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Life is too short for boring stories

„Ich werde jetzt unabhängig und selbständig werden“, erklärte sie, mit dem Brustton der Überzeugung, als sie an diesem Abend nach Hause kam.

„Sehr gerne“, antwortete er beflissen.

„Du brauchst gar nicht so zu tun, als wäre Dir das recht“, gab sie zurück, „Aber ich werde mich von Deinen Einwänden weder ab- noch zurückhalten lassen.“

„Das habe ich auch ganz und gar nicht vor“, erklärte er, mittlerweile ein wenig amüsiert. Nicht nur wegen dieses konkreten Gesprächs, sondern weil er unwillkürlich daran denken musste wie oft sie dieses, so oder zumindest so ähnlich, bereits geführt hatten. Jedes Mal hatte er nicht nur keine Einwände gehabt, mehr noch, er hatte gesagt, und sagte es auch diesmal, „Damit Du auch wirklich überzeugt davon bist, dass ich das auch möchte, wenn Du das möchtest, biete ich Dir an, Dich dabei zu unterstützen.“

„Du willst mich also unterstützen?“, erwiderte sie, „Wie soll ich je unabhängig und selbständig werden, wenn Du mich unterstützt? Das ist doch genau das Problem. Du unterstützt mich in allem, und das ist der Grund, warum ich so abhängig und unselbständig bin. Damit ist jetzt Schluss. Ich werde von nun an alles was möglich ist, selbst machen.“

„Genau das solltest Du tun“, stimmte er ihr wiederum zu. Und fragte sich insgeheim, ob dieses Vorhaben über die nächste kaputte Glühbirne hinausgehen würde. Natürlich nahm er ihr einiges ab, aber das war eben Aufgabenverteilung. Sie hatte ihren Wirkungsbereich in ihrer Arbeit und im Haushalt. Alles andere war seine Sache. Und diese Einteilung hatte über viele Jahre wirklich gut funktioniert, zumindest seiner Einschätzung nach. Dadurch gab es auch einiges, was sie nicht konnte. Schlicht und ergreifend deswegen, weil sie es nie machte. Das war nun mal der Sinn einer Partnerschaft, so war er überzeugt, denn wenn jeder alles für sich alleine machte, dann könnte man auch gleich für sich bleiben. Er nahm es dennoch gelassen. Wahrscheinlich hatte sie mal wieder mit einer Freundin über Emanzipation oder ähnliches gesprochen. Dann kam sie nach Hause, strampfte ein wenig, wie ein kleines Mädchen, und kurze Zeit später war wieder alles beim Alten.

„Und glaub ja nicht, dass ich mich diesmal wieder so leicht davon abbringen lasse, wie sonst auch immer!“, verkündete sie, als hätte sie seine Gedanken gelesen, „Diesmal ziehe ich das beinhart durch. Ich werde mir einen Bereich suchen, der nur mir gehört, wie ein Hobby z.B. und alles selbst organisieren, neue Leute kennenlernen, ohne Dich dazwischenzuschalten, auch mal alleine fortgehen und überhaupt das Leben genießen. Und ich werde Dich nicht um Erlaubnis fragen.“

„Brauchst Du auch nicht“, meinte er postwendend, „Du bist eine erwachsene, vernünftige Frau und weißt was Du tust. Und ich möchte, dass Du glücklich bist. Und wenn Dich das glücklich macht, dann mach es.“

„Das werde ich auch, Du wirst es schon sehen“, erklärte sie abermals, und es klang ein wenig, als müsste sie sich selbst davon überzeugen, „Und ich werde auch nicht einfach alles nur mehr hinnehmen, wenn Du wohin gehen möchtest. Da werde ich in Zukunft auch entscheiden, ob ich das will. Frei und unbeeinflusst. Also rechne nicht mehr damit, dass ich zu allem Ja und Amen sage, wie ich es bisher getan habe.“

„Das habe ich auch nie von Dir erwartet“, sagte er schlicht.

„Du hast es bloß nicht zugegeben, oder Du warst es einfach gewohnt, dass ich es so mache, und deshalb hast Du es auch gar nicht erst zu erwarten gebraucht“, meinte sie.

„Also möchtest Du jetzt mit mir in die Stadt fahren?“, fragte er, eingedenk ihrer neuen Ordnung.

„Ja, das möchte ich, und nicht weil Du es möchtest, sondern weil ich für mich entschieden habe, dass ich möchte“, erwiderte sie, schlüpfte in ihre Schuhe, nahm ihre Handtasche und ging aus dem Haus. Er folgte ihr, ging auf die Fahrerseite, und stieg ein. Doch er wartete vergebens, dass sie es ebenfalls tat. Deshalb stieg er nochmals aus und fragte, „Willst Du nicht einsteigen?“

„Und wie bitte?“, entgegnete sie.

„Indem Du die Türe öffnest und einsteigst“, erklärte er schlicht, „Ich dachte, nachdem Du jetzt unabhängig und selbständig bist, kannst Du die Türe auch öffnen.“

„Also so weit wollen wir es damit dann doch nicht treiben“, sagte sie.

„Nicht einmal bis zur Glühbirne hat es gedauert“, dachte er, als er, wie gewohnt, die Türe für sie öffnete

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