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Life is too short for boring stories

Ich stand auf in der Früh. Egal wo ich war und mit wem, in der Früh stand ich auf, putzte mir die Zähne, machte mir Kaffee. Mitunter auch Frühstück, wenn ich nicht alleine war. Für mich nicht. Frühstück ist nicht meine Mahlzeit. Das geht an mir vorüber. Kaffee genügt. Es ist auch nicht meine Zeit, der Morgen. Ich mag nicht reden. Erst zu mir kommen, nach dem Erwachen. Was automatisch geht, das funktioniert. So ist der Tag strukturiert. Eckpunkte, die sich immer wiederholen, die sich gleichbleiben. Aufstehen. Zähne putzen. Kaffee trinken. Arbeiten. Essen. Zähne putzen. Schlafen gehen. Dinge, die jeden Tag geschehen. Auch eine gewisse Sicherheit. Man mag es Gewohnheit nennen. Es gibt dem Tag eine Form. Auch. Und es ist gut so. Man muss nicht jeden Tag von vorne anfangen. Automatismen erleichtern das Leben ungemein. Aber was, wenn es Gewohnheiten, Automatismen sind, die nicht gut tun?

Jedes Jahr dasselbe Spiel. Man braucht Geschenke. Deshalb geht man einkaufen, zerbricht sich den Kopf. Was war es letztes Jahr gewesen? Was habe ich von dem/derjenigen letztes Jahr bekommen? Es kostet Zeit. Man hatte sich vorgenommen eine Liste zu machen, am besten gleich nach Weihnachten, wenn die Eindrücke noch frisch und unverbraucht sind. Natürlich hat man es mal wieder nicht gemacht. Deshalb ärgert man sich und nimmt es sich wieder vor. Immer dieser persönlichen Vorgaben, die man dann doch nie einhält. Dieses Jahr wird es gelingen, zeigt man sich überzeugt. Man ist schließlich motiviert, noch. Dann muss dekoriert werden. Man holt die Kisten aus dem Keller oder vom Dachboden, jedenfalls von dort, wo man das Zeug, das man aufbewahrt hat vom letzten Jahr, hingeschlichtet hat. Ein bisschen was Neues kommt dazu. Man möchte schließlich nicht immer dasselbe sehen. So kommt im Laufe der Zeit viel zusammen. Kiste stapelt sich auf Kiste. Man möchte nichts weggeben. Schließlich hängen doch Erinnerungen daran, ob gute mag dahingestellt sein. Wohl dem, der nur die guten Dinge im Gedächtnis behält. Wohl dem? Man vergisst worüber man sich im letzten Jahr geärgert hat, was man anders machen wollte. Man muss einkaufen. Man muss das Haus dekorieren. Man muss putzen. Das vielleicht noch vorher. Man muss Kekse backen. Zumindest einmal. Denn selbstgebackene Kekse, das ist doch ganz was anderes als gekaufte. Darin liegt so viel Wertschätzung. Man will diese verdammte Wertschätzung. Deshalb muss man Kekse backen. Man muss die Geschenke einpacken. Man muss. Immer muss man. Muss man? Es ist keine Frage, natürlich muss man. Man macht es schon immer so, seit vielen, vielen Jahren. Das ist Weihnachten. Eine einzige Ansammlung von Müssen. Es häuft sich. Natürlich muss man auch das ganze Jahr über, aber so gedrängt wie in der Zeit vor Weihnachten, ist es sonst nicht, mit dem Müssen. Man hinterfragt es auch nicht. So wie man das Aufstehen, das Zähneputzen, das Kaffeetrinken und all die anderen Dinge, die man tagtäglich macht, nicht hinterfragt. Automatismen, die erleichtern. Aber was, wenn diese Automatismen das Leben nicht erleichtern, sondern sogar erschweren? Jeder ist mürrisch und ausgelaugt und gestresst, aber man macht es dennoch nicht anders. Weil es eben so sein muss.

 

„Alle anderen, so dachte ich zumindest, haben immer Spaß an diesen Sachen“, meinte ich, mich dieser Zeit besinnend, in der ich auch meinte, ich muss, „Nur ich hatte den nicht. So meinte ich, dass mit mir etwas nicht stimmen könnte. Was für alle anderen passt, muss doch auch für mich passen. Selbst wenn ich mir völlig sicher war, dass dem nicht so war. Auf der anderen Seite sah ich mir bewusst die Gesichter der Menschen an, die in den diversen Einkaufszentren einkaufen gingen. Da fand ich keine Freude darüber, dass man was Tolles entdeckt hatte, womit man jemanden beschenken konnte, was ihm gefallen würde, sondern nur Ärger und Frustration. Deshalb begann ich vorsichtig zu fragen, nachzufragen, wie es denn den anderen, natürlich nur den Menschen, die mir nahestanden und von denen ich wusste, sie würden mir die Wahrheit sagen, damit ginge. So kam ich drauf, dass ich ganz und gar nicht die Einzige war, die mit der Situation unzufrieden war. Ganz im Gegenteil. Sie zeigten sich genervt und gestresst. Aber, und das war auch ein Grundtenor, man müsse es so machen, weil es doch nicht anders ginge.“

„Und ginge es wirklich nicht anders?“, hakte Maria nach.

„Das war genau die Frage, die ich mir auch stellte“, erwiderte ich, „Was von all den Dingen, von denen ich meinte, sie müssen sein, ist wirklich notwendig? Und vor allem, was von all dem hat wirklich was mit Weihnachten und dessen Sinn, mit der Botschaft zu tun?“

„Ich denke, die Geschenke haben damit nichts zu tun, vor allem, wenn es nur mehr gezwungen ist und man sich mehr darüber Gedanken macht, ob es denn angemessen sei, als darüber ob es tatsächlich ein Ausdruck der Verbundenheit ist“, meinte Jesus.

„Genau, diese Verbundenheit, miteinander zu feiern, zu lachen und zu freuen, miteinander zu sein. Doch braucht es dazu Geschenke? So viele Menschen stöhnen unter dieser Last, egal ob sie sie bekommen oder verschenken. Wir sind so dermaßen überflutet mit Dingen, dass wir das, was dann, gezwungener Maßen, dazu kommt, einfach in die nächste Ecke stellen, weil wir es nicht brauchen, zumeist“, fügte ich hinzu, „Deshalb war das auch mein erster Ansatzpunkt. Ich machte mir mit all den großen Menschen in meiner Umgebung rechtzeitig aus, dass wir uns diese Weihnachten nicht schenken würden. Das hört sich jetzt leicht an, aber es war eine harte Überzeugungsarbeit. Ich spürte wie sehr sich die Menschen dagegen sträubten, Gewohnheiten aufzugeben. Mehr noch, sie fürchteten sich davor, denn was würde dann bleiben?“

„Und hat es tatsächlich geklappt?“, fragte Maria.

„Es hat sogar großartig geklappt“, erinnerte ich mich an dieses Jahr der Umstellung zurück, „Es herrschte Misstrauen bis zum letzten Tag. Denn wenn man sich selbst an die Abmachung hielt, aber der andere nicht, dann würde man dumm dastehen. Das war wohl die größte Sorge, dass die anderen doch was gekauft hätten und man selbst nicht. Ich versuchte in dieser Zeit ein Vorbild an Gelassenheit zu sein, was mir auch recht gut gelang. Und dann war der Abend da. Tatsächlich hatte sich jeder daran gehalten. Aber die wichtigste Erfahrung war, dass es für viele unheimlich entlastend war. Sie hatten ein Muss abgegeben und merkten, dass es ging. Doch die Angst vor der Veränderung war sehr groß.“

„Veränderung kann nur schrittweise passieren“, resümierte Jesus, „Handelt es sich doch um Dinge, an die man sich sehr lange gehalten hat. Übergang heißt immer, etwas Altes zu lassen, aber das Neue hat sich noch nicht bewährt. Es ist wie eine dunkle, kalte Stelle, an der man sich wie ausgeliefert fühlt. Diese Stelle wollen die meisten meiden, selbst wenn man ihnen rational klarmachen kann, dass das Neue besser ist.“

„Und wenn an Weihnachten nichts Äußerliches bleibt, sondern nur mehr die lebendig-liebende Zuwendung, dann ist das schon eine dramatische Veränderung“, ergänzte ich, „Man hat nichts mehr, an dem man sich festhalten kann, außer Deiner Hand. Oder gerade weil meine Hände nicht mehr vollgepackt sind mit Dingen, kann ich Deine Hand nehmen und mit Dir gehen. So einfach könnte es sein. So einfach kann es sein, wenn man einmal alles Müssen, das man nicht will und das auch nicht notwendig ist, wie man dann feststellt, endlich hinter sich lässt.“

„Plötzlich fällt der Druck des Faktischen, des Gegebenen von einem ab und man fühlt sich leicht und unbeschwert, so wie unsere kleinen Racker“, meinte Maria, und wies auf die ausgelassen spielende Rasselbande zu ihren Füßen, „Vielleicht sollte man sich darauf besinnen, woran man sich von den Weihnachtsfesten tatsächlich erinnert. Die Geschenke sind oft schnell vergessen. Aber ein Spaziergang im Schnee oder die Tasse Tee danach zum Aufwärmen vor dem Kamin, daran erinnert man sich. Toben und lachen und ausgelassen sein, Freude am Fest der Liebe, ohne sich unnötig zu belasten. Einfach mit Dir sein, das Leben so lebendig zu gestalten wie möglich.“

 

Es ist nicht leicht, aber möglich, Gewohnheiten zu ändern, das Müssen zu hinterfrage und einen neuen Weg zu finden, auch zu Weihnachten, so dass die grundlegende Botschaft wieder Gehör und vor allem Umsetzung findet, in der liebend-lebendigen, lebendig-liebenden Zuwendung zum Du. Dann wird das Fest ein gelungenes sein, das fortwirkt in den Rest des Jahres. Dann hätte auch all der Aufwand einen Sinn, denn letztlich ist das, was wirklich glücklich macht das Miteinander, Du und ich. Sich wieder darauf zu besinnen, das wäre der Sinn der Vorweihnachtszeit. So dass anstelle des Müssens wieder Fröhlichkeit tritt, die uns allen so gut tut.

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