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Life is too short for boring stories

Und Du verlorst Dich im Regen, so wie der Regen Dich zu mir getragen hatte. Woher auch immer, aus welcher Zeit auch immer. Ich hatte nie gefragt. Warst Du präsent oder ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten? Kamst Du von hier oder aus einer Utopie, Nichtort und Allerort? Es gibt nichts zu deuten. Nur zuzuhören.

„Und so wie ich von starken Armen in das Auto gesetzt worden war, so wurde ich auch wieder hinausgeworfen. Das Bild vor meinen Augen, die Flammen, die ich sah, als wäre ich nicht nur dabei, sondern mitten drinnen gewesen, hatte mich den ganzen Weg begleitet. Erst als der Wagen bereits weit weg war, der Regen mich wachrüttelte, der ungehemmt strömte, fand ich wieder zu mir, die Tasche, alles was ich hatte, hielt ich fest umklammert. ‚Geh, geh über die Brücke‘, vernahm ich das mir bereits wohlbekannte Krächzen. Wie schnell einem etwas vertraut wird, wenn man alles Vertraute verloren hat. Man giert nach einem Haltepunkt, und wenn dies nur zwei Raben waren, schreckliche Vögel der Nacht. Und doch war sie da, die Brücke, am Beginn des Waldes, eine gemauerte kleine Brücke, hinter der sich der Weg fortsetzte und in der Dunkelheit verlor, so dicht war der Wald. Ich wollte schon Folge leisten, doch da sah ich sie, am anderen Ende der Brücke, zwei Wölfe, einen schwarzen und einen weißen. Und ich schreckte zurück, und als ob die Raben meine Angst gespürt hätten, flogen sie von ihrem Baum herab und setzten sich auf den Rücken der starken Tiere, je einer auf den schwarzen und auf den weißen Wolf. Daraufhin legten sich die Wölfe nieder und sahen mich an. mit ihren sanften Augen. ‚Wenn ich schon alles verloren habe, was tat es dann noch, wenn mich die Wölfe zerrissen?‘, dachte ich und ging über die Brücke, und als ich auf der Höhe der Wölfe war, erhoben sie sich langsam, auffallend langsam, als würden sie spüren, dass mir das Herz bis zum Hals schlug, erhoben sich um vor mir herzugehen, mir den Weg zu weisen. Ich folgte ihnen ohne Arg. Ganz gleich wohin sie mich führen würden, in ihrer Nähe fühlte ich mich plötzlich auf eigenartige Weise sicher. Völlig ohne Zeitgefühl trottete ich hinter ihnen her, lange genug, um meine Erschöpfung noch nicht und den Regen noch immer zu spüren. Da schienen wir angekommen. Ich fand mich allein, mitten im Wald. Warum nur hatten sie mich gerade da alleingelassen? Langsam schälte es sich aus dem Dunkel, eine alte Burg, die schon vom Wald eingenommen schien, so verwachsen war sie. Es war kaum zu sagen wo der Wald aufhörte und die Burg begann. Zaghaft klopfte ich. Das Pochen durchschnitt die Stille, denn außer dem Prasseln des Regens war nichts zu hören. Ein großer hagerer Mann öffnete mir die Türe und bedeutete mir, ihm zu folgen. Er führte mich offenbar ins Wohnzimmer, denn es standen eine schwere Couch und etliche andere Sitzmöbel darin, die allesamt mit weißem Leinen abgedeckt waren. Hier schien niemand zu wohnen, und doch fanden sich Menschen. Ein Feuer brannte im Kamin und sofort war das Bild wieder da, das brennende Haus, die brennenden Menschen, und mitten drinnen jemand, der mit erhobenen Armen das Feuer zu beschwören schien. Aber wer war es? Die Flammen züngelten um die Person, als wollten sie ihr eine Darbietung bringen, unterwürfig und demütig. ‚Es ist gut, dass Du hier bist, denn nun bist Du endlich in Sicherheit‘, riss mich eine feine, klare Stimme aus dem Bild, zerriss es. Ich wandte mich in die Richtung, aus der ich die Stimme zu kommen ahnte, und sah die schönste Frau, die ich je erblickt hatte. ‚Ich bin Deine Tante und da Du als einzige gerettet wurdest, holte ich Dich zu mir. Meine Schwester, mein Schwager, meine Neffen … Nun reden wir nicht davon‘, sagte meine Tante. Mir versagte die Stimme. Eigentlich hätte ich fragen sollen, fragen, woher sie wusste und was sie mit mir vorhatte und ähnliches, doch selbst meine Gedanken versagten mir ihren Dienst. So einnehmend war sie, und erschreckend zugleich. Eine grauenhafte Ahnung beschlich mich.“

Und der Regen verging, ließ mich mit mir allein bleiben, und ich wartete, wieder.

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