„Na warte, Bürschchen“, zischte Ernst kaum hörbar durch die Zähne, um Luis, um den es sich bei dem Angreifer handelte, im nächsten Moment von Tia wegzuziehen, „Was hast Du unserer Schwester angetan? Was willst Du von ihr?“
Unterdessen kümmerte sich Fritz um seine Schwester, denn er wusste, dass Ernst mit Luis alleine fertig werden würde. Endlich kam Tia wieder zu sich, gerade rechtzeitig, um zu hören, was Luis zu sagen hatte.
„Die da, die hat meinen Großvater überfallen und ihm Geld gestohlen, das wollte ich mir wiederholen“, kreischte Luis und begann wild um sich zu schlagen, doch Ernst packte einfach seine Arme, so dass er bewegungsunfähig war.
„Hat sie das?“, fragte Ernst süffisant, „Na dann wollen wir mal zu Deinem Großvater gehen und ihn fragen.“ Und damit trieb er Luis vor sich hin in Richtung des Antiquariats.
Der Großvater war in seinem Ohrensessel eingeschlafen und erwachte durch das Läuten der Klingel an der Türe, die anzeigte, das dieselbe geöffnet wurde.
„Luis? Tia? Was ist denn los?“, fragte Justus, als er die vier hereinkommen sah.
„Ihr feiner Enkel hat unsere Schwester überfallen und wollte ihr ihr Geld abnehmen und hat auch noch behauptet, sie hätte es Ihnen gestohlen. Und ich weiß, wie hart Tia dafür gearbeitet hat, ein ganzes Jahr lang, um diese Truhe zurückzubekommen“, meinte Ernst.
„Sie wird vieles erreichen in ihrem Leben und hat es nicht nötig, es anderen wegzunehmen oder auf Schwächere loszugehen“, fügte Fritz hinzu und man spürte, wie stolz er auf seine Schwester war.
„Luis, ich verstehe das nicht“, sagte Justus kopfschüttelnd, „Du hast alles. Woher diese Eifersucht? Woher dieser Hass?“
„Ach ja, habe ich das?“, fragte Luis süffisant, „Meine Eltern sind nie da, für die ist alles andere wichtiger und meine dummen Schwestern, die interessieren sich nur für Mode und den Unsinn. Und diese dreckigen Prolos? Die haben eine Familie. Das ist so unfair.“ Tränen flossen über sein wutverzerrtes Gesicht. Doch dann wischte er sie energisch weg, als wäre es ihm peinlich, eine solche Schwäche gezeigt zu haben.
„Luis, meinst Du wirklich, dass sich für Dich etwas verbessert, nur, weil Du dafür sorgst, dass es anderen auch schlecht geht?“, fragte Justus ruhig.
„Ja, genau das dachte ich!“, erklärte Luis gereizt, „Sie hat es sich einfach nicht verdient, was mir verwehrt worden ist. Zumindest war ich vorhin überzeugt davon, aber ich merke jetzt, dass es nichts ändert. Es ändert nichts an meiner Situation. Es hat es nur noch Schlimmer gemacht, als ich merkte, dass ihre Brüder sich so für sie einsetzten. Wie ich Euch hasse!“ Die letzten Worte kamen nur mehr gedämpft über seine Lippen.
„Nein, das tust Du nicht“, erklärte Tia ernst, „Ich habe den Eindruck, Du versuchst Dir das nur einzureden, weil Du sonst zugeben müsstest, dass es falsch ist, andere zu überfallen.“
„Kann sein“, meinte Luis.
„Du weißt schon, dass Tia Anzeige erstatten kann?“, fragte Justus seinen Enkel, „Wegen Körperverletzung.“
„Ja, ich weiß und ich merke jetzt, dass das wohl nicht sehr überlegt war“, sagte Luis ruhig, „Ich möchte mich bei Dir entschuldigen.“
„Gut, ich verzeihe Dir“, erklärte Tia, „Aber nur unter einer Bedingung.“
„Und die wäre?“, fragte Luis stirnrunzelnd.
„Dass Du Deinen Großvater mindestens zwei Mal die Woche besuchst und ihm hilfst, was auch immer er braucht.“
„Tia, das ist gut gemeint“, mischte sich nun Justus ein, „Es würde mich zwar freuen, aber ich möchte nicht, dass er es tut, weil er es muss, sondern, weil er es will.“
„Doch, ich will es“, sagte Luis voller Überzeugung, denn endlich hatte er begriffen. Familie, das sind nicht nur Eltern und Geschwister, sondern auch Großeltern. Da hatte er die ganze Zeit einen Großvater gehabt, der sich über seinen Besuch gefreut hätte und er hatte noch nicht einmal daran gedacht.
Von diesem Tag an verbrachte Luis so viel Zeit wie möglich bei seinem Großvater. Tia kam jeden Samstag, um ihre Schulden abzuarbeiten. Die Truhe, die ihrer Großmutter gehört hatte, stand nun in ihrem Zimmer. Liebevoll hatte sie diese restauriert, wie sie es von Justus gelernt hatte. Gedankenverloren sah sie die Truhe an. Es war nicht das Ding an sich, sondern all die wunderbaren Erinnerungen, die sie damit verknüpfte. So fühlte sie sich ihrer Großmutter trotz ihres Todes wieder näher. Und das war ein gutes Gefühl.


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