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Life is too short for boring stories

„Das Mädchen wuchs heran, wurde eine Frau und gründete eine Familie. Sie kam regelmäßig in den Wald, zuerst alleine und später mit ihren Kindern. Es waren zwei Mädchen, Zwillinge und wir begegneten ihnen auch immer wieder“, fuhr Oma Waldburg in ihrer Erzählung fort, „Die Mädchen berichteten uns, dass im Ort niemand mehr an Wolpertinger glaube. Aber sie meinten, das sei auch gut so, weil auch Jäger dort wohnten, die nur allzu gerne einen geschossen hätten. Deshalb behielten sie es für sich.“ „Wie hießen die zwei Mädchen?“ wollte nun Walda wissen. „Sophie und Zoe, so wurde mir berichtet, denn ich lernte sie erst kennen, als sie auch schon erwachsen waren“, meinte die Großmutter, um dann weiter zu erzählen.

„Die Mädchen waren gerne im Wald. Sie lernten so viel von ihrer Mutter, über all die wunderbaren Dinge, die es in einem Wald gibt. Nicht einmal die sonst so scheuen Wildtiere ließen sich durch ihre Anwesenheit beunruhigen. Wahrscheinlich spürten sie instinktiv, dass diese beiden Menschenmädchen im Wald mehr zu Hause waren als unter ihresgleichen. Die Menschen, so wie sie sie kannten, meinten Sophie und Zoe, seien so brutal gegenüber anderen Lebewesen und der Natur. Es täte ihnen so weh, unter ihnen leben zu müssen. Nur im Wald würden sie sich wohl fühlen, als wäre es ihr eigentliches zu Hause. Manchmal dachten sie sogar darüber nach, sich eine kleine Hütte im Wald zu bauen, aber da würde dann ein Stück Lebensraum, den sie bräuchten, den Tieren und Pflanzen weggenommen werden. Deshalb blieben sie, wo sie waren, und versuchten so wenig wie möglich mit anderen Menschen zu tun zu haben. Das Haus, in dem sie wohnten, lag zum Glück am Ende des Ortes, direkt neben dem Wald. Das blieb allerdings nicht unbemerkt und die beiden galten bald als absonderlich. Insgeheim wurden sie wohl auch als Hexen bezeichnet, weil sie auch Salben, Tinkturen und Tees gegen allerlei menschliche Leiden zubereiteten, alles aus Dingen, die sie im Wald sammelten.“ „Aber woher wussten sie das alles?“, wollte nun Waldo wissen. „Von uns natürlich. Wir brachten ihnen bei, was wir wussten“, erklärte Oma Waldburg, „Aber das war auch das Verhängnis, denn ein Bursche, der sich in eines der beiden Mädchen verliebt hatte, ich glaube es war Sophie und von ihr abgewiesen worden war, weil sie erkannte, dass er kein guter Mensch war, verfolgte sie eines Tages heimlich in den Wald. Er meinte wohl, sie würde sich mit einem anderen treffen, denn dieser Bursche war so überzeugt von sich und seiner männlichen Anziehungskraft, dass er sich eine Zurückweisung nicht anders erklären konnte. Doch Sophie traf sich nicht mit einem Liebhaber, sondern mit Waldefried, Eurem Opa. Als erst dachte der Bursche, der auch Jäger war, er wollte diesen Widersacher sofort über den Haufen schießen, aber dann kam ihm eine bessere Idee. Er lief zurück in den Ort und verbreitete eine schreckliche Botschaft. Als Sophie einige Zeit später nach Hause kam, standen bereits viele Männer vor ihrer Türe und meinten, die Schwestern sollten ihnen sofort sagen, wo sich diese Wolpertinger aufhielten, denn diese würden nur Unglück über den Ort bringen und vor allem die Mädchen den Burschen entfremden, wie man ja an ihnen sähe. Sophie und Zoe blieben standhaft und meinten, all das Gerede sei nur die erlogene Geschichte eines Mannes, der keinen Anklang bei den Mädchen fände. Damit gaben sie sich vorerst zufrieden, doch der Bursche ließ nicht locker. Irgendwie wollte er es Sophie heimzahlen, die Zurückweisung und dann auch noch die Behauptung, dass er gelogen hätte. Deshalb ging er zum Besitzer des Waldes und überredete ihn, denselben zu fällen. Dann würde er auch die Wolpertinger ausheben, prophezeite er dem Forsteigner, und damit könne er eine schöne Stange Geld verdienen. Das war offenbar so verlockend, dass er bekannt geben ließ, in sieben Tagen würde der Wald dem Erdboden gleich gemacht. Sophie und Zoe hörten davon und waren zunächst am Boden zerstört. Was sollten sie tun? Sie wollten ihre vierbeinigen Freund*innen retten, aber wie sollten sie das anstellen, in so kurzer Zeit? In ihrer Verzweiflung gingen sie eines Nachts in den Wald und berieten sich wieder mit Eurem Großvater. Miteinander tüftelten sie einen Plan aus, um sowohl uns als auch alle anderen Waldbewohner*innen zu retten. Die beiden Mädchen gingen erleichtert nach Hause, um ihren Plan sofort in die Tat umzusetzen.“

Lesestoff für Liebhaber*innen von Mystischem und Skurrilem

Schattenraben

Anonym

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