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Life is too short for boring stories

Du tratst ein, gingst geradewegs auf Ihn zu, direkt vor Ihm stehen zu bleiben, das alabasterne Gefäß sicher umfasst, aufrecht und stark. Seine blauen Augen richteten sich auf Dich, Sein Blick umarmte Dich in aller Fülle. Nein, so einem Mann warst Du noch nie begegnet, so einem Mann würdest Du nie mehr begegnen, und doch, so sehr Du wünschtest und hofftest, Du wusstest, Er würde nicht lange bei Dir bleiben, bleiben können.

Du ließt Dich nieder, vor Ihm nieder, auf die Knie, und Er wehrte es nicht.

Vorsichtig entferntest Du den Deckel von dem alabasternen Gefäß, und sofort verströmte der durchdringende Geruch des Nadelöls. Alle Gespräche verstummten, aller Augen waren auf Dich gerichtet, doch Du merktest es nicht, denn Du, Du hattest nur Augen für Ihn.

Du übergosst Seine Füße mit dem kostbaren Nadelöl aus dem alabasternen Gefäß, und Er wehrte es nicht.

„Öl im Wert von 300 Denaren.“, raunte es durch den Raum.

„Wie viel Brot hätte man kaufen können, die Armen zu verköstigen, um 300 Denare.“, mahnte eine Stimme.

„Ein Familienvater hätte die Seinen und sich ein Jahr lang ernähren können, 300 Denare.“, flüsterte eine andere Stimme.

„Welch eine Verschwendung!“

„Welch ein Frevel!“

„Welch eine Sünde!“

„300 Denare – Verschwendung – 300 Denare – Sünde – 300 Denare – Frevel“, deklamierten die Stimmen.

Donner und Dröhnen und Donner und Dröhnen. Immer schneller. Immer heftiger. Und Du?

Du salbtest Seine Füße mit dem kostbaren Öl, und Er wehrte es nicht.

„Herr, willst Du denn nicht hören?“, raunte es durch den Raum.

„Herr, willst Du dieser Frau nicht Einhalt gebieten?“, mahnte eine Stimme.

„Herr, willst Du uns denn nicht anhören?“, flüsterte eine andere Stimme.

„Was sagst Du?“

„Was tust Du?“

„Was befiehlst Du?“

Du trocknetest Seine Füße mit Deinem langen, vom Tuch befreiten Haar, und Er wehrte es nicht.

Still rannen Deine Tränen über Dein Gesicht, auf Seine Füße, und Er, Er kniete sich neben Dich, fasste Dein Kinn und hob Deinen Blick in den Seinen. Sanft fassten Seine Hände die Deinen und Seine Lippen umschlossen die Deinen. All die Zugewandtheit und Liebe lang in diesem Kuss. Darin öffnete Er Dein Herz, und Deine Liebe war wie ein wilder Reiter, der, schneller als der Wind, alle Winkel dieser Erde erreichte, alles Erlebte im Gestern, im Heute, im Morgen umspannend. Nichts und niemandem verschloss sich diese Liebe. Nichts und niemandem war sie verwehrt.

Er küsste Dich, und Du wehrtest es nicht.

„Willst Du mit mir gehen, mit mir bis zu jener Unausweichlichkeit?“, fragte Er Dich.

„Ich will mit Dir gehen, bis zu jener Unausweichlichkeit, und noch weit darüber hinaus.“, antwortetest Du.

„Gut, dann lass uns den Weg gehen, der Dir und mir vorbestimmt ist.“, sagte Er.

So nahm Er Dich an der Hand und ging mit Dir weg, und Du wehrtest es nicht.

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