Das Märchen vom guten Jäger (2)

Das Märchen vom guten Jäger (2) – Alle Geschichten

„Resi“, wandte er sich in der nächsten Werbepause an seine Frau, „Ich werde Jäger.“ Misstrauisch sah seine Frau ihn an. „Du willst doch nur einen Grund haben, noch mehr zum Saufen und Dich vor der Arbeit zu drücken“, erklärte sie stirnrunzelnd. „Nein, ich bin für die Hege und Pflege und für die Natur und ohne Jäger, das geht nicht“, sagte er, „Du musst es ja wissen, Dein Vater ist auch Jäger.“ Das saß, denn sein Schwiegervater war genau aus den Gründen Jäger geworden, die seine Frau anführte, aber das wusste nur ihre Mutter. Für die Resi war er ein Verteidiger des Waldes und Flures, beinahe ein Robin Hood des Wildbrets. Dass das zwar nicht ganz im Sinne des Erfinders war, das ließ er sicherheitshalber dahingestellt. Aber es war etwas geschehen, er hatte sich tatsächlich durchgesetzt.

Kurz darauf sah man ihn in jeder freien Minute eifrig lernen, so dass er die Jagdprüfung oder das grüne Abitur, wie man es so euphemistisch nennt, mit, nun ja nicht mit Bravour, aber immerhin mit Ach und Krach, bestand. „Das mach ma schon“, hatte ihm der Prüfer kameradschaftlich vor der Prüfung gesagt, „Bei mir ist noch kaner durchgfalln. Brauchen ja schließlich anständigen Nachwuchs“, fügte er hinzu, „Nicht nur solche, die die Jagdprüfung machen, um uns dann ans Bein pinkeln zu können.“ „Wie meinst denn des, Luis?“, fragte der Konrad, denn der Prüfer hieß Alois, zu dem alle Luis sagten und war auch gleichzeitig Bürgermeister. „Ist Dir der nicht aufgefallen, der Langzoderte, der sicher einer von den Jagdgegnern ist und quasi in den innersten Kreis vordringt“, erklärte der Luis, „Aber der kann uns nichts, denn schließlich geht alles bei uns waidgerecht zu. So schauts aus.“ Das Schießen lag dem Konrad auch viel mehr als der theoretische Schmarrn. Endlich hatte er das Recht etwas Langes zu haben, mit dem er auftrumpfen konnte. „Die Resi soll mir nochmal blöd kommen, ich habe jetzt ein Gewehr“, dachte er noch, als er es zärtlich putzte. Dann ging er auf die Pirsch. Der kleine Konrad, der sich jetzt ganz groß fühlte, wollte alles mitmachen. Selbst die kleinen Bambis retten vor dem bösen Mähdrescher, machte er mit. Dabei dauerte das elendslang und war im Grunde todlangweilig. Aber bei jedem kleinen Reh, dass er vorsichtig aus dem Feld trug, nachdem es die Wärmebildkamera erfasst hatte, sagte er schmeichelnd: „Du wirst im Herbst erlegt. Was für eine Freude.“ Vorläufig freute sich die Mutter und man muss doch unumwunden zugeben, es ist doch viel besser für so ein Reh von einem umsichtigen Jäger entnommen, als von einem Mähdrescher hingerichtet zu werden. Entnehmen, statt töten oder ermorden, das klang schon nach nett. Und die Menschen fragten nicht nach. Entnehmen, das ist, wie wenn man ein Eis aus der Truhe nimmt. Da denkt niemand an Blut oder Qual. Und die Jäger schießen auch gut, alle. Na ja, meistens und wenn sich das Viech nicht bewegt. Was müssen die sich auch bewegen? Es wäre doch in ihrem Sinne, dass sie sich einfach hinsetzen und warten, bis sie erschossen werden, also geerntet. Sie werden ja nicht geschossen, sondern geerntet. Bei dem Wort kommt einem auch nichts Böses in den Sinn, sondern die Bilder von güldnen Weizenfeldern kommen einem in den Sinn, die dann vom Schnitter umgelegt werden. Ganz sanft und leise. So wie beim Viehzeug. Ganz sanft und leise fallen sie um, fühlen weder Schmerz noch Verlust, denn dazu sind sie schließlich da. „Bitte, bitte, beschützt uns vor dem bösen Raubzeug, macht es tot, denn wir wollen von Euch geerntet werden“, flehen sie geradezu, die Hasen und Rehe und Fasane. Deshalb muss das Raubzeug geschossen werden. Gnadenlos. Die Füchse und die Raben und die Adler. Ach nein, die darf man ja nicht, zumindest Raben und Adler. Aber immerhin Dachs und Fuchs und Marder und Iltis. Dieses böse Raubzeug, das einem braven Jäger einfach die Beute wegfrisst. Und wozu das? Bloß um schnöde den Hunger zu stillen, statt den menschlich erhabenen Tötungsdrang zu erfüllen. Da fiel dem kleinen Mann mit der großen Büchse endlich auf, was ihm noch fehlte. Es war ein Hund, mit dem er dieses vermaledeite Viehzeug zusammenklauben konnte, wenn es, trotzdem es angeschossen wurde, einfach weiterlief. Dabei waren nicht die schlechten Schießkünste der Jäger schuld, sondern weil es bis zum letzten Moment seinem Schicksal entkommen wollte. Doch es gab kein Entrinnen. Dann entschied er sich allerdings gegen einen Nachspürhund und für einen, der für die Baujagd eingesetzt werden konnte. Noch besser, zwei. Deshalb schaffte er sich zwei Dackel an. „Sepp und Wasti, heißen sie“, sagte er seinen Kindern, die sich sehr darüber freuten, bis der Vater hinzusetzte, „Die sind aber nicht zum Spielen. Das sind Gebrauchshunde, dass ihr sie mir nicht verweichlicht.“ Damit verließ er den Raum und die Kinder taten, was Kinder mit süßen Hunden tun, sie verzärtelten sie.

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2 Kommentare

  1. Danke für diese „Einführung“ in die Sprache der Jäger. sie ist nicht neu für mich, doch ich denke, vielen Menschen ist nicht bewußt wie beschönigend und verheimlichend die ausdrucksweise der Jagdbetreiber tatsächlich ist. Jagdbetreiber sind in meinen Augen Menschen, die oft genug einfach Töten wollen, dies aber niemals wirklich zugeben würden.
    Heger und Pfleger, wie wir als Kindern noch die Förster nannten, sind sie jedenfalls praktisch nicht, oder nur sehr, sehr selten – eigentlich nur dann, wenn sie wirklich für ein natürliches Gleichgewicht in der Natur arbeiten und nicht dieses durch Jagd gewaltsam zerstören!

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