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Life is too short for boring stories

Tobias zählte zu jenen Männern, von denen die Frauen nicht zu wissen schienen, dass sie überhaupt Männer waren. Er war Vertrauter, Seelentröster, Helfer in der Not, aber keine konnte sich ihn offenbar als Liebhaber oder Partner vorstellen. Sie kamen zu ihm, wenn sie etwas brauchten.

„Tobilein“, sagten sie dann, weil es sich eingebürgert hatte, und alleine diese Ansprache zeigte schon wie es um die Beziehung stand, „Du bist mein allerbester Freund. Du verstehst mich. Ich bin so froh, dass es Dich gibt.“

So oder so ähnlich sprachen sie, doch wenn es um die Liebe ging, da schmolzen sie dann doch beim Anblick all dieser Machos dahin. Klar, dass das wieder in Liebeskummer endete. Und wer war dann wieder zur Stelle? Der gute Tobias, ihr Tobilein. Das musste sich ändern, beschloss er. Aber wie? Schließlich verwandelt man sich nicht von heute auf morgen oder überhaupt in einen Draufgänger. Besonders virulent wurde der Wunsch, als er Claire begegnete.

Claire war groß, schlank, trug ihr langes, braunes Haar, das ihr bis an die Hüften reichte, offen. Die kastanienbraunen Augen ließen sie sanft, weich und verwundbar erscheinen. Als Tobias sie kennenlernte, beschloss er, dass er sie retten müsse vor all den bösen Geschlechtsgenossen, die ein Mädchen so schlecht behandeln. Dabei vergaß er geflissentlich, dass die Mädchen sich dessen durchaus bewusst waren. Dennoch ließen sie sich immer auf diese verantwortungslosen Typen ein. Tobias war es völlig schleierhaft, dass es so war. Bisher war er davon überzeugt, dass sich daran nicht viel ändern ließe. So wie das Wetter, musste er es hinnehmen, aber in diesem einen, speziellen Fall war es an der Zeit ein Retter zu werden. Dann würden die Frauen ihn endlich auch als Mann ernstnehmen. Es galt nur ein Exempel zu statuieren. Doch wie sollte er es anfangen? Wie sollte er Claire von seinen Qualitäten überzeugen? Wenn er darauf wartete bis ihm das Schicksal solch eine Gelegenheit bot, würde er ewig warten müssen. Er jedoch wollte nicht mehr warten, nicht einmal mehr kurze Zeit. Die einzige Möglichkeit war, dem Schicksal ein wenig auf die Sprünge zu helfen, in Form einer Inszenierung. Doch wie könnte diese aussehen? Viele Stunden grübelte er über dieser Frage, bis ihn Claire, fast beiläufig, darüber aufklärte, dass sie einen niedrigen Blutdruck habe und deshalb leicht in Ohnmacht fiele. Da war dann alles völlig klar. Es war beinahe lächerlich einfach. Er würde sie zu einem Konzert einladen. Inmitten der vielen Menschen, in der brütenden Hitze, ohne etwas zu trinken, würde ihr Kreislauf nur allzu bald in den Keller fallen und sie damit in Ohnmacht. Dann würde er neben ihr stehen, sie auffangen und im Triumpf davontragen. Wenn sie dann die Augen aufschlug, wäre das erste was sie sehen würde, sein Gesicht. „Mein Retter“, würde sie flüstern, sich Hals über Kopf in ihn verlieben und das dann auch gleich all ihren Freundinnen weitererzählen, was er doch für ein Kerl war. So weit die Theorie.

 

Tobias und Claire standen am folgenden Abend tatsächlich mitten in einer Menschenmenge. Die Hitze war drückend und er hatte tatsächlich auf Getränke vergessen. Alsbald schon zeigten sich erste körperliche Symptome. Der kalte Schweiß stand auf der Stirn, im Kopf begann sich alles zu drehen, und im nächsten Moment wurde es schwarz vor Augen, dem die Gnade einer Ohnmacht folgte. Die Arme waren bereit den fallenden Körper aufzufangen und vor einem wilden Aufprall zu bewahren. Schon sah er sich mit der süßen Last davongehen, als ihn ein Ellenbogen in die Rippen traf, so dass er vor Schmerz zusammenzuckte, während Claires Körper statt in seinen, in den starken Armen landete, die zu einem, von oben bis unten, steroidgepuschten Körper gehörten.

„Das war wohl nicht ganz das, was Du Dir vorgestellt hattest“, hörte er eine neckische Stimme neben sich. Tobias wandte sich zornentbrannt der Stimme zu, bereit der zur Stimme gehörigen Person die eine oder andere Unflätigkeit an den Kopf oder, von ihm aus, auch überall anders hin zu werfen. Doch als er die kecken Augen, das offene Lächeln sah, das war alles wie weggewischt.

„Mach Dir nichts draus, die hätte ich sowieso nicht einmal mit der Kneifzange angefasst, an Deiner Stelle“, meinte die Unbekannte, und er wusste sofort, dass sie recht hatte. Frauen, die solche Männer anhimmeln, haben es wohl auch nicht anders verdient.

„Ich heiße übrigens Sophie“, stellte sie sich vor.

„Tobias“, entgegnete er kurz.

„Was ist, holen wir uns ein Bier, Tobias“, schlug sie vor, und als er mit ihr ging, ließ er neben all den falschen Erwartungen auch das „Tobilein“ hinter sich.

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