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Life is too short for boring stories

The empty store

21. Weil es Sinn macht

 

Lilith stand an der Türe und blickte hinaus auf die Straße. Die Sonne ging gerade auf. Sie beobachtete wie kleine Schneeflocken sanft im Wind schaukelten. Geschaukelt wurden. Friedlich und heiter wirkte die Welt. Niemand war auf der Straße, niemand durchschnitt die Idylle. Es würde ein ein guter Tag werden, denn sie hatte wieder einen Traum gefunden, der ihr gehörte, und doch nicht ihr alleine. Es war ein Traum, der eine Aufgabe sein konnte und diese Aufgabe war ein Sinn. Einfach so. Es würde ein guter Tag werden.

 

Da näherte sich eine Gestalt. Dunkel gegen den dunklen Hintergrund und den zarten Regungen der aufgehenden Sonne. Noch jemand, der um diese Zeit munter war. An diesem guten Tag. Als die Gestalt zielgerichtet das leere Geschäft ansteuerte und sie sich gezwungen sah einen Schritt zurückzuweichen, denn die Gestalt tritt ein.

„Guten Morgen!“, sagte Lilith lächelnd und gab Ruben zur Begrüßung einen Kuss, „Mit Dir habe ich noch nicht gerechnet. Es ist gut, dass Du da bist. Es ist immer gut, wenn Du da bist. Es kommt mir so vor, als hätte ich einen Teil von mir verloren, schon vor langer Zeit, einen wichtigen Teil, und Du bist derjenige, der ihn mir wiedergebracht hat. Deshalb ist das ein guter Tag. Und morgen wird ein guter Tag sein. Und übermorgen.“

„Guten Morgen!“, erwiderte Ruben, und sein Blick verriet etwas, das Lilith in diesem Moment, in diesem Moment nicht recht zuordnen konnte, etwas, das sie irritierte, gerade nach diesem Geständnis, „Ich bin froh, dass Du das sagst, denn ich hatte so eine Ahnung, und es machte mir Angst. Nein, vielleicht nicht wirklich Angst, sondern es weckte Befürchtungen in mir.“

„Was denn für Befürchtungen?“, fragte Lilith, die eigentlich gemeint hatte, er würde sich freuen, freuen darüber, dass da ein Mensch war, dem er nicht nur wichtig war, nein, weit mehr, der einen Platz für ihn bereithielt, und dann freute er sich nicht, sondern er sprach davon, dass er es befürchtete.

„Ich kam hierher und fühlte mich angenommen und behütet“, begann Ruben seine Erklärung, „Und das tat gut. Es tut gut, und es würde auch weiterhin guttun, wenn es dabei geblieben wäre, aber es ist das eingetreten, was ich ahnte und was ich nicht aushalte.“

„Was hältst Du nicht aus?“, entgegnete Lilith, entgeistert, weil sie die Welt nicht mehr verstand, weil alles plötzlich so nebulos und sinnlos erschien. Gerade noch hatte sie gedacht, dass sie einen Freund hatte, nein mehr, einen Vertrauten und Wegbegleiter, und dann kam er und machte mit einem Schlag alles kaputt.

„Dass Du mich derart vereinnahmst, ganz ohne mich zu fragen“, erklärte Ruben, „Nein, mehr noch, Du setzt es voraus, dass es mir recht ist. Du hast mich eingesponnen in Dein Netz wie eine Spinne, und jetzt wirst Du es fester und fester ziehen, bis ich keine Luft mehr bekomme, bis ich ersticke. Ich dachte, es würde nie mehr passieren. Ich dachte, es würde sich ändern. Dabei wollte ich doch nichts weiter, als einen Platz um mich auszuruhen, zu verweilen, aber auch einen Platz, den ich wieder verlassen konnte um wiederzukehren. Aber Du hast das kaputt gemacht, weil Du mir damit sagst, dass ich nicht wiederkommen kann, sondern wiederkommen muss. Du ziehst mich in eine Verantwortung, die nicht die meine ist. Du bist für Dein Leben verantwortlich und ich für das meine. So gehört es. So ist es recht. Aber Du bürdest mir die Verantwortung für Dein Glück auf, indem Du mir sagst, dass ich Dir wichtig bin, so wichtig, dass ich Dich heil mache. Findest Du das fair?“

 

Lilith hatte ihm zugehört. Es war gut, dass sie saß, denn es war ihr, als hätte er ihr gerade den Boden unter den Füßen weggezogen, als gäbe es nichts mehr, was sie tragen würde. Doch gab es denn etwas im Leben, das trug? Gab es noch irgendeine Verlässlichkeit? Er hatte sich ihr vertraut gemacht. Vielleicht hatte sie gezögert, zu Anfang, doch dann kam die Kontinuität und die Sicherheit, und sie war überzeugt, mit einem Mal, dass es doch sein konnte, dass es ihr sein konnte. Und das war mit einem Schlag wieder vorbei? Langsam stand sie auf und machte Tee. Für ihn und für sich. So wie sie es gewohnt war. Sollte es das letzte Mal sein? Dennoch gab ihr die Routine eine gewisse Sicherheit zurück, so dass sich der Nebel um ihre Gedanken ein wenig lichtete. Und als sie die Tassen auf den Tisch stellte, eine für ihn und eine für sich, da war sie so weit zu verstehen. Anzunehmen, was ihr aufgedrängt worden war. Es war nicht ihres. Es war nicht gewollt. Aber wieviel von dem, was in unserem Leben geschieht, ist gewollt?

 

„Du bist hierhergekommen, zu einer Zeit, da ich verwundet war“, begann nun Lilith ihrerseits, „Du bist hierhergekommen, zu einer Zeit, da ich orientierungslos war. Da war kein Ausblick und keine Aufgabe und kein Sinn. Doch ohne eine Aufgabe im Leben, kann es auch keinen Sinn geben. Ich habe auch nicht mehr daran geglaubt, dass es so eine Aufgabe geben könne, Inspiration und Freude und Lächeln. Das alles hast Du mir wiedergeschenkt, in Dir, in Ruhe und Vertrautheit. Das ist der Teil, den Du mir wiedergebracht hast, der mir verloren ging. Und ich dachte, ich könnte das gleiche für Dich sein, doch offenbar habe ich mich geirrt. Es gibt so vieles, wofür ich Dir dankbar bin, so vieles, was wieder da ist. Es ist das Geschenk, das Du mir machtest, und von dem ich annahm, dass Du es mir bist.“

„Siehst Du, genau das meinte ich damit, dass Du die Verantwortung abschiebst, und ich will das nicht und ich lasse es mir nicht aufzwingen, nie mehr wieder“, erklärte Ruben mit Überzeugung, wohl auch froh darüber zu erfahren, dass sie ihren Fehler benennen konnte und damit einsah.

„Aber, und darin liegst Du falsch, ich habe Dich darin nicht vereinnahmt. Vielleicht hat es sich für Dich so angefühlt oder angehört. Vielleicht gemahnte es Dich an frühere Situationen, in denen es Menschen gab, die Dir einen Ring um den Hals legten und ihn immer fester schlossen, aber das waren frühere Situationen, frühere Menschen“, entgegnete Lilith ernst und überlegt, „Doch jetzt ist es diese Situation, dieser Mensch, Du und ich, und alles was ich meinte war, dass Du mir so viel zurückgeschenkt hattest, dass Du mir einen Weg zeigtest, den ich vorher nicht sah. Du hast mir gezeigt, dass ich noch Möglichkeiten habe zu sein. Dass es auch für mich einen Sinn im Leben gibt. Du bist mir wichtig, aber die Aufgabe und der Sinn bleiben, auch wenn Du gehst, ja selbst, wenn Du nie mehr wiederkommst. Wenn Du gehen willst, dann geh. Ich werde Dich nicht abhalten. Aber Du wirst mich auch nicht davon abhalten, dass Du dieser Teil in meinem Leben bleibst, den Du mir wiedergebracht hast. Es ist gut, wenn Du da bist. Natürlich. Es wäre unsinnig es abzustreiten, aber ich werde Dich nicht festhalten, es nicht einmal versuchen.“

 

Und es war der Moment, da Ruben das leere Geschäft verließ, das für Lilith nun wirklich leer war, auch wenn es nicht wirklich leer war. Wie viel konnte man falsch machen, indem man versuchte es richtig zu machen, ehrlich zu sein und zu dem zu stehen, was man fühlte und dachte.

 

Aber es war auch der Moment, in dem Lilith erkannte, dass der Sinn im Leben in der Hinwendung besteht, Hinwendung zu einem Menschen, ihn zu behüten, ohne ihn zu beherrschen, und in einer Aufgabe, die einen erfüllt. Das ist alles. Mehr ist nicht notwendig.

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