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Life is too short for boring stories

„Wir sitzen in der Höhle, doch wir sind nicht festgebunden. Es ist nicht notwendig. Wir fesseln uns selbst. Gefangene, die sich selbst die Fesseln anlegen, ein eigentlich perverser Gedanke“, meinte Christian sinnend.

„So wie Du mich jetzt fesselst“, entgegnete Martinique lächelnd, ohne den Ernst seiner Worte in Mitleidenschaft zu ziehen, da er sie in seinen Armen hielt.

„Ich denke, das warst schon auch Du. Du hast Dich einfach hineingekuschelt und meine Arme um Dich geschlungen“, sagte Christian, und zog seine Fesselungsinstrumente noch ein wenig enger um sie, als wollte er seinen Worten mehr Nachdruck verleihen, „Aber im Endeffekt ist es vergleichbar, nur, dass es in dem Fall zu Deinem Wohl gereicht.“

„Spannend, was sich seit der Entstehung von Platons Höhlengleichnis verändert hat“, meinte Martinique, „Da waren die Menschen gefangen und gebunden durch ihre Unwissenheit, und weil sie es nicht besser wussten, hielten sie die Schatten, die durch das hinter ihnen liegende Feuer, an die Höhlenwand projiziert wurde, für das wahre Leben. Das wurde ihnen von der Obrigkeit vorgegaukelt, und selbst wenn sich jemals jemand befreien konnte, so bestand kein Grund zur Sorge. Niemand würde denen glauben, die die Höhle verließen und die Wahrheit und die Sonne sahen.“

„Flimmernde Bilder an den Höhlenwänden, die immerzu berauschen und die Aufmerksamkeit beschäftigen. Tag und Nacht, ohne einen Moment auszusetzen, vom erstem Moment des Lebens an, bis zum letzten“, fuhr Christian nachdenklich fort, „Action und Drama und Liebe und heile Welt, und ja, so denken sich die Menschen, so möchte ich, dass mein Leben ist, und weil dieses Leben Geld kostet, spannen sie sich selbst vor den Pflug. Man tut, was etwas bringt. Geld in erster Linie, um sich all die Annehmlichkeiten leisten zu können, von denen man meint, man braucht sie. Und damit auch ja keiner ausbüxt, wird von der Krippe an dafür gesorgt, dass die Gier nach Dingen genährt wird. Die Gier nach Dingen und Haben, damit man einen Sinn sieht, sich das Arbeitsleid anzutun. Und damit keine Minute ungenutzt bleibt, geht die Kommerzialisierung in der Freizeit weiter. Gut ist, was konsumiert wird. Schlecht, was nichts kostet. Ein Flug auf die Malediven kostet viel, den Menschen und die Umwelt, deshalb ist es gut. Ein Waldspaziergang in der Nähe, bringt Lebensfreude und Energie, schont die Umwelt, kostet aber nichts, und ist deshalb schlecht. Programmiert darauf, dass nur gut sein kann, was auch konsumiert wird, dass nur glücklich machen kann, was mit Haben zu tun hat. So halten wir es, mit Dingen und mit Lebewesen.“

„So ist man im Rad, von Anfang an und macht mit, weil es alle machen und weil es uns so gesagt wird, und weil wir immer braver werden“, meinte Martinique, „Und doch gibt es immer wieder welche, die nicht mehr mitmachen wollen, denen bewusstwird, dass immer mehr haben und haben, keinen Sinn hat und uns nicht weiterbringt. Ganz im Gegenteil. Die Menschen werden immer unglücklicher und einsamer. Manche schütteln den Kopf und beginnen zu denken. Wenn dieses so hochtechnisierte Leben immer unglücklicher macht, anstatt glücklicher, wie uns suggeriert wird, dann kann doch daran was nicht stimmen. Und sie verlassen ihr Rad, die Höhle, unter wüstesten Beschimpfungen der anderen, weil sie einfach gehen und nicht mehr mitmachen wollen. Sie treten aus der Höhle hinaus und sehen die Sonne, und die Sonne fällt auf die Wahrheit.“

„Ausbeutung für unseren Wohlstand, Zerstörung für unseren Konsum, Sterben für unseren Genuss, millionenfach, tagtäglich“, meinte Christian, „Und wenn man dann zurückkehrt in die Höhle, denen von dieser Wahrheit erzählt, die man gefunden hat, dann wird einem nicht geglaubt, zunächst, weil wir es ja immer anders erzählt bekommen haben. Aber wenn es doch welche gibt, immer mehr gibt, die auch nachdenken, die finden, dass die Argumente schlüssig sind, wenn man die Stimmen nicht mehr überhören kann, dann werden sie stumm gemacht und der Ausgang zur Höhle überwacht. So wird aus der Aufdeckung von Tierqualen in den Ställen zur Verletzung von Eigentum.“

„Und so zerstören wir munter weiter, soziale Strukturen, wirtschaftliches Gefüge und kleinräumliche Strukturen. Ist ja nicht bei uns“, fügte Martinique hinzu, „So lassen wir sie verhungern, Millionen jedes Jahr.“

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