Vegan ist das Beste, was man tun kann, für die Tiere, die Umwelt und für sich selbst. Manche von uns haben das schon erkannt, andere nicht. Das ist nun mal so. Die die erkannt haben, dass vegan zu leben das Beste ist, was ich tun kann, um Leid so weit wie möglich zu vermeiden, setzen dieses Erkennen auch in die Tat um, nicht alle. Da kommen dann Sätze wie „Ich weiß eh, dass es das Beste wäre, aber ich schaffe es einfach nicht“. Aber dann gibt es diejenigen, die der Erkenntnis – wie gesagt – auch Taten folgen lassen. Der Weg ist so simpel wie vorhersehbar. Zunächst lässt man alles, wofür Tiere sterben müssen, also in erster Linie Fleisch. Dann gräbt man tiefer und merkt, dass viele Tiere zunächst ausgebeutet werden, wie die Milchkühe oder die Legehennen, bevor sie ebenso unters Messer kommen, zumeist im Abfall allerdings landen, weil sie so ausgezehrt sind, dass man das Fleisch nicht mehr essen kann. Danach betrachtet man die Kleidung, die Kosmetik und all die anderen Dinge des täglichen Gebrauchs, hinterfragt auf tierliche Inhaltsstoffe, Tierversuche und ökologischen Fußabdruck. Das bedeutet, je mehr man sich in die Materie vertieft, desto mehr verstecktes Leid findet sich.
So fügt sich eins ins andere und mit der Zeit bedeutet vegan auch umweltbewusst zu leben – was sich eigentlich schon aus der Ernährungsweise ergibt, denn dann kann man guten Gewissens sagen, nein, für mich werden keine Regenwälder mehr abgeholzt, nicht die Böden übersäuert und das Grundwasser mit Nitraten belastet, die Meere leergefischt und keine indigenen Völker mehr vertrieben. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass man sich deshalb moralisch überlegen fühlt, sondern man fasst einfach den Entschluss, dass man sich an der Ausbeutung und dem Leid nicht mehr beteiligen will. Um das zu vermeiden tut man das, was eine Einzelne tun kann. Das sind die ethisch motivierten Veganer*innen.
Natürlich gibt es auch andere Beweggründe sich einer leidfreien Lebensweise zu befleißigen. Manche machen es aus gesundheitlichen Gründen – womit die Chancen gut stehen, dass sie es wieder lassen, wenn es ihnen gesundheitlich besser geht, außer sie entwickeln sich in dieser Zeit zu einer ethisch motivierten Veganerin. Es ist zwar schwer zu verstehen, weil jede, mit der ich bis jetzt sprach, berichtete, dass es ihr nach der Ernährungsumstellung besser ging. Dann gibt es noch jene, die vegan werden, weil sie es gerade für hipp, angesagt, fancy halten – die brechen dann bald wieder weg, weil irgendetwas anderes hipper, angesagter oder fancier ist. Womit ich nicht bestreiten will, dass auch diese Menschen einen Bewusstseinsbildungsprozess durchlaufen können. Tatsache ist jedoch, dass diejenigen, die aus ethischen Gründen vegan wurden, es auch bleiben. Dennoch bewegt sich die Anzahl der Veganer*innen seit Jahren bei rd. einem Prozent.
Die Frage ist, warum ist das so? Denn es kann mittlerweile nicht mehr bestritten werden, dass „der Veganismus zu den großartigsten, schönsten und sanftesten Entdeckungen der Menschheit gehört, denn er bietet die Möglichkeit, zu leben, ohne Tiere zu töten oder zu quälen, er befreit vom Zwang, zu leugnen und zu verdrängen, er tut niemandem etwas zuleide und setzt mit alledem gewaltige Energien frei. Und nebenbei gesagt: Leichter und billiger lässt sich der Planet kaum retten.“ So schreibt sogar das Zeitmagazin, das nun nicht als überaus vegan freundlich verschrien werden kann. Wenn es also so großartig ist, warum machen es dann nicht viel mehr Menschen, für die Tiere, die Umwelt, die Zukunft und für sich selbst?
Eine Erklärung wäre, dass die Erkenntnis noch bei zu wenigen Menschen angekommen ist. So positiv wie möglich gedacht, unterstelle ich einfach, dass sie noch nicht wirklich die Wahl hatten. Deshalb ist der Anteil an Veganer*innen in Städten signifikant höher als am Land. Warum es viel mehr weibliche Tierleidvermeider*innen als männliche gibt, das will ich hier einmal dahingestellt lassen, zu bekannt ist das Vorurteil oder die Vorverurteilung, dass ein richtiger, hart arbeitender Mann Fleisch braucht. „Wegen den Vitaminen wäre es“, hat mir ein Fleischer erklärt, „nur mit Bier allein ist das nicht zu bekommen.“ Nun ja, man kann sich seinen Teil dazu denken. Aber wenn es an der fehlenden Erkenntnis liegt, warum sorgen wir nicht dafür, dass diese unter die Menschen kommt. Es gibt auch innerhalb der ethisch motivierten Veganer*innen zwei Gruppen. Jene, die sich darüber freuen, jetzt vegan zu leben, aber nicht weiters darüber reden. Sie treffen sich dann mit Gleichgesinnten, reden übers Essen und die Vielzahl an verschiedenen Hummussorten, aber außerhalb der Gemeinschaft wird Stillschweigen gewahrt. Das führt dann zu so absurden Situationen, wie jene neulich bei einem Geschäftsessen:
„Oh Sie sind vegan?“, kommt die überraschte Frage des Chefs.
„Ja, aber lassen Sie sich davon nicht stören“, kommt die Antwort.
Nicht stören? Natürlich stören Veganer*innen in der Öffentlichkeit in einer omnivoren Welt. Dazu brauchen sie noch nicht einmal was zu sagen. Allein ihre Bestellung im Restaurant weist sie als Störenfriede aus. Da kommt es dann zu den spannendsten Reaktionen. So saß ich dereinstens in einem Steakhaus, das spannender Weise mit drei veganen Optionen aufwarten konnte. Also bestellte ich eine davon. Als dann das Essen serviert war, ließ plötzlich diejenige, die gegenüber am Tisch saß, ihr Besteck sinken, mit dem sie gerade in ihr Steak schneiden wollte, ihren Blick auf meinen Teller wandern, dann wieder auf ihren und wieder zurück. Endlich sah sie mich an und meinte:
„Eigentlich esse ich ja so gut wie gar kein Fleisch, nur da dachte ich, da gehört sich das.“
Daraufhin meinte ihr Sitznachbar, er müsse wohl für sie Partei ergreifen, indem er hinzufügte, ohne darauf zu vergessen, mit dem Zeigefinger vehement in meine Richtung zu weisen:
„Siehst was sie machen, diese Veganischen, machen Dir immer und überall ein schlechtes Gewissen und können nicht aufhören Dich zu ihrer Lebensweise bekehren zu wollen!“
Bis zu diesem Moment hatte ich nichts gesagt und auch nichts getan, außer das Essen zu bestellen und auch zu mir zu nehmen, das ich wollte. Wenn ich Sachen gesagt hätte wie,
„Entschuldigen Sie, aber Sie wissen, dass Sie da eine Leiche auf dem Teller liegen haben.“ Oder:
„Vorsicht, ihrem Kaffee schwimmt die Muttermilch von ausgebeuteten, von ihren Babies getrennten Müttern einer anderen Spezies.“
Beide Aussagen wären völlig richtig. Fleisch ist ein totes Tier, also eine Leiche und Milch stammt von Müttern, die eigentlich ihre Babies damit ernähren wollten. Es ist die pure Wahrheit, doch mit der puren Wahrheit ist es so wie mit der Laktose in der Milch, sie verträgt nicht jeder. Ich habe es noch nie gesagt und werde es wohl auch nicht sagen, denn was würde das erst auslösen, wird meine bloße Anwesenheit schon als Provokation erlebt wird. Ich kann nur sagen, der Rest des Essens verlief in etwas gedrückter Stimmung. Aber genau um solch einer Situation zu entgehen, unterlassen es etliche Veganer*innen es überhaupt zu thematisieren, es herunterzuspielen, mit Aussagen wie,
„Nein, eigentlich bin ich nicht vegan, aber ich hatte einmal Lust auf was anderes. Kann ja nicht schaden.“
Oder sie gehen sogar so weit, bloß die vegetarische Variante zu wählen, bloß um nicht aufzufallen. Man möchte schließlich nicht anecken. Gelten doch Veganer*innen als missionarisch, radikal und militant. Das möchte man alles nicht sein.
In einer Welt, in der es normal, natürlich und notwendig zu sein scheint, Leid zu verursachen – man kann über das Ausmaß diskutieren, muss man aber nicht – eckt man offenbar an, wenn man zeigt, es geht auch, dass man sehr viel Leid vermeidet. Es also gar nicht dazu kommen muss. Das ist die Erkenntnis, die man hat. Wenn ich sie einmal gehabt habe, dann kann ich nicht mehr dahinter zurück. Eine einmal gemachte Erkenntnis ist nicht revidierbar, außer ich berufe mich auf Amnesie, aber das ist nicht so leicht durchführbar, zumindest mir selbst gegenüber. Es ist nicht möglich mit offenen Augen nicht zu sehen. Dieses Erkennen all des Elends, der Misshandlung, der Ausbeutung und des Leids, macht hellsichtig. Dann sehe ich mich um, in dieser sog. normalen Welt und begreife nicht, dass andere es nicht sehen können. Es gemahnt mich immer wieder aufs Neue an Platons Höhlengleichnis, bei dem die Menschen in einer Höhle so festgebunden sind, dass sie nur die gegenüberliegende Wand sehen können, auf der Schatten gezeigt werden, die vor einem Feuer hinter ihnen erzeugt werden. Das alles sehen die Menschen nicht, nur die Schatten – und halten das für die Wahrheit und die ganze Welt. Dann befreit sich einer, erkennt die Schattenspiele und verlässt die Höhle, um die Sonne zu sehen. Das ist also die echte Welt, das ist nach Platon die höchste Form der Erkenntnis. Er belässt es aber nicht dabei, wie die Veganer*innen, die für sich alleine vegan sind und das als genügend empfinden, sondern geht zurück, um die anderen an dieser Erkenntnis teilhaben zu lassen. Nicht sehr überraschend jedoch die Reaktion derer, die in der Höhle zurückgeblieben sind. Sie wollen davon einfach nichts wissen. Genauso wollen die Menschen nichts von dem allen wissen, was ethisch motivierte Veganer*innen erkannt haben. Es ist unbequem, lästig und reißt aus der Normalität. Deshalb ist der Angriff die natürliche Reaktion, scheinbar. Denn die Veganer*innen haben zuerst angegriffen, den Lebensstil, die Bequemlichkeit und die Uneinsichtigkeit. Deshalb ist es wohl bis zu einem gewissen Grad verständlich, dass man sich das nicht antun will. Sollen sie doch tun, was sie wollen. Aber für mich, wie für viele andere, ist das nichts sagen, das nichts tun, keine Option.
Es kostet Überwindung und Kraft und Stehvermögen sich in seinem Tun, in seiner Aufklärungsarbeit nicht beirren zu lassen, aber es ist sinnvoll dabeizubleiben. Deshalb geht mein ganz besonderer Dank an alle, die sich tagtäglich hinausbegeben, um die Botschaft einer möglichst leidfreien Welt zu verbreiten. Nein, ihr werdet nicht mit offenen Armen empfangen, ganz im Gegenteil, aber ihr wisst, ihr tut es nicht für Euch, sondern für unsere nicht-menschlichen Mitgeschöpfe, die immer noch in Gefangenschaft auf ihren frühen Tod warten, für die Kinder, die wegen der Nutztiere verhungern, für die Menschen, die wegen der Futtermittel für die sog. Nutztiere aus ihrem Lebensraum vertrieben werden und nicht zuletzt für die Zukunft der Menschheit. Nichts davon ist eigennützig. Es bringt weder Ruhm noch Ehre ein, ganz im Gegenteil, Missbilligung und Anfeindung, und dennoch, wir machen es, weil wir nicht anders können, weil es keine Alternative gibt, außer sich selbst zu verraten, sich und die einmal gemachte Erkenntnis. Und deshalb ist es auch richtig und wichtig, ab und an einfach nur in der Blase zu sein, um Kraft und Mut zu tanken. Ja, es gibt Menschen, die man erreicht, die ebenfalls bereit sind, die Augen zu öffnen und ihren Lebensstil zu ändern. Das ist es letztendlich, was es ausmacht, was einen dazu verführt, nicht aufzuhören, weiter für das einzutreten, was man als richtig und wichtig erachtet. Ihr leistet jeden Tag großartige Arbeit. Danke an alle, die sich hinauswagen und sich für andere einsetzen.

