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Life is too short for boring stories

Grete hörte Gregors Wecker läuten. Es musste vier Uhr morgens sein. Jeden Tag stand er um die Zeit auf, um rechtzeitig seinen Dienst als Handelsreisender anzutreten. Grete wurde regelmäßig munter. Darauf folgten die beruhigenden Geräusche des Herumkramens, des Ankleidens, die sie wieder in den Schlaf wiegten. Denn dann wusste sie, alles war in Ordnung und ihrem Bruder ging es gut. Doch an diesem Morgen war etwas anders. Gregor stellte den Wecker nicht ab, sondern ließ ihn läuten, bis dieser sich von selbst abdrehte. Grete hörte angespannt in die Dunkelheit, doch es folgte kein weiteres Geräusch. Ihr Gefühl sagte ihr, dass irgendetwas nicht in Ordnung war, aber sie verdrängte es. Vielleicht musste er heute gar nicht so früh aufstehen. Konnte auch sein, dass sie es nicht wusste, weil sie am Vorabend spät von der Versammlung ihrer Student*innenvertretung nach Hause gekommen war. „Es gibt sicherlich eine logische Erklärung“, redete sie sich ein, bis sie wieder einschlief, doch der Schlaf war unruhig und leicht.

„Gregor, willst Du nicht aufstehen?“, riss sie die unwirsche Stimme des Vaters unsanft aus dem Schlaf. Seinem Ausruf ließ er ein unbeherrschtes Klopfen gegen die Türe folgen. Dann war nur mehr Stille. Alle lauschten mit angehaltenem Atem, doch kein Laut drang aus Gregors Zimmer. Im Nu war Grete auf den Beinen. Groß und breitbeinig fand sie ihren Vater vor der Türe stehen, hinter ihm die Mutter, die ängstlich und zittrig wirkte. „Das Alter macht sich halt doch schon bemerkbar“, dachte Grete, „Und sie war schon immer so untertänig. Ich verstehe das nicht, warum man sich Männern gegenüber so klein machen muss, viel kleiner als notwendig. Dabei sind Männer doch auch nur Menschen und keine Super Heros, als die sie sich gerne sehen.“ Doch das war im Augenblick nicht das Problem. Jetzt galt es herauszufinden, was mit Gregor los war, denn dass etwas nicht stimmte, das war jetzt sicher und nicht mehr nur irgendein irrationales Gefühl. Deshalb schob Grete Vater und Mutter beiseite.

„Lasst mich mit ihm reden“, forderte sie in einer Art, die klar machte, dass sie keinen Widerspruch duldete, um dann versöhnlicher hinzuzufügen, auch ein wenig um sich zu erklären, „Ihr wisst, ich hatte schon immer den besten Draht zu ihm.“ Damit traten die Eltern widerstandslos bei Seite. Sacht klopfte Grete an die Türe.

„Gregor, willst Du uns nicht aufmachen? Wir machen uns Sorgen um Dich …“, doch weiter kam sie nicht, denn in diesem Moment wurde die Wohnungstüre brutal aufgestoßen. Ein voluminöser Mann mit antiquiertem Backenbart und Stock füllte diese fast ganz aus. „Der hat uns jetzt gerade noch gefehlt!“, dachte Grete, als sie in diesem den Prokuristen des Geschäftes erkannte, für das Gregor arbeitete.

„Wo ist der Taugenichts?“, dröhnte derselbe in seinem tiefen Bass, doch damit war er bei Grete an die Falsche geraten. Während sich die Eltern zitternd und unterwürfig zusammenkauerten, bereit alles zuzugeben, was dieser Mann von ihnen verlangte, richtete sich Grete zu ihrer vollen Größe von immerhin 162 Zentimetern auf und stellte sich ihm entgegen.

„Was heißt Taugenichts?“, fragte sie unverblümt, „Jeden Tag, jeden einzelne,n verdammten Tag, rackert er sich für die Firma ab, von früh bis spät und anstatt seinen Feierabend zu genießen, schreibt er da noch die Aufträge fertig. Sie wissen so gut wie ich, dass er einer eurer besten Verkäufer*innen ist, doch ihr habt ihm doch absichtlich das schlechteste Gebiet zugeteilt, um es ihm dann vorzuwerfen. Viele andere Firmen würden ihn mit Handkuss nehmen, und das werde ich ihm auch sagen. Schulden hin oder her. Wir werden sie zurückzahlen. Und er wird krank dabei. Ziehen Sie Leine bevor ich mich vergesse und kümmern Sie sich lieber um die, die schon am Vormittag beim Wirten sitzen, weil sie ein Gebiet haben, in dem sich die Aufträge quasi von alleine schreiben. Verdammte Freunderlwirtschaft.“

„Aber Grete, so kannst Du doch mit dem Herrn Prokuristen nicht reden“, erreichte sie die wispernde Stimme ihrer Mutter, was Grete nur noch wütender machte. Schon wieder diese Unterwürfigkeit.

„Du siehst, dass ich kann“, gab sie kurz zurück, bevor sie sich wieder dem Prokuristen zuwandte, der solch ein Benehmen offenbar nicht gewohnt war, denn er war durchaus irritiert, dass es irgendjemanden gab, der nicht vor ihm auf dem Boden kroch wie ein Käfer. Und noch dazu diese freche Göre, „Und Sie, Sie werden jetzt auf der Stelle unsere Wohnung verlassen.“

„Das werden Sie noch bereuen“, zischte der Prokurist zwischen den Zähnen hervor, allerdings in Richtung der Eltern, die er ganz richtig als die geborenen Opfer erkannte, drehte sich aber dennoch um und ging. Grete schlug die Türe hinter ihm zu, bevor sie sich der zuwendete, die zu Gregors Zimmer führte. Sie war von innen verriegelt, wie sich leicht feststellen ließ. „Er weicht auch niemals von seinen Gewohnheiten ab“, dachte Grete lächelnd, doch sie wusste sich zu helfen.

2 Gedanken zu “Verwandlung, die zweite (Teil 1)

  1. oma99 sagt:

    eine deutliche, überdeutliche, Überzeichung der Charaktere – ich bin gespannt, wie es weitergeht. Ich denke an etwas „Ungezähmtes“ *smile*

    Liken

    1. novels4utoo sagt:

      Sehr ungezähmt, was sonst 😉

      Gefällt 1 Person

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