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Life is too short for boring stories

„Innerhalb von wenigen Tagen gelang es den Mädchen einen Wald ausfindig zu machen“, erzählte die Großmutter weiter, „Aber nicht irgendeinen Wald, es musste einer sein, der ein Zu Hause für die Wolpertinger und alle anderen Tiere sein könnte. Aber das war nur möglich, wenn dieser Wald nicht von Menschen genutzt werden würde. Da sollten keine Bäume gefällt und keine Tiere geschossen werden. Und das für immer. Sie suchten und suchten und endlich fanden sie das Passende, einen Wald, bei dem sich die Eigentümer verpflichteten, nichts in diesem Wald zu tun. Ihr müsst wissen, in der Menschenwelt muss alles irgendjemanden gehören und wem etwas gehört, das ist der Eigentümer.“ „Das verstehe ich nicht“, meinte Waldo nachdenklich, „Die Menschen sind seltsam.“

„Ja, das sind sie, mein Kleiner“, erklärte die Großmutter lächelnd, „Aber es gibt auch welche, die uns helfen. In der Nacht, bevor der Wald gerodet werden sollte, fuhren die Mädchen mit einem Lastwagen her und luden alle Tiere ein. Natürlich passten nicht alle auf einmal in den Wagen. Deshalb mussten sie immer wieder fahren, aber es gelang, alle Tiere umzusiedeln. Zuletzt fuhren wir mit. Es dämmerte bereits, als wir ankamen. Sophie, die am Steuer saß, schob verkehrt bis zu den ersten Bäumen, so dass wir nur mehr herunterspringen mussten. Sie öffnete die Türe der Fahrerkabine und sprang heraus, als sich plötzlich jemand drohend vor ihr aufbaute. Mit Entsetzen musste sie erkennen, dass es der Bursche war, der sie seit der Zurückweisung verfolgt hatte. ‚Was hast Du da in dem LKW?‘, fauchte er sie an. Sophie versuchte ihm auszuweichen, doch er drängte sie immer näher an den Lastwagen heran, so nahe, dass wohl kaum ein Blatt mehr zwischen sie gepasst hätte. Sophie sah die Wut in seinen Augen und bekam Angst. Doch sie riss sich zusammen, versuchte ihrer Stimme nichts anmerken zu lassen: ‚Nichts, was Dich was anginge.‘ ‚Das wollen wir mal sehen‘, sagte er nur knapp und wollte schon zum Ende des Lastwagens gehen, als ihn Sophies Einwand zurückhielt. ‚Was meinst Du denn, was da drinnen ist? Deine Hirngespinste vielleicht?‘, forderte sie ihn heraus, weil sie wusste, sie musste Zeit gewinnen, musste verhindern, dass er die Ladefläche inspizierte. ‚Du weißt genauso gut, wie ich, dass da diese komischen Viecher drinnen sitzen, die werde ich mir jetzt holen‘, fauchte er sie an. ‚So ein großer, starker Mann und glaubt noch an Märchenfiguren. Ach, wie süß ist das denn‘, erwiderte sie schnippisch. ‚Ja genau die. Du redest sogar mit denen. Ich habe Euch beobachtet und jetzt hole ich sie mir, bevor sie wieder entkommen‘, erklärte er, um seinen Weg fortzusetzen, als plötzlich unvermutet Zoe hervortrat und ihn ebenfalls aufhielt. ‚So, so, die Wolpertinger hast Du gesehen. Ich glaube, mit Deinem Sehvermögen stimmt was nicht. Oder gar mit Deinem Kopf?‘, fragte diese provokant. ‚Dann lass mich halt hineinschauen‘, sagte er mit vor Wut bebender Stimme. Sophie lehnte sich kraftlos an den LKW. ‚Jetzt ist alles verloren‘, dachte sie, obwohl Zoe so ruhig blieb. Da passte doch etwas nicht. ‚Aber bitte, gerne‘, hörte Sophie Zoe entspannt sagen und ging mit ihm hinter den LKW, öffnete die Plane und ließ ihn hineinsehen. ‚Aber der ist ja leer‘, entfuhr es ihm unwillkürlich. ‚Sowas aber auch‘, meinte Zoe amüsiert, ‚All der Aufwand für solche Hirngespinste. Oder ist es nur so schlimm, weil Du jetzt doch niemanden abknallen darfst?‘ ‚Das werdet ihr mir noch büßen!‘, versprach er und stapfte davon. Die beiden Frauen warteten, bis er mit seinem Auto davongebraust war, bevor Zoe das lang zurückgehaltene Lachen endlich herauslassen konnte. ‚Was ist passiert? Wie ist das zugegangen? Wo sind sie?‘, meinte Sophie fassungslos. ‚Das ist ganz einfach‘, meinte Zoe, ‚Während ihr debattiert habt, habe ich mich auf der anderen Seite herausgestohlen und die Plane gerade so weit geöffnet, das unsere pelzigen Freund*innen herausklettern und sich im Wald verstecken konnten. Dann habe ich die Plane wieder verschlossen. Du hast ihn gerade lang genug aufgehalten.‘ ‚Sie sind also in Sicherheit?‘, wollte sich Sophie vergewissern. ‚Ja, das sind sie und es wird ihnen auch nie mehr jemand etwas zu Leide tun‘, bestätigte Zoe. Und seitdem leben wir unbehelligt in diesem wunderschönen, naturnahen und von Menschen unbehelligten Wald, aber nicht nur wir, sondern auch Sophie und Zoe haben eine Hütte, die hier auf einer Lichtung stand, bezogen, als einzige Menschen, die sich hierherwagen.“ Damit schloss Oma Waldburg ihre Erzählung, um zu bemerken, dass die beiden Kleinen bereits tief und fest schliefen. Ja, die beiden konnten sorgenfrei leben und schlafen, wie sie alle, für immer.

Lesestoff für Liebhaber*innen von Mystischem und Skurrilem

Schattenraben

Anonym

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