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Life is too short for boring stories

Jetzt ist es anders. Europa hat sich vereinigt, hat es geheißen. Es gibt keine Grenzen mehr, hat es geheißen. Es hat sich niemand die Mühe gemacht, die Zäune zu entfernen. Die Niemandsländer blieben, zwischen Stacheldraht und Stacheldraht. Es gibt sie nicht mehr. Und wenn, dann haben sie keine Funktion mehr. Wird gesagt, aber in den Köpfen sind sie geblieben. Wir da, die anderen dort. Immer geht es um wir und die anderen. Dabei gibt es die anderen nicht mehr, wird uns gesagt, nur mehr Wir. Geeint, vereinigt, verbunden durch die heiligen Bande der wirtschaftlichen Verflochtenheit. Zivilisiert. Weltmännisch oder besser Europamännisch. Aber was schert das den, der nach wie vor sein Feld beackert. Eine Mauer rundherum. Nicht mit Stacheln, aber undurchsichtig. Das Anders-sein fängt schon beim Nachbarn an. Eine Mauer muss gezogen werden. Das Große wiederholt sich im Kleinen. Bis ins Kleinste. Bis in die Köpfe. Man hat sich daran gewöhnt. An die Mauern. Je weiter, je globaler die Welt wird, so mag man meinen, desto enger und regionaler wird das Denken. Es wird einem aus der Hand genommen. Es geht einen nichts mehr an. Es zählt nicht. Deshalb beackere ich mein Feld. Nur das. Die große Vision des Miteinander ist gescheitert. An der Entmündigung und der intellektuellen Verwahrlosung. Die Fäden sind in der Hand der Oligarchen. Sie bestimmen die Politik, sagen ihr, was sie sich erlauben darf und was nicht. Es gibt weder Ein- noch Ausblick. Deshalb zieht sich die europäische Mittelschicht zurück in die biedermeierliche Anständigkeit. Mehr gibt es nicht zu tun. Nur zusätzliche Stacheldrahtzäune zu errichten. Mit mehr Niemandsländern. Mit mehr Stille der Niemandsländer. Ein Bollwerk gegen den Ansturm von außen. Gegen die Verlierer unserer Freihandelslügen und exportieren Klimawandel. Sie sollen bleiben, wo sie sind. Wir können nichts dafür. Jeder ist für sich selbst verantwortlich und sich selbst der nächste. Dass es dort brennt und nicht in Europa, dafür können wir nichts. Sie kommen doch nur, um unsere Werte zu untergraben. Werte, wie Schnitzel und Bier. Oder doch Aufklärung und Französische Revolution?

„Sapere Aude! Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!“, tönte Immanuel Kant 1784 aus Königsberg und läutete damit das Zeitalter der Aufklärung ein. Aufklärung, als der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Aufsehen, hören und verschwinden lassen in den Annalen der Bibliotheken und den verstaubten Bildungskanones. Ab und an darauf zu berufen, während über die Jahrhunderte die Kriege geführt wurden. Die Gewinner nahmen sich die Landkarte und zeichneten Striche, hübsche, rote Striche. Als wäre es ein Spielbrett. Geographische Verstümmelung. Die Landkarte zeigt keine Menschen, keine Leben, nur Hügel und Täler und Flüsse und Dörfer und Städte.

Dazwischen ein Strich. Manchmal einfach einen Fluss entlang. Was wäre mit Kant gewesen, wäre er nicht 1724 sondern 1945 geboren worden wäre? Nicht in Königsberg in Ostpreußen, sondern in Kaliningrad, als Hauptstadt einer russischen Enklave, geboren worden? Hätte es dann eine russische Aufklärung gegeben, und keine deutsche? Willkürlich ziehen die Siegermächte Mauern, auch um die Mündigkeit der Menschen. Machen aus Preußen Russland. Teilen und teilen Polen. Teilen zwischen Orten. Wer gerade noch mein Nachbar war, ist plötzlich ein Fremder. Jenseits des Zaunes. Ein simpler, harmloser, unschuldiger roter Strich auf einer Landkarte. Im Maßstab 1:30.000.000. Wie ein Spiel. Kinder, die auf einem Bild kritzeln. Es ist nicht ersichtlich, was passiert, aus der Satellitensicht. Nicht einmal aus der Vogelperspektive. Erst, wenn ich mir die Mühe mache, durch den Ort zu gehen. Trennungen, durch Länder, Bezirke, Orte, durch Familien, Freunde, Gemeinschaften. Eine Brücke, die man plötzlich nicht mehr passieren darf. Weil da jetzt ein Stacheldraht steht. Da und dort. Dazwischen das Niemandsland mit seiner Stille. Auch die Brücke. Die nichts mehr verbindet, und Kants Ruf wird ebenso verschluckt, wie das Unverständnis über die Trennung. Und als Werte bleiben Schnitzel und Bier, die wir uns nicht nehmen lassen, von niemandem, statt der Aufklärung. Etwas muss uns ja verbinden. Werte, die Gemeinschaft stiften sollen, die beständig beschworen und nie benannt werden. Vielleicht doch die Französische Revolution?

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