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Life is too short for boring stories

Ich saß auf dem Steg, wieder auf dem Steg, in jener Nacht. Du bist weg gegangen, irgendwann davor bist du weg gegangen, in Deine Welt und hast mich hiergelassen, hier in meiner Welt, die wir sprechend dem Fluss des Chaos entrissen haben. Jetzt, da sie wieder vollständig war, jetzt konntest Du Dich zurückziehen. Und ich saß auf dem Steg am See. Vielleicht würdest Du mir irgendwann mehr erzählen aus Deiner Welt. Vielleicht würde ich irgendwann mehr verstehen von Deiner Welt.

Ich saß auf dem Steg, als mir der Wind ein Bild zutrug, ein Bild von einem Du aus längst vergangenen Zeiten. Das kam vor, immer wieder kam es vor. Und wenn es geschah, dann baute ich ein kleines Papierschiffchen, setzte das Bild hinein und sah erleichtert, dass es der Wind davonwehte, so wie er es zu mir getragen hatte, denn dem Wind war es einerlei. Doch diesmal, diesmal gelang es mir nicht, das Bild blieb, materialisierte sich. Du warst da, wieder da, standst hinter mir, und so sehr ich auch wünschte, Du gingst nicht weg, so wie Du damals weggegangen bist, so sehr ich auch wünschte, dass Du bliebst.

„Willst Du Dich nicht zuwenden, mir zuwenden?“, fragtest Du mich.
„Was willst Du hier? Warum bist Du zurückgekommen?“, fragte ich Dich.
„Ich habe Dir weh getan, damals.“, sagtest Du.
„Das hast Du, damals.“, sagte ich.
„Vielleicht habe ich auch mir weh getan, damals. Hast du das schon in Erwägung gezogen?“, entgegnetest Du, die Bezüge vertauschend, wie immer.
„Ja, das habe ich in Erwägung gezogen und wieder verworfen.“, entgegnete ich.
„Warum kannst Du dann noch immer nicht verzeihen?“, fragtest Du.
„Weil Du den einen, einzigen Weg, der den Schmerz und die Verletzung hätte hindern können, nicht gegangen bist.“, antwortete ich.
„Und welcher Weg wäre das gewesen? Was wäre denn noch möglich gewesen, in jenem Damals?“, fragtest Du, sichtlich irritiert.
„Der Weg, den Du heute gegangen bist, der zu mir, um mit mir zu reden, um uns die Gelegenheit zu geben zu verstehen, ich Dich und Du mich. Ich hatte Dich erwartet, viele Nächte lang hatte ich auf Dich gewartet, doch Du kamst nicht, und dabei wollte ich nichts weiter als zu verstehen.“, antwortete ich langsam, während ich es zulassen musste, dass die frisch verheilte Wunde wieder aufriss, noch ein wenig tiefer.
„Ich wusste um diesen Weg und bin ihn nicht gegangen, denn mir war klar, dass wir uns nicht verstehen würden, und nicht verstehen konnten. Es gab keine Worte für uns, in jenem Damals, die nicht vorbelastet gewesen wären, die uns nicht weiter in das Mißverstehen hinein und vom Verstehen weggetrieben hätten.“, sagtest Du.
„Wahrscheinlich hast Du recht. Es gibt immer etwas, was man nicht sehen will, und deshalb auch nicht sieht.“, sagte ich auf Dich hin,
„Aber bevor Du wieder gehst, lass mich nur noch eines wissen. Hast Du mich geliebt, in jenem Damals?“
„Was soll ich Dir darauf antworten?“, entgegnetest Du ausweichend.
„Wie wäre es mit der Wahrheit?“, schlug ich vor.

Aber da war wieder der Wind, der Dein Bild mitnahm, es fortzutragen, so wie er es mir zuvor zugetragen hatte, denn dem Wind ist es einerlei.

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