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Life is too short for boring stories

Es war einer jener Zugabteile, in denen sechs Menschen Platz finden und die mit einer Tür zum Gang geschlossen werden können. Man findet sie immer seltener und doch gibt es sie noch. Ich mag diese Abteile nicht. Sie sind so abgeschlossen. Aber ich war müde und freute mich nur darauf, endlich nach Hause zu kommen, an einem ganz normalen Abend unter der Woche. Dennoch war der Zug voll. Als ich das Abteil betrat waren noch zwei Plätze frei, die neben der Türe. Einen davon nahm ich ein und mein Buch aus der Tasche. Ganz im linken Eck, auf der gleichen Seite, auf der ich saß, hatte es sich eine magere ältere Dame bequem gemacht, die Lesebrille auf jene Art auf die Nase gesetzt, dass sie jederzeit in der Lage war, einen missfälligen Blick auf irgendjemanden zu richten, der ihres Erachtens nach einen solchen verdiente. Sie entsprach exakt dem Rollenklischee ältliche Gouvernante. Zwischen ihr und mir saß ein junger Mann, mit wilden Dreads, Goahose und unverhüllten Tattoos, die ihn bis zu den Fingerspitzen zierten. Die Dame fühlte sich sichtlich unwohl neben diesem Herrn. Verkniffen hielt sie die Handtasche auf dem Schoß, den Rücken und die Beine gerade. Da wäre ihr jener Mann, der ihr gegenübersaß, als Sitznachbar wohl bedeutend lieber gewesen.

Jener Herr, in der rechten Ecke beim Fenster platziert, trug einen formidablen, grauen Dreiteiler und das Haar kurz. Ich konnte ihn mir gut als Anwalt oder Banker denken. Die Gouvernante fand jedoch keinen Verbündeten in ihm zur Abwehr des seltsamen Subjekts an ihrer Seite, denn der Anwalt oder Banker oder was er auch immer Ehrenvolles beruflich ausführte, war zu sehr in das Malträtieren seines Laptops vertieft, als dass er anderer Menschen Kümmernisse wahrnehmen konnte. Wahrscheinlich hätten ihn diese auch gar nicht interessiert. Es war ebenso gut möglich, dass er nur froh war diesen überholten Hippie nicht neben sich sitzen zu haben, denn er hatte bestimmt Wanzen. Jeder mit Dreads hat Wanzen. Das weiß man einfach. Es ist immer alles gleich und wer so aussieht, darf sich nicht wundern, dass er mit allen anderen, die auch so aussehen, ganz banal in einen Topf geworfen wird. Wenn man das nicht will, dann soll man sich nicht so aussehen lassen. Schließlich muss man irgendwie Ordnung schaffen zwischen all den Menschen, denen man so begegnet. Für jede*n hat man sein Schublädchen bereit. Jede*r hat das. Bei mancher/n sind es viele, bei anderen wenige. Umso weniger Schubladen, desto simpler das Weltbild und die Meinungen. Man hat schließlich auch anderes zu tun. Ein Blick muss genügen, um alles über einen anderen Menschen zu wissen, was zu wissen notwendig ist. Der Bursche mit den Dreads machte es einem besonders leicht. Natürlich auch der Herr im Dreiteiler. Es konnte sich zwar genauso gut um einen Heirats- und sonstigen Etikettenschwindler handeln, so wie es bei dem Mann mit der Goahose sein könnte, dass er ein weltweit anerkannter Meeresbiologe war, von dem bloß die einfachen Menschen außerhalb des Wissenschaftsbetriebes noch nie etwas gehört hatten. Aber soweit konnte und wollte man nicht denken, denn das würde Unordnung in das so feste Gefüge von Urteilen bringen.

Neben dem Herrn im Dreiteiler saß ein Mann, der so korpulent war, dass die Armlehnen links und rechts in seinen Speckschwarten versanken. Er trug, trotz der herrschenden Kälte, nur Jeans und T-Shirt, schien aber dennoch unablässig zu schwitzen. Auch dieser erhielt von der älteren Dame einen missbilligenden Blick geschenkt, denn Fettleibigkeit war in den Augen jener Sittenwächterinnen ein Zeichen von Disziplin- und Maßlosigkeit. Darüber hinaus zählt Völlerei zu einer der sieben Todsünden, wie jede*r weiß. Müßig zu erwähnen, dass sich jene Damen immer sehr geneigt zeigen, dem Christentum zuzusprechen, weil es so viel Freude bereitet Sünde und Laster zu verurteilen. Zuletzt musterte sie mich und es war ihr geradezu auf die Stirne geschrieben, dass ich ihr mit meinen Hosen, den Schnürschuhen, dem Sakko und dem Hut, alles in pechschwarz gehalten, wie ein Grufti vorkam, die noch dazu vergessen hatte, ihre Weiblichkeit mit passender Kleidung zu verhüllen. Mokiert wandte sie ihren Blick zum Fenster, da sich niemand um ihre Missbilligung scherte.

Endlich fuhr der Zug los, als sich die Abteiltüre noch einmal öffnete und ein blutjunges Mädchen hereinhuschte, angetan mit einem Kleid, das ihr bis an die Fesseln reichte und einem Kapuzensweater, der so groß war, dass sie sich darin einwickeln konnte, wobei sie die Kapuze tief ins Gesicht gezogen hatte. Lautlos nahm sie auf dem letzten leeren Sitz mir gegenüber Platz, derart, dass die Knie zur Lehne wiesen, so dass sie uns ihren Rücken zuwandte.

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