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Life is too short for boring stories

Es war ein nasskalter Tag, dieser 13. Advent, einer von denen, an denen man sich am liebsten die Bettdecke über die Ohren zieht und sich einigelt. Einigeln – wie der Igel in seinem Winterdomizil. Auch die Kleinen schienen vom Wetter beeinflusst, ein klein wenig ruhiger zu sein. Es war so düster und trüb. Naheliegend, dass man sich nicht den sonnigsten Gedanken widmete.

 

„Ein Feuer zu entzünden im Kamin, um die Kälte zu vertreiben“, sagte ich, „Kerzen anzuzünden, um das Düstere und Trübe zu vertreiben, auch aus den Gedanken. Ein Licht zu sein in der Welt, und wer weiß, vielleicht hält es dem November-Regen stand.“

„Ein Licht in der Welt, entgegen allen Anfeindungen und Erschwernissen, gegen Regen und Wind“, meinte Jesus, während er gedankenverloren in die Flammen sah, „Es gibt solche Lichter dort draußen, immer wieder, sonst hätte man an der Menschheit schon längst verzweifeln müssen.“

„Denkst Du dabei an wen Bestimmten?“, fragte Maria nach, der die Aussagen wohl ein wenig kryptisch erschienen.

„Ja, gerade heute morgen ist es mir wieder eingefallen“, erklärte Jesus, „Wir sind das Licht für diese vier Hunde. Sie wären erfroren oder verhungert dort draußen. Jetzt sind sie in Sicherheit. Nun könnte man sagen, diese Hündin hätte keine Babies bekommen sollen, wenn sie nicht gewollt sind. Das ist aber bei einem Hund nicht möglich. Er folgt seinem Instinkt, der ihn zur Fortpflanzung bewegt, im Sinne der Art, aber der Mensch ist dazu durchaus in der Lage. Er kann es steuern und muss nicht Kinder in die Welt setzen, wenn er nicht die Mittel besitzt sie mit dem Notwendigen zum Leben zu versorgen. Außer, er wird dazu gezwungen.“

„Wie kann man einen Menschen zwingen, Kinder in die Welt zu setzen?“, hakte ich nun nach, weil ich dachte, dass es so etwas nicht geben konnte noch kann.

„Ich denke konkret an den ehemaligen rumänischen Diktator Nicolae Ceausescu“, begann Jesus zu erzählen, „Seine Vision war es, die rumänische Bevölkerung bis zur Jahrtausendwende auf 30 Millionen anwachsen zu lassen. Derzeit hat das Land rund 18,8 Millionen Einwohner. Dazu war es natürlich notwendig, dass viele Kinder geboren wurden. Und um das zu erreichen, musste jegliche Maßnahme, die gegen den Kindersegen ergriffen werden konnte, im Keim erstickt werden, am besten. So wurde bereits 1966 Empfängnisverhütung verboten. Aber auch Abtreibungen wurden streng bestraft. Illegale Abtreibungen wurden dennoch durchgeführt. Nicht zuletzt mit großen Gefahren für die Mutter verbunden. Viele versuchten es selbst, z.B. mit Drähten. Das führte dazu, dass Kinder mit Behinderungen auf die Welt kamen, die keiner haben wollte. Sie wurden in Kinderheime abgeschoben. Eines der berüchtigtsten war Cighid, in dem behinderte Kinder, angebunden im Gitterbett, fast nackt, unterernährt und ohne Heizung, dem Tod entgegensiechten. Man hätte sie auch einfach töten können, aber man zog es vor sie langsam krepieren zu lassen. Ein Kinder KZ mitten in der sog. zivilisierten Welt. Betreuerinnen kamen, sechs für 109 Kinder, fütterten sie notdürftig mit minderwertigem Brei und überließen sie ansonsten sich selbst.  Als 1989 die Befreiung aus der Diktatur kam, standen die Menschen fassungslos davor. Es ging breit durch die Medien. Dann wurde es wieder vergessen. Die Menschen vergessen so schnell. Aber zurück zu den Errungenschaften des Diktators.

 

So verdoppelte sich die Geburtenrate bereits innerhalb eines Jahres. Zunächst kam das staatliche Förderprogramm mit den Anforderungen, die daran geknüpft waren, noch mit, wie die Bereitstellung von Kindergärten und Schulen, aber letztlich blieben sie doch unzureichend. 40% der Bevölkerung lebten unterhalb der Armutsgrenze. Desolate Verhältnisse für die Familien. Armut und Gewalt regierten, und tun es bis heute. Die Kinder liefen von zu Hause weg oder wurden davongejagt, zurückgelassen. Dann gingen sie in die Kanalisation. Dort leben nach wie vor Kinder im Alter zwischen 3 und 17 Jahren. Es stinkt und ist laut, aber immerhin ist es warm, und die Winter in Rumänien können verdammt kalt sein. Ausgestoßene der Gesellschaft, hausen sie, leben von der Hand in den Mund und schnüffeln Drogen. Sonst würden sie es wahrscheinlich nicht aushalten. Ab und zu kommen Hilfstransporte und schmeißen Säcke auf die Erde. Die Kinder schnappen sich die Teile und verkaufen sie. Weiter kümmert sich niemand. Das ist die Lage. Man weiß es und dennoch tut niemand was. Strukturelle Veränderungen müssen von der Politik ausgehen, doch denen geht es gut. Sie sehen keine Notwendigkeit. Und die, die was ändern wollen, haben oft nicht die Möglichkeiten, sagen sie zumindest.“

„Und wo ist das Licht, von dem Du gesprochen hast?“, fragte Maria nach, „Ich denke, Du möchtest uns nicht mit diesen düsteren Bildern abspeisen und dann zu etwas anderem übergehen.“

„Eines Tages kam ein Priester der freien katholischen Kirche Hollands nach Bukarest, nachdem er einen Bericht über diese Kinder im Fernsehen gesehen hatte. Don Demidoff, so hieß er, konnte es nicht glauben und warf der Redakteurin Effekthascherei vor“, erzählte Jesus, „Doch als er ankam musste er feststellen, es war sogar noch viel schlimmer. Und im selben Moment wusste er, dass es seine Bestimmung war diesen Kindern zu helfen, zumindest so vielen er helfen konnte. Er blieb. Kaufte ein Haus und konnte 50 Kindern Unterkunft geben. Außerdem richtete er eine Schule ein und es war mit der Zeit auch möglich einen Beruf zu erlernen. Er fand sehr schnell heraus, dass diese Kinder in einer Regelschule nicht mehr unterzubringen waren, aufgrund ihrer Erfahrungen auf der Straße. Deshalb passte er das pädagogische Konzept den Kindern an, und nicht umgekehrt, wie es nur allzu gerne getan wird. Das sprach sich so schnell herum, dass er noch nicht einmal fertig ausgebaut hatte, als bereits die ersten Kinder vor der Türe standen. Er war das Licht für diese Kinder, und ist es über viele Jahre geblieben.“

„Eine wunderschöne Geschichte“, musste ich zugeben, „Eine Erfolgsstory sozusagen, und ein Mensch oder mehrere Menschen, die ihr Leben dafür einsetzten, anderen zu helfen. Auch das kann es in der Kirche geben.“

„Nun, so einfach ist es nicht“, gab Jesus zu, „So gut es für die Kinder war, dass sie nun ein zu Hause hatten und jemanden, auf den sie sich verlassen konnten, der für sie da war, so sehr war dieses Projekt vielen Menschen ein Dorn im Auge. Von staatlicher und kirchlicher Seite wurde er angefeindet, verleumdet und boykottiert. Allen voran von der Deutschen Bischofskonferenz, alten Herren mit einem stattlichen Salär, die warm und trocken und wohlgenährt in ihren fürstlichen Domizilen sitzen und sich auch so benehmen, haben keine anderen Sorgen, als einem Mann das Leben schwer zu machen, der nichts weiter macht als den Ärmsten der Armen zu helfen. Dabei wäre das genau meine Botschaft. Und die agieren auch noch in meinem Namen. Doch so stark der Wind auch wehte und der Regen fiel, Don Demidoff blieb standhaft. Immer wieder stand das Projekt knapp vor dem Aus, und immer wieder hat er es geschafft weiterzumachen.“

„Du willst mir also sagen, dass die Deutsche Bischofskonferenz nichts Besseres zu tun hat, als einem Priester in Rumänien das Leben schwer zu machen?“, wollte ich mich vergewissern, ob ich das auch richtig verstanden hatte.

„Genau das“, bestätigte Jesus, „Sie haben sichtlich nichts Besseres zu tun.“

„Es gibt aber auch eine andere mögliche Erklärung für ihr Verhalten“, warf nun Maria ein, „Wie Du sagtest, es wäre eigentlich die Aufgabe der Hirten in der Kirche, sich um genau diese Menschen zu kümmern. Nun ist das aber mühsam und ekelhaft. Deshalb bleiben sie lieber auf ihren fetten Hintern sitzen. Es nagt aber das Gewissen, denn sie wissen letztlich genau, dass sie genau das Gegenteil von dem machen, was Du wolltest. Deshalb verdammen und verteufeln sie Menschen, die das machen. Damit lenken sie von ihrem eigenen Nichtstun ab, und auch davon, dass sie niemals ein Licht waren und auch nicht sein werden.“

„Niemand darf besser sein als man selbst, denn dann fällt das eigene Nichtstun erst auf“, meinte ich nachdenklich, „Aber anstatt sich ein Vorbild daran zu nehmen, geht man den Weg des Denunzianten. Wie dereinst Petrus.“

 

Je näher Weihnachten rückte, desto klarer wurde mir was der Sinn von Weihnachten war, das Leben liebend zu leben, die Liebe lebendig zu leben. Es könnte so einfach sein, doch anstatt sich ein Vorbild zu nehmen an jenen, die dies nach ihren Möglichkeiten in die Tat umsetzten, wurden sie hintertrieben, vertrieben und zerstört. Gerade von jenen, die es eigentlich genau umgekehrt machen müssten, die einen Auftrag hatten eben jene Botschaft zu leben. Verbreiten, darin wurden sie wohl tatsächlich nicht müde, aber sie zu leben, das ist offenbar zu viel. Aber ich war auf einem guten Weg bei meiner Suche nach dem Sinn von Weihnachten.

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