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Life is too short for boring stories

Liebe Sophie!

Nachdem ich in Dir eine Shoppingleidensgenossin fand, wie ich Deinem Brief entnehmen konnte, wollte ich zunächst erleichtert aufatmen. Noch eine Frau, die mit dem Shoppingwahn nicht viel anfangen kann. Das zumindest war meine erste Reaktion. Die zweite war jedoch schon Verwunderung, denn ich musste resigniert feststellen, dass ich in Dir wohl keine Leidensgenossin gefunden habe, da Du unter Deiner Shoppingphobie nicht leidest. Ich hingegen schon, denn so lange ich denken kann, wünschte ich mir nichts sehnlicher als eine vollwertige Frau zu sein, mit all den Tugenden, die eine solche auszeichnet.

Meine Positionierung bekam ich vor einem Vierteljahrhundert verpasst, als ein guter Freund meinte: Du bist keine Frau! In dem Alter nahm ich es noch als Herausforderung, als Ansporn, denn es bestand Hoffnung. Ich könnte ja noch eine werden, doch trotz aller Bemühungen änderte sich nicht viel, und wenn dann zum Schlechteren. Ich wünschte mir so sehr, ich könnte in Euphorie ausbrechen allein beim Gedanken, jetzt darf ich Schuhe einkaufen gehen, um im Anschluss, nach erfolgreicher Jagd, stundenlang das Erlebte mit der besten Freundin durchkauen zu können. Noch immer denke ich, wie herrlich wäre es doch, wenn mich mein Liebster beschenken könnte, mit Schmuck oder Halstüchlein, und ich nicht schon beim Ansinnen daran pragmatisch darauf hinwiese, dass ich doch schon so was habe und das ja alles unnötig ist. Letztens erst wurde mir das ganze Ausmaß meiner Unweiblichkeit bewusst, als meine Tochter nüchtern meinte, Frauen seien doch so leicht zu beschenken, um, nach einem kurzen Blick auf mich, hinzuzufügen, außer Dir Mama. Da war sie wieder, die Bestätigung meiner Unweiblichkeit.

Nach wie vor mache ich Einkaufslisten. Was anderen die ARGE ist, ist mir die Einkaufsliste. Eine reine Verzögerungstaktik. Wenn meine Mutter mich darauf hinweist, es wäre Zeit neue Schuhe, dann sehe ich sie mir kurz an und merke an, dass sie ja eigentlich noch gut sind, was auch so viel bedeuten kann, wie, sie fallen noch nicht auseinander. Das gilt aber bei meiner Mutter nicht. Da müssen wir sofort gehen. Dann kommt mein Trumpf. Weißt Du was, sage ich, ich schreibe es auf meine Einkaufsliste, dann kann man gleich viel mehr auf einmal erledigen. Der Vorteil ist, ich entscheide, wann die Einkaufsliste so voll ist, dass es sich rentiert. Mit der Zeit kann ich die ersten Dinge wieder streichen, so dass sie eigentlich nie lange genug wird. Dabei bin ich mir durchaus bewusst, all das ist eine reine Kompensationshandlung, denn allein der Gedanke an ein Einkaufszentrum führt zu erhöhtem Puls, unregelmäßigem Herzschlag und Attacken akuter Atemnot. Das Einzige, was mich am Leben erhält, sollte ich doch einmal zu einem Besuch gezwungen sein, ist das Einschlagen des kürzesten Weges zum nächsten Buchgeschäft. Da kann ich wieder frei atmen. Aber ich will das alles nicht.

Vielleicht suche ich mir eine Shopping-Therapeutin, die mich mit Konfrontationstherapie heilt oder in Hypnose die angelernte Phobie aushebelt oder ein Kindheitstrauma beseitigt. Dann werde ich endlich eine vollwertige Frau. Doch all das brauche ich vielleicht gar nicht mehr, wenn ich die Botschaft des Buches „Woran Frauen denken außer an Schuhe“ wirklich beherzige und mich auf das wirklich Wesentliche konzentriere: Schuhe, und dann wird alles gut, die gottgegebene Ordnung ist wiederhergestellt, so dass ich endlich schreien kann vor Glück, wenn ich einkaufen gehen darf, und nicht mehr vor Schmerz. Oder vielleicht schließen wir uns beide den ASV (Anonymen Shoppingverweigererinnen) an und können dann endlich uneingeschränkt unsere Weiblichkeit entfalten, ob Du willst oder nicht.

Hoffnungsfrohe Grüße,

Daniela

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