Der 12. Februar 1934 war kein tragisches Missverständnis und kein bedauerlicher Ausrutscher der Geschichte. Er war Klassenkampf von oben. Er war die bewaffnete Verteidigung einer Ordnung, die auf Ausbeutung, Unterordnung und Ausschluss beruhte. Und er war der Versuch, eine organisierte Arbeiterbewegung zu zerschlagen, weil sie zu stark, zu bewusst und zu solidarisch geworden war.
Die Barrikaden standen nicht zufällig in Arbeiterbezirken. Geschossen wurde nicht auf abstrakte Gegner, sondern auf Menschen, die sich organisiert hatten, die ihre Interessen erkannt und begonnen hatten, sich kollektiv zu wehren. Viele der Männer, die im Februar 1934 kämpften, hatten nichts außer ihrer Arbeitskraft – doch keine Möglichkeit, sie einzusetzen. Sie waren arbeitslos, arm, entrechtet. Ihr Mut bestand darin, sich der Gewalt eines Staates entgegenzustellen, der längst aufgehört hatte, für sie da zu sein.
Doch wer den Februar 1934 nur als bewaffneten Aufstand erzählt, erzählt ihn unvollständig. Denn Klassenkampf wird nicht nur mit Waffen geführt. Er wird im Alltag geführt, im Überleben, im Zusammenhalten. Und genau hier kommen jene ins Blickfeld, die zu oft aus der Geschichte gedrängt wurden.
Während gekämpft wurde, sorgten andere dafür, dass das Leben nicht zusammenbrach. Frauen organisierten Nahrung, obwohl Mangel herrschte. Sie schützten Kinder vor Kugeln, Durchsuchungen und Angst. Sie versorgten Verwundete, versteckten Verfolgte, hielten Wohnungen und Nachbarschaften zusammen. Diese Arbeit war kein Beiwerk. Sie war Voraussetzung dafür, dass Widerstand überhaupt möglich war.
Der Kapitalismus lebt davon, diese Arbeit unsichtbar zu machen. Sorgearbeit, Reproduktionsarbeit, Gemeinschaftsarbeit gelten als privat, als unpolitisch, als selbstverständlich. Der Februar 1934 zeigt das Gegenteil: Ohne diese Arbeit gibt es keine Bewegung, keine Organisation, keinen Widerstand. Die Frauen von 1934 waren nicht am Rand des Klassenkampfs – sie waren mittendrin.
Es gab Alte, die Erfahrungen weitergaben, die Zusammenhänge erklärten, die erinnerten. Es gab Junge, die halfen, trugen, Botengänge übernahmen. Es gab Nachbarschaften, die zusammenhielten, weil sie wussten: Wenn wir uns nicht gegenseitig schützen, tut es niemand. Es gab sichtbare Kämpfe und unsichtbare Arbeit – und beides war notwendig.
Nichts davon war weniger wert.
Nichts davon war ersetzbar.
Nach der militärischen Niederlage begann für viele der härteste Kampf. Haft, Hinrichtungen, Verbote, soziale Vernichtung. Organisationen wurden zerschlagen, Existenzen zerstört. Und doch hörte der Klassenkampf nicht auf. Er verlagerte sich. In Wohnungen, in Familien, in heimliche Netzwerke. Weiterzuleben unter diesen Bedingungen war kein Rückzug. Es war Widerstand.
Diese Kraft, weiterzuleben, war keine individuelle Tugend. Sie war kollektive Praxis. Sie entstand aus Solidarität, aus gegenseitiger Hilfe, aus dem Wissen, dass niemand allein durchkommt. „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ war kein fernes Versprechen. Es war gelebte Notwendigkeit.
Der Februar 1934 zeigt uns, wie es ist, wenn nicht Konkurrenz besteht, sondern gelebte Solidarität. Nicht alle tun dasselbe. Aber alle tragen bei. Manche kämpfen an der Front, andere stärken den Rücken. Manche organisieren, andere sorgen, andere erinnern. Genau darin liegt die Stärke einer Bewegung.
Heute wird uns eingeredet, wir seien Konkurrent*innen. Vereinzelte. Verantwortlich nur für uns selbst. Doch das ist keine Wahrheit – das ist eine Strategie. Spaltung schwächt. Solidarität gefährdet bestehende Machtverhältnisse. Deshalb wird sie bekämpft.
Der 12. Februar erinnert uns daran, dass Zusammenhalt keine romantische Idee ist, sondern eine materielle Notwendigkeit. Dass Befreiung nie individuell ist. Und dass Klassenkampf viele Gesichter hat – alle gleich notwendig.
Wir gedenken heute nicht nur der Toten.
Wir gedenken der Kämpfenden.
Der Sorgenden.
Der Weiterlebenden.
Und wir erinnern uns daran, auf wessen Schultern wir stehen.
**Der Februar 1934 lehrt uns: Nichts wird uns geschenkt.
Was wir haben, wurde erkämpft – und kann uns wieder genommen werden.
Gegen ihre Spaltung setzen wir Solidarität.
Gegen ihre Vereinzelung setzen wir Organisation.
Gegen ihre Macht setzen wir unser Miteinander.
Der Kampf geht weiter –
denn die Welt gehört nicht den Wenigen,
sondern denen, die sie gemeinsam tragen.**

