Die Gans

Die Gans – Alle Geschichten

Eine Gans schlüpft aus dem Ei. Wird sie deshalb nicht geboren? Die Gans wird geboren, allerdings in ihrem Ei. Es ist, als würde sich die schützende Hülle, in der das Baby heranwächst, außerhalb des Körpers der Mutter verlegt. So wird sie doch geboren, irgendwie, aber anders als bei anderen Tieren, die ohne Ei gebären. Dann sitzt die Mutter auf den Eiern und hält sie warm. Sie weiß genau, was zu tun ist, wann sie zu wenden sind und wie lange sie auf ihnen sitzen muss. Als ich das Ei finde, das wohl aus dem Nest gepurzelt ist, obwohl ich das Nest nirgends entdecken kann, fehlt mir das Wissen der Vogelmama. Es ist ein relativ großes Ei, also auf jeden Fall größer als ein Hühnerei. Viel größer. Spannend, dass Hühnereier immer der Maßstab sind für mich, von dem aus ich sage, ob ein Ei groß oder klein ist. Vielleicht weil es das Ei ist, das ich am häufigsten gesehen hatte in meinem Leben, auch wenn sie seit Jahren nicht mehr darin vorkommen. Warum muss ich überhaupt vergleichen? Ich nehme das Ei, von dem ich nichts weiß, außer dass es offensichtlich das ist, was es ist, die Behausung für einen heranwachsenden Vogel, während ich noch eine Weile suche, ob es nicht doch irgendwo hingehört. Weil ich nichts finde, nehme ich es mit. Aber was soll ich damit tun?

Nach intensiver Recherche bin ich mir sicher, dass es sich um ein Gänseei handelt. Tatsächlich sind diese bis zu drei Mal so schwer wie Hühnereier. Und man kann sie essen. Das interessiert mich nicht, nur ob ich in der Lage bin, das kleine Wesen beim Wachstum zu unterstützen, wenn denn eines drinnen ist. Ich lese alles, was ich dazu finden kann, um die richtige Temperatur zu erreichen, die notwendige Luftfeuchtigkeit. Das ist nicht schwer, denn es gibt Gänsemäster. Dort hole ich mir mein Rüstzeug. Dennoch ist es eher unsicher, ob es gelingt, denn die Luftfeuchtigkeit muss gegen Ende der Wachstumszeit höher sein, damit das Baby unverletzt aus seiner bis dahin notwendigen Behausung schlüpfen kann, ohne sich zu verletzten. Ich probiere es. Und es gelingt. Nach vier Wochen schlüpft ein Gänsebaby aus dem Ei. Es ist ein graues, unscheinbares Flaumbündel kämpft sich aus der Schale. Dann steht es da und sieht mich an. Da fällt mir ein, dass Konrad Lorenz schon bewiesen hatte, dass eine Gans die erste Person, die sie sieht, zu ihrer Bezugsperson erklärt. Das war in dem Fall ich. Also hatte ich jetzt eine Gans, die auf mich geprägt war. Ich ging mit ihr hinaus in den Garten, damit sie die Möglichkeit hatte, was zu essen zu finden. Tatsächlich watschelte sie los und bald schon fand sie das, was ihren Hunger stillte. Es war erstaunlich, dass das ganz ohne Unterweisung funktionierte. Sie wusste es einfach. Egal wo ich hinging, sie watschelte mir hinterher. Am nächsten Tag bereits sorgte ich dafür, dass sie eine Möglichkeit hatte, zu schwimmen. Mit großer Freude sprang sie hinein. Einige Zeit später wurde ich beim Tierarzt vorstellig, der mir bescheinigte, dass es sich um einen gesunden Ganter handelte. Er sollte allerdings nicht alleine bleiben, meinte der Veterinär, so dass ich ihm eine Gefährtin zugesellte. Die beiden sollten sich mehr aufeinander konzentrieren. Inzwischen sind meine Gänse groß und freuen sich am frischen Gras und was sie sonst noch finden. Es geht auf den 11. November zu, den legendären Großkampftag gegen Gänse. Überall anders werden sie nun geschlachtet und gegessen. Gerade mal zehn Monate werden sie alt. Meine dürfen leben, solange es eben ist. Bis zu 20 Jahre können sie alt werden, eigentlich. So viele Tiere, die der Mensch zu seinem Genuss aufzieht und isst. Warum sollte er gerade bei der Gans haltmachen? Aber Gänse werden nicht nur einfach ermordet. Vielerorts werden sie gemästet, für die Stopfleber, also eine Fettleber, die als Delikatesse verkauft wird. Brutalst wird ihnen dabei das Futter wahrhaft in den Schlund gestopft. Und sie wurden gerupft. Während meine Gänse sich am Teich vergnügten, wurden ihnen andernorts grausam bei lebendigem Leib die Federn ausgerissen. Für unsere Decken, Pölster und Jacken. Ich will gar nicht daran denken, nur daran, dass es den beiden gut geht und es ihr Leben lang so bleiben soll. Ab und an kamen Menschen zu Besuch, zu mir und zu den Gänsen. Immer wieder fand ich sie erstaunt darüber, was das doch für tolle Tiere waren. Einige aßen sie ab diesem Moment nicht mehr. Und das nur, weil sie zweien begegnet waren. Es war, als wäre ihnen erst in dem Moment bewusst geworden, dass es Lebewesen sind und nicht als Braten vom Himmel fallen. Vielleicht sollte ich auch noch Schweine retten, zum Kennenlernen. Doch jetzt war ich zufrieden, mit meinen Gänsen. Was kann es Schöneres geben, als ein Leben zu ermöglichen, dem ganzen Klimbim um den Hl. Martin zum Trotz?

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