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Life is too short for boring stories

Josef und Maria waren ins nächste Dorf gefahren, um einkaufen zu gehen. Kleinigkeiten. Was man so braucht. In der Abgeschiedenheit. Ich war nicht mitgefahren, weil ich es nach wie vor genoss niemand anderen zu sehen, außer den beiden und den Hunden. Für immer bleiben, es war verlockend. Doch es geht der Bezug verloren, zur wahren Welt, zur Zeit und deren Einteilung. Jeden Morgen musste ich mich vergewissern was für ein Tag gerade war. Dass ich mich nicht gänzlich verlor, im Fluss des Lebens. Dass ich wusste was heute ist und gestern war und morgen sein wird. Es ist wichtig. Zur Orientierung. Ist es wichtig? Ändert es etwas nicht zu wissen, was für ein Tag war? Sicher, dort draußen in der Welt, in der ich zu Hause war, eigentlich, war es wichtig. Um Termine einzuhalten. Um sich in Verlässlichkeit zu üben. Doch hier heraußen, was machte es für einen Unterschied? Es war Winter und es würde Frühling werden und Sommer und Herbst. Es würde sein, auch ohne ein Datum zu wissen. Es geht seinen Weg.

„Haben Tiere eigentlich einen Sinn für die Zeit?“, fragte ich, als die beiden wieder zurück gekommen waren, nachdem der Einkauf aus den Kisten in die Schränke geräumt worden war und der obligatorische Tee dampfte. Als hätte man keine Wahl. Zumindest hier in Irland.

„Nicht, wenn Du damit unsere Einteilung meinst, nach den üblichen Kriterien, Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Wochen, Monate usw.“, antwortete Jesus, „Aber sicher für den Wechsel der Jahreszeiten, je nachdem wo sie wohnen, je nach Gegebenheit, wie es für sie wichtig ist. Auch bei den Menschen war es so, so lange die meisten Menschen in der Landwirtschaft arbeiteten. Wenn das Heu einzubringen war, dann war es zu machen, ganz gleich ob Sonntag oder irgendein anderer Tag. Die Arbeit und die Muse gingen mit den Entwicklungen in der Natur konform. Weil der Mensch gänzlich abhängig war, von der Natur und ihren Abläufen. Und das gilt wohl auch heute noch. Obwohl wir uns dessen immer weniger bewusst sind, weil die Natur so weit von uns wegrückt, weil die wenigsten mit Landwirtschaft beschäftigt sind. Dabei geht es uns im Grunde alle an. Bewusst wird es meistens erst dann, wenn Ausgleichszahlungen an die Bauern getätigt werden, um den Einkommensverlust durch Ernteausfälle auszugleichen oder ähnliches. Dennoch bleiben wir ignorant, meinen eher, dass es ärgerlich ist, dass dafür schon wieder Steuergelder draufgehen.“

„Dabei wird es immer häufiger, die Ernteausfälle aus irgendwelchen klimatischen Gründen“, fügte Maria hinzu, „Zu kalt. Zu heiß. Zu viel Regen. Zu wenig Regen. Das Wetter spinnt, meinen wir, und gehen weiterhin in den Supermarkt, kaufen das Brot und das Mehl und das Gemüse und das Obst, gehen damit nach Hause und schütteln den Kopf darüber warum die Bauern so einen Aufstand machen. Nun gut, sie sollen auch überleben. Aber wozu brauchen wir sie denn? Das Brot und das Mehl und das Gemüse und das Obst, das kriegt man schließlich im Supermarkt. Selbst da ist der Zusammenhang in den Köpfen verloren gegangen, dass es nur deshalb möglich ist diese Produkte zu kaufen, weil sie zuvor am Feld wuchsen. Die nun verdorrt sind. Oder überschwemmt. Was hat meine Kartoffel mit den Feldern zu tun? Natürlich, theoretisch weiß man es. Kinder wachsen auf mit Bilderbüchern über Bauernhöfe. Es ist immer so hübsch gezeichnet. Die goldenen Felder, die uns von Anfang an eintrichtern und zeigen, so hat ein Feld auszusehen, eine große Fläche, mit einer einzigen Frucht. Monokultur als Maßstab für alles. In der Landwirtschaft. In der Produktion. In der Mode. In der Politik. In der Gesellschaft. In den Gesprächen. In den Beziehungen. Monokultur als die effizienteste Form des Anbaus.“

„Effizient, ja, aber für wen?“, warf ich ein, „Für den Bauern? Zumindest zu Anfang, wenn er seine großen Traktoren einsetzen kann und die Arbeit ganz schnell geht oder zumindest schneller als zuvor, doch bald schon merkte man, dass der Boden ausgebeutet wird. Der Entzug der immer selben Nährstoffe bringt ihn um. Deshalb mussten die Nährstoffe anders zugeführt werden, denn ohne sie, würde auch die Frucht nicht mehr wachsen. Sie wurden zugeführt, künstlich, und das zerstörte die Böden noch mehr. Das heißt, es gibt durch die Monokultur durchaus Gewinner. Die Saatguterzeuger, die das entsprechend manipulierte Produkt anbieten, das überhaupt in dieser Art des naturfremden Anbaus wachsen kann. Denn in der Natur gibt es keine Monokultur. Da wächst alles kunterbunt durcheinander, weil es zusammengehört. So werden Nährstoffe, die durch die eine Pflanze entzogen werden, durch andere Organismen wieder zugeführt. Damit hält sich alles im Gleichgewicht. Ein Miteinander. Eine Symbiose. Doch dort, wo diese Symbiose gekappt wird, muss man nachhelfen. Dadurch sind die anderen, die davon profitieren jene, die die Pestizide erzeugen. Es gibt also durchaus Gewinner, zumindest auf kurze Sicht.“

„Allerdings gibt es viel mehr Verlierer, auf längere Sicht“, fuhr Jesus fort, „Zunächst sind es die Landwirte selbst, denn ihr Boden wird ruiniert, ihr Grundkapital. Irgendwann ist er tot. Da nützen selbst Pestizide nichts mehr. Dann sind es die Menschen, die die Produkte konsumieren, denn die Pestizide kommen in die Pflanzen, und nicht nur in jene, die auf den Feldern wachsen. Sie kommen ins Wasser. Alle Lebewesen ernähren sich davon. Sie sind in uns und überall um uns. Ein langsames Vergiften. So dass nicht zuletzt die Natur auf der Seite der Verlierer steht, die Erde, auf die wir alle angewiesen, von der wir abhängig sind. Ein Kreislauf kommt in Gang, der sich nur schwer unterbrechen lässt. Wir brauchen immer mehr. Wälder werden gerodet. Und mit der Rodung der Wälder verschärft sich die prekäre Lage der Natur. Wir geben ihr auch keine Zeit mehr sich zu erholen. Bäume werden gefällt, die über 100 und mehr Jahre gewachsen sind. Innerhalb von Minuten wird ein Leben zerstört, das es so lange gab. Unwiederbringlich. Damit werden die Naturkatastrophen mehr. Aber es macht nichts, so lange Brot und Mehl und Gemüse und Obst in den Supermarktregalen liegt. Das hat nichts miteinander zu tun. Irgendwo wird es schon herkommen. Es ist nicht das Problem des Konsumenten. Erst, wenn die Regale nicht mehr befüllt sein werden, weil nichts mehr wächst, dann wird man nachdenken. Vielleicht. Aber immer erst dann, wenn man persönlich betroffen ist. Vorher ist es das Problem anderer, wessen auch immer. Es ist egal.“

„Aktivist*innen ketten sich an Bäume. Um ihre Rodung zu verhindern“, erinnerte ich mich der jüngsten Vorkommnisse, „Sie errichten Baumhäuser und leben darin. Um das Überleben der Bäume zu sichern und damit unser aller, eigentlich. Aber da ist die Lobby, die die Bäume gerodet sehen will. Um an Rohstoffe zu gelangen. Um den Boden nutzbar machen zu können. Deshalb wird die Polizei geschickt. Und das Militär, wenn es sein muss. Sie haben den Auftrag die Aktivist*innen zu entfernen. Nicht nur notfalls mit Gewalt. Eigentum wird ins Treffen geführt. Und die wirtschaftliche Notwendigkeit. Erst wenn sie alle gerodet sind, wird es auch keine wirtschaftliche Notwendigkeit mehr geben. Wenn uns die Luft ausgeht. Aber diese Aktivist*innen, von denen abwertend gesagt wird, sie seien so eso und umarmten die Bäume, werden verprügelt, eingesperrt und verurteilt. Sie wollen trotzdem nicht aufgeben, lassen sich nicht vertreiben. Setzen ihr Leben, ihre Freiheit im Grunde für jene, die nicht sehen, nicht sehen wollen, dass es um ihr Überleben geht, die die Aktivist*innen beschimpfen und ihnen sagen, sie sollten doch gefälligst was arbeiten gehen, wie jeder anständige Mensch. Aber wenn die Natur zerstört ist, dann wird es keine Arbeitsplätze mehr geben. Wenn uns die Luft ausgeht. Wie soll man angehen gegen die Ignoranz? Gegen die Dummheit? Gegen die Kurzsichtigkeit?“

„Indem man nicht nachlässt, sich von dem leiten lässt, was uns unsere innere Stimme sagt, unsere Einsicht“, meinte Jesus nun, „Und wenn man einmal erkannt hat welche Auswirkungen unser Tun hat, dann kann man wahrscheinlich nicht anders, trotz all der Repressionen, das Leben zu schützen, wo und wie man kann. Nichts ist schändlicher als diese ungehemmte Zerstörung. Nichts ist dümmer. Dennoch sehen so viele weg. Sie sind mit ihrem eigenen Leben beschäftigt. Haben Angst, auch um ihre Familien.“

„Wäre es nicht im Einklang mit dem Sinn von Weihnachten, des Lebens, das sich mit der Liebe verbindet und aus ihr wird, keinen Weihnachtsbaum zu haben, kein weiteres Lebewesen zu töten, um einen Tag lang das Haus zu schmücken, sondern stattdessen einen Baum zu pflanzen?“, sagte ich, und fragte mich warum es überhaupt notwendig ist zu töten, und das im Namen des Lebens, im Namen der Liebe. Kaum etwas könnte absurder sein. Kaum etwas wird als selbstverständlicher hingenommen. Auch am vierzehnten Tag des Adventes, an dem wohl schon andernorts fleißig Christbäume gekauft wurden.

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