novels4u.com

Life is too short for boring stories

„Iss das Fleisch!“, herrschte sie ihn an, um dann mild, beinahe sanft fortzufahren, „Es ist außen knusprig und innen zart. So wie Du es magst. Genau so wie Du es magst, habe ich es Dir zubereitet. Schmeckt es Dir etwa nicht? Es schmeckt Dir nicht!“, und ihre Stimme wandelte sich aus dem Melodiösen in ein hysterisches Kreischen, „Es muss Dir schmecken. Es hat Dir zu schmecken. Was bist Du für ein Mann, wenn Dir Fleisch nicht schmeckt, außen knusprig und innen zart.“ Sie brach ab. Er schwieg. Er hatte nichts zu sagen. Nichts zu tun. Nur da zu sitzen, das Fleisch anzustarren, das auf seinem Teller lag.

„Es war eine Kriegserklärung“, fuhr es ihm durch den Kopf, „Und das Schlachtfeld war der Tisch, die erste Feindkonfrontation sein Teller, ihr Teller, „Eine Kriegserklärung, nur irgendetwas stimmte daran nicht, konnte nicht stimmen.“

„Direkt unteren dem Rippenbogen hat es gesessen, das Fleisch auf Deinem Teller, das ich Dir zubereitete, gesäubert vom Blut, abseits der kotverschmierten Gedärme. Tiere sind so widerlich, wenn sie sterben. Da versteht man es schon, dass man will, dass sie sterben. Wenn sie leben, sind sie unästhetisch. Sie machen meine Ordnung kaputt. Meine Sauberkeit. Mein Haus. Meine Welt. Wenn sie sterben sind sie widerlich. Erst, wenn sie tot sind, kann man sie putzen und ausweiden. Dann sind sie schön. So wie das Stück auf Deinem Teller. Und jetzt iss es, verdammt nochmal! Du ruinierst mein Leben, meine Arbeit. Ich habe es für Dich schön gemacht. Mit dem scharfen Messer habe ich es zerlegt und all das Blut aufgewischt, die Gedärme vom Kot gesäubert. Schön war es dann. Ich nahm nochmals das Messer und habe es zerlegt. Kotelett. Ripperl. Ich habe es eingefroren und das feinste Stück zubereitet. Außen knusprig und innen zart.“ Und wie, als müsste sie noch einen Beweis für ihre Taten ins Feld führen, ließ sie das scharfe Messer, mit dem sie den lebendigen Körper des Tieres, ihrer Widersacherin, vom Leben befreit hatte, so dass nichts blieb als tote Körperlichkeit, auf den Tisch sausen.

„Es kann nicht stimmen“, dachte er bei sich, doch er nahm zaghaft das Besteck auf, um den ersten Schnitt zu tun. Tatsächlich, es war außen knusprig und innen zart, genau so, wie sie es gesagt hatte. Und er fragte sich zum ersten Mal woher dieses Fleisch stammte. Eine Ahnung beschlich ihn, die so schrecklich war, dass er sie nicht auszusprechen wagte, vor allem, da sie das Messer noch mit den Fingern umschlossen hielt, so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten.

„Iss Dein Fleisch!“, herrschte sie ihn wiederum an, „Iss es. Es ist Deines. Du hast es gehabt. Du wirst es jetzt essen. Mach nicht immer nur halbe Sachen. Es soll ganz Dein sein. Und ich habe es dazu gemacht, dass es ganz Dein sein kann, so dass Du ganz mein bist. Dein Körper, Dein Leben, Dein Tun, Dein Tag, Deine Nacht, jede einzelne Minute, jede einzelne Sekunde bis zum Ende Deiner Tage. Ich bestimme allein, was in Dein Leben gehört und was nicht. Du siehst wie einfach es ist.“

„Habe ich das richtig verstanden?“, fragte er sich, während er sie verdattert ansah, „Aber nein“, beschwichtigte er sich selbst, „das kann nicht sein, das würde sie niemals tun.“ Und eigentlich wusste er es besser. Viel besser. Aber es ist wunderbar sich im Nicht-Wissen-Wollen auszuruhen, und so brachte er es endlich über sich den ersten Bissen in den Mund zu stecken. Es schmeckte süß und verführerisch. Ganz war das Blut nicht abgewaschen worden. Es war noch im Zyklus des Lebens. Ein bisschen schmeckte sie tatsächlich wie seine Geliebte. Das freute ihn. Süß und betörend und so ohne jedes Verlangen ihn zu besitzen.

„Du bist doch mein braver Junge“, säuselte sie, während sie nun endlich das Messer weglegte. Es war nicht mehr notwendig es zu halten. Es bestand keine Gefahr mehr. Er würde ihr gehorsam bleiben, auch weil er keine andere Wahl hatte. Jetzt nicht mehr. Sie hatte alles im Griff, durchgeplant und kontrolliert. Es genügte ein Bissen von diesem Fleisch, dass er nie wieder entkommen konnte, das Fleisch, das sie in einem Akt der Liebe durch das Töten geboren hatte und ihr Für-immer besiegelte. Und sie hatte es zerlegt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: