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Life is too short for boring stories

Seit einigen Wochen nun gingen Sybille, Lukas und Rolf regelmäßig miteinander spazieren, so dass sie sich näher kennenlernten. So erfuhr Rolf, dass Sybille nach Abschluss ihres Studiums der Philosophie als freiberufliche Journalistin zu arbeiten begann. Nachdem ihr Vater gestorben war, zog sie zu ihrer Mutter, zurück in ihr Elternhaus in dieser Straße. Lukas wiederum erzählte von seinem Werdegang und dem Bruch mit den Eltern. „Eigentlich“, so schloss er seine Ausführungen ab, „habe ich nur mit meinem Vater gebrochen. Nur, dass meine Mutter sich nicht auf die Füße gestellt hatte, um irgendetwas dagegen zu unternehmen oder sich für mich stark zu machen. Irgendein ein Teil von mir, hat wahrscheinlich sogar gehofft, dass sich meine Mutter so sehr mit mir solidarisiert hätte. Hocherhobenen Hauptes hätte sie ihn verlassen sollen, war meine Vorstellung. Ich hätte für sie gesorgt, aber sie ist nur stumm dagesessen, als wäre es sie nichts angegangen. Ich war so enttäuscht und wollte nie wieder was mit ihnen zu tun haben. Kannst Du Dir vorstellen, wie verlassen ich mich gefühlt habe?“

„Ja, das kann ich“, meinte Sybille energisch, „Aber hast Du einmal versucht, Dich in die Lage Deiner Mutter zu versetzen? Hast Du Dir je darüber Gedanken gemacht, warum sie so gehandelt hatte und nicht anders konnte?“ „Immer und immer wieder habe ich mir die Frage gestellt“, erwiderte Lukas, „Und als die erste Wut und die Trauer verflogen waren, konnte ich auch den Gedanken zulassen, dass sie keine Wahl gehabt hatte, zumal mir eingefallen ist, wie liebevoll und aufopfernd sie sich um meine Schwester und mich gekümmert hat, wie sehr sie uns vor dem manchmal gewalttätigen Vater geschützt hat.“ „Ich denke, Du bist so weit, dass Du erfährst, wie es Deiner Mutter wirklich ergangen ist, während all der Jahre“, sagte Sybille bestimmt. „Was soll das jetzt heißen? Wie meinst Du das?“, fragte Lukas irritiert. „Es war letztes Jahr, ungefähr um diese Zeit“, begann Sybille zu erzählen, „da wurde Deine Mutter schwer krank, so krank, dass sie nicht mehr aufstehen konnte, aber sie weigerte sich partout ins Krankenhaus zu gehen. Ebenso vehement wie die Ablehnung Deines Vaters, dass ihn irgendjemand anderer versorgte als Deine Mutter. Er wäre wohl lieber verhungert. Da mischte sich die gute Frau Birnstingel ein und brachte sowohl Deinen Vater als auch Deine Mutter mit ihrer resoluten Art zur Vernunft. Einerseits organisierte sie unter den Frauen einen Kochdienst – es waren nur Frauen, die sich daran beteiligten – und andererseits nahm sie sich Deiner kranken Mutter an. Nun stand ich daneben und konnte eigentlich nicht viel tun. Also bot ich an, ihr einfach Gesellschaft zu leisten. So kam es, dass ich ihr vorlas und mit ihr plauderte. Dein Vater wechselte kein einziges Wort mit ihr, saß nur stur vor dem Fernseher. Nach und nach begann sie sich mir anzuvertrauen, erzählte mir, wie oft sie es bereut hatte, Dich gehen zu lassen, geblieben zu sein, und doch, sie hatte nicht anders gekonnt, bis zuletzt nicht. Irgendwann fragte ich sie dann, warum sie Dir das nicht alles erzählt, einen Brief schreibt vielleicht. Dann kam die Offenbarung. Sie hatte Dir geschrieben, über all die Jahre, immer und immer wieder.“ „Aber ich habe nie einen Brief erhalten“, meinte Lukas kopfschüttelnd, der mit diesen neuen Informationen erst fertig werden musste. „Das kannst Du auch nicht“, erwiderte Sybille, „Sie hat keinen einzigen abgeschickt, weil sie es nicht wagte. Ihre Angst war viel zu groß, dass ihr Mann das bemerken könnte. Und was erst geschehen wäre, wenn Du geantwortet hättest.“ „Aber sie hätte mir sagen können, dass ich nicht antworten darf“, warf Lukas bekümmert ein, „Alles wäre ganz anders gewesen, hätte ich nur irgendetwas gewusst.“ „Aber es ist noch nicht ganz verloren“, erklärte Sybille tröstend, „Sie hat nämlich alle Briefe aufbewahrt, so weit ich weiß in ihrem Nähzimmer, denn sie meinte, dass es absolut unter der Würde Deines Vaters gewesen wäre, diesem Frauenzimmer auch nur zu nahe zu kommen. Du musst sie nur finden.“ „Im Nähzimmer“, wiederholte Lukas tonlos, „Magst Du mir suchen helfen?“

So traten sie entschlossen den Heimweg an. Das Nähzimmer, wie Lukas Mutter es genannt hatte, war vollgestellt mit Kästen, Nähmaschine, Bügelbrett und diversen anderen Dingen, die man zum Handarbeiten benötigt. Kasten um Kasten räumten Sybille und Lukas systematisch aus, bis ihnen eine schwere, hölzerne Kassette in die Hände fiel. Sie setzten sich auf den Boden, mitten unter die Unordnung, die sie gemacht hatten, während Rolf sich träge bei ihnen niederließ. Lukas zögerte. Sollte er sie wirklich öffnen? Was würde ihn erwarten?

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