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Life is too short for boring stories

„Weitere hundert Kilometer geschafft, bald ist Halbzeit“, ermutigte ich mich, „Das schaffst Du.“ Ich hatte zwar gesagt, ich würde einen von den beiden wecken, wenn ich nicht mehr weiterfahren konnte, aber noch ging es und ich wollte sie eigentlich schlafen lassen. Sie hatten es sich verdient. Und es tat gut die Gedanken schweifen zu lassen, zurück zu diesen Tagen, an denen sich die Weichen für mein zukünftiges Leben stellten. Dabei geschah so vieles völlig unvorhergesehen, kleine Bruchstücke, die sich zuletzt zu einem wunderbaren Ganzen zusammenfügten. Es war ungefähr genau das zehnte Konzert, bei dem ich dabei war, als wieder etwas geschah, was zu eben jener Weichenstellung beitrug.

Der Auftritt fand in einer mittelgroßen Halle statt, die bis zum letzten Platz ausgefüllt war. Nicht zuletzt, weil er in meiner Heimatgemeinde geschah und ich die letzten Wochen davor alle Hebel in Bewegung gesetzt hatte, um die Menschen zum Kommen zu animieren. Glücklich stand ich hinter der Bühne, während Blondie an der Bar stand. Der letzte Akkord war verklungen, da stimmte ich in den frenetischen Applaus ein. Mic und Mike kamen auf mich zu. Ich wollte ihnen gerade gratulieren, als ich merkte. wie mir schwindlig wurde. Die Anstrengungen des Tages, die mich darauf vergessen hatten lassen, zu essen, machten sich bemerkbar, so dass es mir gerade noch gelang, die Arme auszustrecken, doch dann verlor ich das Bewusstsein. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf der Couch in ihrer Garderobe und Mic kniete neben mir, völlig aufgelöst und konfus. Er war so froh, als ich die Augen wieder aufschlug.

„Ich habe Dich aufgefangen“, erklärte er mir, immer noch völlig perplex, „Und ich bin so froh, dass Du Dir nicht weh getan hast, aber ich weiß nicht, wie das passiert ist. Es war alles plötzlich …“ Intuitiv richtete ich mich auf, immer noch ein wenig benommen und drückte ihm lächelnd einen Kuss auf den Mund, auch ein bisschen, um ihn zum Schweigen zu bringen.

„Es ist alles gut, Du hast das wunderbar gemacht“, antwortete ich, nachdem ich seine Lippen, und damit meine, wieder freigegeben hatte.

„Dabei hätte eigentlich Mike sollen …“, warf er noch ein. Ja, Mike hätte, wiederholte ich still für mich und spürte, wie es mir einen kleinen Stich versetzte, den ich nicht zuordnen konnte. Oder auch nicht wollte. Doch es war schon wieder vorbei. Ab diesem Zeitpunkt war es mir, als hätte es sich Mic zur Aufgabe gemacht, sich besonders um mich zu kümmern. Unsere Freundschaft wurde intensiver, während Mike ein wenig außen vor blieb. Das war mir damals allerdings nicht bewusst.

„Euer Mädelsgequatsche könnt ihr alleine machen“, meinte er lapidar. Und tatsächlich hatte ich manchmal den Eindruck, als würde ich eher mit einer guten Freundin reden, als mit einem Mann. Mic ist eben besonders einfühlsam, dachte ich für mich. Männer dürfen auch das. Das war zumindest meine Meinung. So kamen wir uns immer näher und eines Tages, als Mike schon längst mit einer seiner weiblichen Fans wohin auch immer abgezogen war, lud ich mich selbst in Mics Hotelzimmer ein. Eine wunderbare, erste, gemeinsame Nacht, wobei ich den Eindruck hatte, als wäre der Sex nur Beiwerk. Wichtig war, dass wir kuschelten und wieder redeten. Redeten und kuschelten. Es tat gut, sich anvertrauen zu können, einem Mann, der mich verstand, wie eine beste Freundin. Eigentlich eine optimale Kombination, war ich überzeugt, damals und heute. Seit dieser Nacht waren wir auch offiziell zusammen. Kurz darauf übernahm ich meinen Posten und habe ihn behalten. Wir waren ein Team geworden, eines, das zehn Monate im Jahr durch die Lande fuhr und sich für zwei Monate zurückzog, so wie an diesem Tag. Und ich sehnte mich sehr nach diesem Rückzug. Wir oder, besser gesagt, meine Burschen haben nie in der ersten Liga gespielt, aber gute zweite und mit Fleiß, Ehrgeiz, Mut und natürlich auch ein wenig Glück, gelang es uns, einen Platz zu erarbeiten, der es uns ermöglichte, gut zu leben. Es gibt die verschiedensten Vorstellungen von einem guten Leben. Das war unsere. Es war alles, was wir wollten. Wie viele können das von sich behaupten, zufrieden zu sein mit dem, was sie haben und jeden Tag gerne aufzustehen? So gingen die Jahre dahin und alles, was wir hatten, war das Haus im Südburgenland und der Tour Bus. Mehr brauchten wir nicht. Ein großes Stück Beweglichkeit und ein klein wenig Sesshaftigkeit. Endlich konnte ich den Motor abstellen. Wir waren angekommen.

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