses Erkennen war so überwältigend und endgültig, dass es danach nichts mehr gab, nichts mehr, was diese Bezeichnung verdient hätte. In der Umarmung des Pferdes, gepaart mit den Tränen und der Annahme der Umarmung durch das Pferd findet sich die viel umfassendere Vereinigung des Natürlichen, jenseits jeder bürgerlichen Zivilisierung, der kulturellen Überhöhung über das eigentlich Lebendige, das sich in nichts intensiver äußert als in diesem Erkennen des Anderen in seinem So-Sein, in seiner Egalität in der Verwurzelung im Leben.

Das Leben als undifferenzierbar, in dem Sinne, als dass wir alle teil haben an diesem einen Ursprung, dem Urquell, das uns verbindet. Es war zu wenig für den Kategorisierung, Spezifizierungswahn des Menschen. Es konnte nicht stehen bleiben, als bloß, in der Bloßheit des nichts als Leben, das eigentlich nichts anderen bedarf. Doch der Mensch hat nun mal ein großes Gehirn und irgendwann genügend Zeit und Muße, sich mit mehr als mit Essensbeschaffung, Spiel und Fortpflanzung, zu beschäftigen. Deshalb verfiel er in ein allumfassendes Tabularasa, in dem er allen einen Platz zuwies, also den Platz, der diesem aus menschlicher Sicht zustand. Damit ging eine Hierarchisierung einher, die den Einzelnen ihre Wertigkeit zusprachen, Wert oder Unwert. Eine ungeheure Hybris, die den Menschen auch dem Leben und der eigenen Natur entfremdete, Barrieren schuf und immer höher werden ließ, so dass die Verbundenheit aus dem Auge und aus dem Herzen verbannt wurde. Rational begründet. Selbstverständlich, aber weit entfernt von natürlich.

Aber in diesem Moment des Versiegens der Rationalität, wurde das Trennende weggefegt, die Barrieren eingerissen und er sah, wahrhaftig, was so viele sich selbst verwehren, dass dieses Pferd einfach ein Individuum ist wie er selbst, einzigartig und unverwechselbar. Und Nietzsche weinte die Tränen der unterjochten, entrechteten und ausgebeuteten Schöpfung, als die einzigen Tränen, die Wert sind, vergossen zu werden. Es war der Moment des Allumfassenden und eines Verstehens, das sich nur in diesen Ausnahmesituationen zu finden scheint. Was danach kommt? Nichts mehr, außer dem Drang der Aufhebung sämtlicher Strukturen, wenn man es denn verkraftet. Wenn nicht ist es ein Segen, diese Umnachtung. Es ist zu viel, es zu tragen, zu ertragen. So dass es ein Ende wurde, was ein Anfang hätte sein sollen. Denn nichts kann die Unschuld vor dieser tiefgreifenden Erkenntnis zurückbringen, nichts mehr diese Einmaligkeit ungeschehen machen. Und Nietzsche weinte über das eigene Unvermögen, denn was bliebe von seiner Philosophie, wenn die Tränen sie überflüssig machen, ja jedes Wort auslöschen, so dass es neu geschrieben werden müsste. Nietzsche weinte. Mehr war unmöglich, nichts denkbar, als die endgültige Verlorenheit. Es war ein Zusammenbruch angesichts der Untragbarkeit der Erfahrung des Lebens selbst.

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