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Life is too short for boring stories

Der Mensch kommt sprach- aber keinesfalls kommunikationslos zur Welt. Er drückt seine Befindlichkeiten, Wünsche und Bedürfnisse auf andere Weise aus, in seiner Mimik, Gestik und in Lauten, die wohl schon ein Hinweis auf die kommenden Möglichkeiten sind, sich mithilfe von Sprache auszudrücken, aber eben nur als Vorläufer. Und es funktioniert, manchmal sogar besser, als mit Sprache.

Nun könnte man einwenden, das Spektrum an Bedürfnisse ist in der vorsprachlichen Lebenszeit des Menschen auch noch relativ gering. Da gibt es Hunger, Müdigkeit, Langeweile und Einsamkeit. Das ist es im Großen und Ganzen. Allerdings gilt hier einzuwenden, dass das beim Menschen, der der Sprache mächtig ist, auch nicht gravierend anders ist. Grundbedürfnisse, als die eigentlichen, bleiben immer gleich. Wir brauchen Schlaf, Essen, Zuwendung und Sicherheit. Alles andere sind sogenannte Kulturbedürfnisse und sind eigentlich irrelevant, so lange eben jene Grundbedürfnisse nicht befriedigt sind. Trotzdem leiden viele Menschen an einem Zuwenig von ersterem, und sehen sich dadurch gezwungen, dieses Manko mit zweiteren zu kompensieren, oft sogar überkompensieren. Das endet dann in den diversen Süchten. Dennoch bleibt die Frage offen, warum es so leicht ist einen vorsprachlichen Menschen zu verstehen, während wir Sprachbegabte uns so unendlich schwer damit tun. Mehr noch, sobald die Sprache Einzug hält, gibt es nur noch Missverständnisse und Missstimmungen.

Der vorsprachliche Mensch ist im Idealfall umgeben von anderen Exemplaren seiner Spezies, die ihm wohlwollend zugewandt und aufmerksam sind. Im Idealfall. Meist ist es nur ein Exemplar, und das nennt sich Mutter. Die statistisch häufigste Konstellation heißt also Mutter und Kind. Die Mutter, die mit der Betreuung des Nachwuchses beauftragt ist, beobachtet denselben genau. Sie lernt zu verstehen welche Geste, welche Mimik und welche Laute für den Ausdruck welches Bedürfnisses stehen könnte. Ein Lernprozess, der auf dem Prinzip von Versuch und Irrtum basiert. Ganz am Anfang wird oftmals die ganze Palette durchprobiert, doch nach und nach weiß die Mutter Bescheid. Auch unter Berücksichtigung des bisherigen Verlaufs des Tages und der Verfassung. Nach einer gewissen Zeit funktioniert diese vorsprachliche Kommunikation ausgezeichnet. Nach und nach lernt das Kind dann selbst sprechen, wenn die Umwelt zugewandt bleibt, sogar recht facettenreich. Dabei ist ein eigenartiges Phänomen zu beobachten, nämlich, dass das gegenseitige Verstehen mit der Zunahme der Sprachfähigkeit abnimmt.

Eigentlich sollte man annehmen, je ausgefeilter und vielfältiger man sich auszudrücken vermag, desto mehr leidet das gegenseitige Verstehen. Also sollten wir aufhören zu sprechen und uns nur mehr über Gestik, Mimik und Laute verständigen, so dass es stimmt, dass Sprache nicht so wichtig ist? Es wäre ein verkürzter Schluss, denn egal ob vorsprachlich oder sprachlich, mit dem Vermögen zu sprechen geht uns eine andere, wichtige Komponente verloren, die in beiden Sphären das um und auf darstellen. Es kommt uns die Zugewandtheit abhanden. War die Mutter fokussiert auf ihr Kind, mit dem Wunsch versehen, zu verstehen, sehen wir, sobald die Kinder sprechen können, schon nicht einmal mehr richtig hin. Gespräche finden größtenteils nur zwischen Tür und Angel statt, wenn überhaupt noch gesprochen wird. Kaum jemand nimmt sich die Zeit sich hinzusetzen und dem anderen wirklich zuzuhören, ohne in Gedanken den Satz schon zu vollenden, ohne abzuschweifen, ohne Voreingenommenheit. So gesehen ist Sprache wirklich nicht mehr wichtig. Aber nicht, weil sie an sich nicht wichtig ist, sondern weil sie nicht gehört wird. Oder eben falsch.

Doch wenn wir das Gegenüber ernst nehmen, zugewandt und aufmerksam sind, dann kann die Sprache eine Brücke sein von Dir zu mir, von mir zu Dir. Dann geschieht Begegnung in Freiheit.

Deshalb ist es eine Bankrotterklärung, wenn Menschen, deren Werkzeug die Sprache ist, erklären, diese sei nicht so wichtig. Spracharbeiter*innen haben die immanente Verpflichtung nichts so wichtig zu nehmen wie die Sprache. Denn gerade in ihrer Funktion haben sie eine gewisse Vorbildwirkung. Durchdacht, gerundet und verführerisch soll sie sein und die Lesenden, Zuhörenden die Möglichkeiten eines gelungenen Ausdrucks vermitteln, nur die Zugewandtheit, die können sie niemandem abnehmen.

Sprechen und Zuhören in Zugewandtheit und Vertrautheit, getragen von Respekt und dem Willen zu verstehen, sind die Komponenten, die einen gelungenen Dialog ausmachen. Darin ist die Sprache das Werkzeug, das, wohlverwendet, gelungene Begegnungen in ein ebensolches Miteinander führen kann. Es geht, wie bei jedem anderen Werkzeug, um den reichten Einsatz, und in diesem Sinne kann man sie nicht hoch genug schätzen.

Wer also als Spracharbeiter*in meint, dass diese keine Rolle spielt, sollte sich tunlichst einem anderen Betätigungsfeld zuwenden, zum Wohle aller. Wahrscheinlich auch ihrer selbst.

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