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Life is too short for boring stories

Igel sind süß. Darüber herrscht ein weitreichender Konsens. Woran das genau liegt, ist schwer zu sagen. Wahrscheinlich sind es die witzigen Proportionen, wobei der breite Körper auf scheins viel zu kurzen Beinchen ruht. Es könnte aber auch die Art der Fortbewegung sein, die ihm diesen Status eingebracht hat. Auf alle Fälle sind die Stacheln sehr spitz, wie ich letztens am eigenen Leib respektive an den eigenen Fingern erfahren durfte.

Eines Vormittags, als ich den obligatorischen Spaziergang mit den Hunden unternahm, begegnete mir wieder einmal ein Igel. Eigentlich nichts wirklich Besonderes in unserer Gegend, noch. Ich freue mich immer, wenn ich einen Igel in meinem Garten sehe. Deshalb gibt es auch einen großen Laubhaufen, so dass die kleinen Mitbewohner ein gemütliches Plätzchen zum Überwintern finden. So ist der Anblick eine Igels auch für meine Hunde kein besonderes Ereignis. Sie sind sie gewohnt und lassen sie ihn Ruhe. Deshalb konnte ich auch beruhigt auf den Igel zugehen, auf den wir trafen. Doch die Freude über die Begegnung, wich im nächsten Moment Verwunderung, denn der kleine Kerl bewegte sich nicht. Zunächst dachte ich, er war gerade dabei, durch einen Zaun zu krabbeln, hielt dabei kurz inne, als ob er verschnaufen wolle. Schließlich konnte ich mir vorstellen, dass es vielleicht nicht so einfach war, so einen breiten Körper auf kurzen Beinchen, über eine Schwelle zu bugsieren. Erst als ich näher hinsah, bemerkte ich, dass er nicht innegehalten hatte, sondern schlicht zwischen zwei Eisenstäben feststeckte. Er wollte durch diesen Zaun hindurch auf die andere Seite, doch die einzelnen Stäbe waren gerade so weit voneinander entfernt, dass der den Vorderteil hindurchgebracht hatte, jedoch mit dem Rest eingezwängt war. Da war er also nun, in einer durchaus prekären, wenn nicht sogar lebensbedrohlichen Lage, der kleine Stachelige, konnte weder vor noch zurück oder sich in irgendeiner anderen Art und Weise, selbst befreien. Ich kniete mich neben ihm ins Gras, während meine Hunde sich demonstrativ niederlegten, denn was sollte sie ein Igel interessieren, ganz gleich was mit ihm los war. Ich überlegte, was ich tun konnte. Ihn nach vorne schubsen war unmöglich, denn die Stäbe waren viel zu nahe beieinander. Da gab es kein Durchkommen. Auseinanderbiegen ließen sie sich auch nicht. Dafür waren sie viel zu stabil. Und selbst, wenn ich ihn hindurchbekommen hätte, was wäre dann gewesen? Er wäre in einem Garten festgesessen, aus dem es für ihn kein Entkommen mehr gab. Deshalb beschloss ich, dass die einzige wirkliche Chance, ihn zu retten, darin bestand, ihn nach hinten herauszuziehen. Ich begann damit, dass ich ihm erklärte, was ich nun vorhätte und versicherte ihm, so glaubhaft wie möglich, dass ich ihm nichts Böses wolle, sodass er die Stacheln ruhig eingefahren lassen könne. Vorsichtig fasste ich ihn an. Er hatte offenbar nicht zugehört, denn trotz meiner Zusicherungen, stellte er die Stacheln auf, und ja, das tat weh. Sobald ich ein wenig fester zugriff, bohrten sich die Stacheln in die Haut und es rannen die ersten Blutstropfen. So würde das nichts werden. Endlich kam ich auf die Idee, meinen Pullover auszuziehen und den Igel damit zu nehmen. Es war nicht leicht, ihn zu befreien, da er sich mit allen Igelkräften dagegen wehrte. Aber wie sollte ich ihm begreiflich machen, dass ich ihn nur herausholen wollte? Endlich gelang es mir und noch bevor ich ihn auf der Wiese abgesetzt hatte, hatte er sich zu einer Kugel eingerollt. Vorsichtig trug ich ihn über den Weg zum Waldrand. Dann setzte ich mich neben ihn und wartete bis er sich so weit beruhigt hatte, dass er sich entrollte und kurz darauf zwischen den Sträuchern verschwand. Eine Weile blieb ich noch sitzen und dachte nach.

Diesen einen hatte ich retten können, aber wer weiß wie viele ungesehen zwischen solchen Stäben sterben, in einer Welt voller Zäune und Abschottungen. Wie schön wäre es, wenn die Menschen beim Zaunbau auch an die Igel denken. Ich sehe es ein, Zäune müssen gebaut werden, damit man nicht unvermutet ein fremdes Grundstück betritt, aber wenn es schon sein muss, dann wäre es doch gut, wenn wir auch auf die Bedürfnisse unserer nicht-menschlichen Mitbewohner Rücksicht nehmen würden. Ein klein wenig Mitdenken beim Bauen könnte viel unnötiges Leid verhindern und dazu beitragen, dass wir diese kleinen, süßen Tierchen noch lange um uns haben.

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