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Life is too short for boring stories

Fortsetzung zu „Abschied von der Zivilisation“

Ich stehe im Tal, auf der kleinen Anhöhe, auf der sich unser Zeltplatz befindet. Ein kleines Stück Geborgenheit, inmitten der Größe der Berge und der Unvorhersehbarkeit. Ein wenig Zu Hause, das wir uns für wenige Tage mit den einfachsten Mitteln geschaffen hatten. Der Zeltplatz, die Stelle, an der wir kochten, die für das Lagerfeuer, sich Geschichten zu erzählen, aus einer Welt, die hier so weit weg zu scheint, als läge sie auf dem Mond. Oder auch solche aus dieser Welt. Ein Stück Zu Hause aber auch umgeben von hohen Bergen, Wald und Weite. Mit wenigen Handgriffen ist es verschwunden. Nichts wird mehr an uns erinnern. Vielleicht die Stelle, an der das Gras ein wenig niedergebrannt ist in der Glut des Feuers. Vielleicht die Holzstücke, die wir provisorisch einmal zu Sitzgelegenheiten und ein andermal als Stütze verwendeten. Mit einfachsten Mitteln, Kreativität herausfordernd, so dass die Unbestimmtheit der umgebenden Dinge zu einer Bestimmtheit wird. Vertrautheit. Ein klein wenig, die sich während der letzten Tage einstellte.

Ich stehe im Tal und lasse meinen Blick ein letztes Mal über die Berge schweifen, die es umgeben. Erinnere mich, wie wir sie hinaufstiegen, den Blick und uns weitend. Berg an Berg reiht sich, bis sie sich wieder senken und irgendwo in eine Ebene übergehen. Sie ist hinter einer Wolkenwand verborgen. Die höchsten, schneebedeckten Gipfel haben sich ein Häubchen aufgesetzt. Es ist verlockend auch dorthin zu gehen, noch weiter zu sehen. Aber ich spüre dem nach, dem Eifer des Aufstiegs, der auch immer eine Verheißung ist, weil wir nicht wussten was uns erwartete, denn kein Ausblick ist wie der andere. Selbst wenn wir irgendwann einmal tausende erlebt haben, so wird noch der tausend und erste ein neuer sein. Unerschöpflich ist die Natur in ihrer Vielfalt.

 

Erwartung im Aufstieg, die sich nicht nur nach vorne richtet, sondern in jedem einzelnen Schritt auf uns selbst zurückführt. Spüren wie sich der Körper bewegt, wie die Wahrnehmung der Bodenbeschaffenheit und des Fortlaufs des Weges, den wir uns erst erobern müssen in diesem Terrain, das nur selten von menschlichen Füßen betreten wird, wodurch aber auch jeder einzelne Schritt ein wirkliches Vorwärtskommen bedeutet. Immer wieder Innezuhalten, zu Lagern, um den Moment sein zu lassen, uns darin, und zu genießen. Einfach da sein. Nichts weiter. Schlafen. Essen. Gehen. Atmen. Essen. Schlafen.

 

Am Gipfel angelangt, geht ein Blick zurück zum Aufstieg, den wir bewältigt haben, in eine nahe Vergangenheit, geht er ein Rundum, den Moment ganz zu erfassen, in der Gegenwart und geht nach vorne zum Abstieg, den wir vor uns haben, in einer nahen Zukunft. Noch ist es nicht so weit. Noch bleiben wir. Eine kleine Weile. Gewesen. Sein. Werden. In aller Unmittelbarkeit und auch Unvermittelbarkeit.

 

Ich stehe im Tal und wandere im Gedanken nochmals über die Berge und durch die letzten Tage. Ein paar wenige Handgriffe, und was gerade eben noch ein klein wenig Zu Hause war, ist fein säuberlich verpackt und im Rucksack verstaut. Geborgenheit und Schutz zum Mitnehmen. Nichts weiter als sich Einfinden in die Erfordernisse des Moments und die Möglichkeiten, die wohl auch von äußeren Gegebenheiten diktiert werden. Aber auch bar aller Begrenzungen, außer derer, die die Natur uns auferlegt. Rhythmus dem Tageslicht unterworfen. Und der Witterung. Und der körperlichen Notwendigkeit. Es ist so wenig, was man braucht an Dingen um zu leben. Eigentlich. Es belastet nicht mehr die Gedanken und richtet uns aus auf ein Draußen, das mit dem Entdecken zum Vertrauten wird.

 

Ich stehe im Tal und atme noch einmal durch. In wenigen Stunden wird alles wieder so sein, wie es immer war. Strom und feste Wände und fließendes Wasser und Rhythmus des normalen Alltags in der Zivilisation. Alles wie es immer war. Und doch wird die Wahrnehmung eine andere sein, denn die Weite war nicht nur um uns, sondern wir ließen uns von ihr erweitern, in sie hineinziehen und sie in uns einziehen. Weite, die so manches relativiert und in einem anderen Licht erscheinen lässt. Wertigkeiten verschieben sich. Vieles wird unwichtig und verblasst. Eigentlich nur das, was der Lebendigkeit im Wege steht. Eigentlich nur das, das sich in die Veränderung in uns, die wir zuließen, nicht mehr einpasst.

 

Rückkehr in die Zivilisation, und doch keine Rückkehr zu dem, was wir zuvor waren, denn eine Erfahrung ist unhintergehbar. Wir kehren zurück, aber anders, als wir ausgingen. Wir kehren zurück, indem wir immer auch bleiben.

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