Lara saß auf der Terrasse ihres kleinen Häuschens und sah hinaus in den großen Garten. So viel Leben barg sich in ihm, zumindest seit sie ihn wachsen ließ, wie er wollte. Nun, nicht ganz, denn sie mähte zwei Mal im Jahr und hatte sich ihre kleinen Oasen freigehalten, auf denen sie Gemüse anbaute. Und Kartoffeln. Und Hülsenfrüchte. Eigentlich könnte sie von dem, was in ihrem Garten wuchs, leben. Nüsse hatte sie auch. Auf den Bäumen. Und Obst. Sträucher voller Beeren. In den Spätsommertagen kochte sie ein und machte haltbar was möglich war. Sie fühlte sich privilegiert, hier inmitten von Grün. Geld hatte sie nicht viel. Es war ein Leben voller Arbeit gewesen und dennoch, da war nicht viel.
Zuerst hatte sie ihre Mutter gepflegt, die an Brustkrebs litt und langsam dahinsiechte. Danach war es ihr Vater. Bei dem war es schneller gegangen. Und die Kinder, die hatte sie aufgezogen. Und irgendwann zwischen dem Aufatmen, dass ihre Mutter ihr Leid hinter sich gebracht hatte und der Trauer, sie verloren zu haben, während ihr Vater noch rüstig genug war, sie zu unterstützen, irgendwann da hatte sie ihr Mann verlassen. Der Vater ihrer beiden Kinder. Den hatte sie auch noch betreut. Wie ein drittes Kind. Und immer schwebte der Vorwurf im Raum, warum sie denn nicht arbeiten ginge. Sie spürte seine Blicke, wenn sie zerzaust und übermüdet irgendwie noch die Hausarbeit erledigte. Im Gedanken verglich er sie wohl mit der jungen, dynamischen, allzeit adretten Kollegin, die sich nicht kümmerte, zumindest um nichts, was über ihr eigenes Aussehen hinausging. Das hatte ihm gefallen. Als erst hatte er eine lockere Affäre. Zum Schluss konnte er seine Frau nicht mehr sehen, die so hausbacken und immer praktisch war. Es war Lara eigentlich erst aufgefallen, als sie merkte, dass sie weniger Wäsche waschen musste. Und weniger kochen. Es war ein Aufatmen. Dann waren die Kinder, die inzwischen auch schon das Haus verlassen hatten. Und sie saß auf der Terrasse an einem dieser letzten lauen Spätsommerabende, die einladen, länger draußen zu verweilen. Wie lange hatte sie sich solch einen Luxus nicht leisten können, einfach da zu sitzen und hinauszusehen. Im Nussbaum saß ein kleiner Täuberich. Lara kannte ihn gut. Er hatte sich vor einigen Jahren hier niedergelassen. Gemeinsam mit seiner Taubendame. Die Jahre vergingen und sie waren zusammengeblieben. Es ist eben so. Sie hatten ihre Kinderstuben, zogen miteinander die Babies groß. Sie würden zusammenbleiben für den Rest ihres Lebens. Doch eines Morgens zerbrach die morgendliche Stille an einem Schuss. Der Nachbarsjunge spielte mit seiner Schrotbüchse. Für ihn war es ein Spiel. Ein Spiel mit Kollateralschäden. Diesmal war es die Taubendame. Lara fand sie zerfetzt im Gras liegen. Sie solle sich nicht so anscheißen wegen dem Scheiß-Viech hatte der Vater des Jungen gesagt. Ein Jäger, der seinen Sprössling das Mordshobby schon früh schmackhaft gemacht hatte. Für ihn war es ein Spaß. Was denn so lustig daran sei einem anderen ohne Sinn das Leben zu nehmen. Weil er es könne, hatte er gemeint. Und Lara wäre so rührselig und emotional. Und das wegen so einer Taube. Der Täuberich lebte alleine weiter. Er würde es bleiben. Sein Leben ging weiter. Aber nicht mehr so wie es war. Es schmerzte ihn so zu sehen, so allein und verloren. Lara fühlte es, weil sie sich dem Leben verbunden fühlte, in welcher Form auch immer es sich zeigte. Und sei es mit grauen Flügeln.


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