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Life is too short for boring stories

„Ich liebe Tiere über alles“, versicherte sie mir eins ums andere Mal. Ich kannte sie nicht gut. Wenn ich ehrlich bin, kannte ich sie gar nicht. Alles was ich von ihr wusste war, dass sie einen Hund besaß, genauerhin einen Malteser.

„Ich würde alles für den Kleinen tun“, versicherte sie mir immer und immer wieder, wenn wir uns zufällig beim Spazieren gehen trafen und ein Stück miteinander zurücklegten. Es klang glaubwürdig. Sie wurde auch nicht müde, mir seine Leidensgeschichte zu erzählen. Als Welpe schon ausgesetzt, landete er im Tierheim. Die Menschen kamen, nahmen ihn mit, und brachten ihn wieder zurück. Es lag nicht an ihm, sondern an den Menschen. Die Lebensumstände änderten sich, innerhalb kürzester Zeit, wie man meinen konnte. Sie konnten den Hund nicht mehr brauchen. Endlich schien er einen Platz gefunden zu haben, nach vielen, vielen Irrwegen, den er nicht mehr verlieren würde. Und er hieß Socke, was ich doch etwas kurios fand. Aber wichtig war, er hatte ein Zu Hause gefunden, für immer.

„Ich verstehe das gar nicht, wie man so ein Tier im Stich lassen kann“, meinte sie ein andermal zu mir, „Er vertraut mir 100%ig, wie könnte ich ihn da enttäuschen.“ Ja, wie kann man, dachte ich für mich. Ein anderes Mal wiederum vertraute sie mir an, wie gut er ihr tat, vor allem da doch die Kinder aus dem Haus waren und ihr Mann sich für eine Jüngere entschieden hatte. Diese Einsamkeit hätte sie sehr belastet. Socke wäre wie ein Wink des Schicksals gewesen. Er hätte sie sozusagen gerettet, so wie sie ihn. Und ich meinte, für mich, wie schön es doch sei, dass es noch Geschichten mit Happy End gab.

Einige Tage später traf ich sie wieder und sie bat mich zum ersten Mal, ob ich Socke nicht über Nacht zu mir nehmen könne, da sie nun einen Mann kennengelernt hatte, der wohl bei ihr übernachtete. Aber er mochte keine Hunde. Deshalb wäre es schön, wenn Socke bei mir bliebe. Ich stimmte zu, weil ich nichts dabei fand. Die Hunde verstanden sich gut und ich gönnte es ihr, dass sie mal Spaß hatte. Sie bedankte sich überschwänglich bei mir, übergab mir Socke und ging. Doch anstatt wie sonst, ausgelassen miteinander zu spielen, saß der Kleine beim Gartentor und wartete, wartete, dass seine Besitzerin wiederkäme. Es brach mir fast das Herz, aber es wäre doch nur für eine Nacht. Irgendwann konnte ich es nicht mehr mitansehen, sodass ich ihn einfach schnappte und mit ins Haus nahm. Doch auch hier blieb er bei der Eingangstüre sitzen und wartete. Es war offensichtlich, dass es mir nicht gelingen würde, ihn von dort wegzubekommen. Da halfen weder gutes Zureden noch Leckerlis. Deshalb legte ich ihm nur eine Decke hin und ließ ihm seinen Willen. Bis zum Morgen verließ er seinen Platz nicht.

„Frauchen kommt bald“, versicherte ich ihm, da ich neben ihm saß und ihn streichelte. Er wartete. Da erst wurde mir bewusst, dass wir uns nichts ausgemacht hatten. Ich beschloss mich noch ein wenig zu gedulden. Es war schließlich Samstag und sie würde sich wohl nur ausschlafen. Gegen Mittag rief ich bei ihr an. Doch sie war nicht erreichbar. Immer wieder versuchte ich es, vergeblich. Endlich konnte ich den Schmerz des Kleinen nicht mehr mitansehen. Deshalb fuhr ich zu ihr, doch es war niemand zu Hause, nur ein Brief klebte an der Türe. Er war an mich gerichtet.

„Vielen Dank, dass Du Socke genommen hast. Nun hat es sich ergeben, dass der Mann mir ein Ultimatum gestellt hat. Entweder er oder der Hund. Nun, was sollte ich da tun? Ich entschied mich für ihn, wie Du sicher verstehen kannst. Schließlich zählt ein Mensch mehr als ein Tier und bei Dir hat er es sicher gut.“

Ich las diesen Brief immer und immer wieder. Nein, ich konnte es nicht verstehen und werde es nie verstehen können, dass man sich ein Tier vertraut macht und es dann aufs schändlichste im Stich lässt. Und wenn ich es schon nicht verstand, wie sollte ich es Socke beibringen? Es dauerte Wochen bis er sich damit abgefunden hatte. Da stand sie plötzlich wieder vor der Türe und wollte ihren Hund zurück, weil sie den Mann nicht mehr hatte. Und sie hatte den Kleinen doch so vermisst. Egal, was ich dachte, er gehörte ihr. Ich hatte keine Wahl, denn er gehörte ihr. Doch ob es wirklich das Richtige war?

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