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Life is too short for boring stories

Christian spürte, dass Martinique in seinen Armen lag, an diesem neuen Morgen. Ihr Kopf ruhte auf seiner Brust und ihre ruhigen Atemzüge verrieten, dass sie noch immer schlief. Irgendwann hatte er sich zu ihr gelegt. Irgendwann waren sie eingeschlafen. So war es geblieben. Nichts weiter war notwendig. Er zog sie ein wenig fester an sich, als müsste er sich davon überzeugen, dass sie wirklich da war. Ließ es aber gleich wieder, um sie nicht zu wecken. Vielleicht nahm sie es mit in ihre Träume, denn sie schmiegte sich noch ein wenig inniger an ihn. Bloß das. Einen Nachmittag. Einen Abend. Eine Nacht. Ohne das Bedürfnis zu verspüren, irgendetwas anderes tun zu wollen, als hier zu sein. Da es genügte. Bedürfnislosigkeit, weil der Moment alles erfüllte, was er je versprochen und so oft nicht eingelöst hatte.

Genügsamkeit als das sich Einfinden in eine Situation, in der das Wollen und das Sehnen aufhörte. Einfach so. Ganz nahe zusammen, ohne sich vereinnahmt zu fühlen. Innig verbunden, ohne sich um ein Nachher zu kümmern. Niemand wusste was kommen würde. Sie würden sich irgendwann voneinander wieder lösen, weil es das Leben verlangte. Es war eben so. Immer war es eben so. Auseinandergehen, ohne zu wissen, ob man wieder zusammenfindet. Es war wahrscheinlich. Auch nach dem Erwachen. Möglicherweise sogar nach dem nächsten. Aber wissen konnte man es nicht. So sollte es sein, denn Wissen ist eine Form der Festsetzung, der Unabänderlichkeit. Das Leben ist Veränderung und Ungewissheit. Das Leben ist im Werden.

 

Genügsamkeit, als eine Form das Leben lebendig sein zu lassen, da sie im Moment blieben, in diesem, in dem es das Miteinander gab. In aller Intensität, in aller Schlichtheit. Sich damit zu begnügen, indem man sich genügte, ohne auch nur einen Gedanken daran den Moment zu töten, indem man ihn in Besitz nimmt. Eigentum am Glück. Und sei es nur ein einziger Moment. Auch darin hatten sie sich gefunden, in diesem Sein lassen. Behutsam waren sie, miteinander und mit sich selbst. In der Berührung. In den Worten. Deshalb wollten sie es auch nicht benennen, was immer es auch war, was sie verband, was sie sich waren. Behutsam, wie das Pflänzchen, das sich, unbesehen, mit seinen Wurzeln verankert hatte, und es nun wagte den ersten Spross über der Erdoberfläche sehen zu lassen. Wenn es wachsen soll, so muss man es lassen.

 

„Es ist gut, da zu sein“, unterbrach Martiniques Stimme seine Gedanken.

„Das finde ich auch“, entgegnete Christian kurz.

„Eigentlich redundant“, fügte sie hinzu.

„Eigentlich“, gab er ihr recht.

„Aber doch auch schön es zu sagen“, meinte sie.

„Aber doch auch schön es zu hören“, sagte er.

„Es ist mir tatsächlich passiert“, fuhr sie fort.

„Was ist Dir passiert?“, fragte er unvermittelt.

„Dass ich dachte, warum es nicht so bleiben könnte“, gab sie zu.

„Wahrscheinlich ist es natürlich das zu denken, wenn man es sich wünscht“, sagte er.

„Aber warum wünscht man sich etwas, was doch ist?“, entgegnete sie.

„Weil man nun mal dazu tendiert weiter zu denken und zu planen. Vielleicht weil man sich Sicherheit wünscht, ein klein wenig, in dieser Welt“, versuchte er sich und ihr dieses Phänomen zu erklären.

„Aber wenn ich weiter denke, plane, dann verlasse ich den Moment, in dem ich glücklich bin, für eine Ungewissheit“, meinte sie, „Wäre es nicht das Richtige hier zu bleiben, sich in dem zu genügen, was ist?“

„Es klingt vernünftig. Aber ist es wirklich möglich?“, setzte er entgegen, „Ist es nicht so, dass wir etwas finden wollen, worauf wir uns freuen können, von einem Mal zum anderen? Das kann es aber nicht geben, wenn wir niemals sicher sein können, ob es ein weiteres Mal geben wird.“

„Sicherheit gibt es sowieso nicht“, sagte sie mit allem gehörigem Nachdruck, „Aber es gibt die Möglichkeit, und diese Möglichkeit können wir uns schenken, von Mal zu Mal, weil wir es wollen.“

„Die Freiheit, die ich meine, ohne wieder gänzlich in der Verlorenheit zu versinken, weil es auch so etwas wie Verlässlichkeit geben kann“, meinte er nachdenklich.

„Das wäre wohl das, was es sein sollte“, gab sie ihm recht. Um nochmals die Augen zu schließen. Ihre Hand auf seiner Haut. Es war gut. Es war genug.

4 Antworten auf „Ohn-macht (27): Genügsamkeit

  1. hanshartel sagt:

    Sehr, sehr schön!
    Läßt sich aber Unsicherheit für die Zukunft durch die Sicherheit im Moment ausgleichen?

    Gefällt 1 Person

    1. novels4utoo sagt:

      Danke sehr. Es kann nur Sicherheit im Moment geben. Das herausragende Merkmal der Zukunft ist ihre Ungewissheit, und damit ihre Unsicherheit. So kann es Sicherheit nur im Jetzt geben.

      Gefällt 1 Person

      1. hanshartel sagt:

        Sollte also jedwedes Planen hinfällig sein?
        Nur ein verzweifelter Ausdruck von Hoffnung?

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      2. novels4utoo sagt:

        Das ist ein ganz anderes Thema. Planen kann man auf jeden Fall – aber es gehört auch die Offenheit dazu, dass Planungen wieder umgestellt werden, wenn sich die Umstände ändern, was immer möglich ist. Ich weiß, das hören Planungsfanatiker nicht gerne – und Chaoten schreckt schon der Gedanke, dass es so etwas wie feste Planung geben kann, aber das Leben ist wohl irgendwie in der Mitte anzusiedeln, es ist Veränderung und Kontinuität, Wurzeln und Flügeln, Sicherheit und Freiheit. Und jeder richtet sich dort ein, wo er sich wohlfühlt.

        Gefällt 1 Person

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