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Life is too short for boring stories

Martinique spürte ihre Hand auf seiner Haut, fühlte sie schwerer und schwerer werden, bis sie einschlief. Hatte sie dieses Erlebnis tatsächlich so mitgenommen? Christian sah, wie sie ihre Augen schloss. Ihre gleichmäßigen Atemzüge verrieten ihm, dass sie die Wirklichkeit, mit all ihren Anforderungen, eine Weile hinter sich gelassen hatte. So sacht wie möglich, um sie keinesfalls zu wecken, entzog er sich ihr. Er würde sie alleine lassen, für eine kleine Weile, da er einiges zu erledigen hatte, was keinen Aufschub duldete, aber er war sich sicher, dass er rechtzeitig wieder zurück sein würde. Und während Christian leise die Türe hinter sich schloss, versank Martinique tief in ihrem Träumen.

Dicht aneinander gekuschelt lagen sie, die kleinen, gestreiften Fellknäuel. Gerade noch hatten sie eifrig an der Brust der Mutter getrunken, jetzt lagen sie satt und träge neben ihr. Ganz nahe beieinander, bei den Geschwistern, bei der Mama. Sie war mitten drinnen, die Kleinste der elfköpfigen Schar. Alles war gut. Alle fühlten sich wohl. Sie hatten nichts zu befürchten. Wildschweine haben auch keine Feinde, außer dem Menschen, der sorgfältig alle konkurrierenden Beutegreifer ausgemerzt hatte, dabei zwar nebenbei das empfindliche Ökosystem völlig durcheinandergebracht hatte, aber wen schert das schon. Man kann ja ausgleichen und munter weiter eine Baustelle nach der anderen auftun, indem hier mal angeblich eine Maßnahme gesetzt wird, dann einmal wieder dort, die seltsamer Weise keine Verbesserung bringen, so wie eigentlich behauptet wird. Von all dem wusste das kleine Wildschweinmädchen nichts. Es schlummerte, sammelte Kräfte, um mit seinen Geschwistern wieder herumtollen zu können und den Wald zu erkunden. Da wurde es plötzlich unsanft aus dem Schlummer, aus den Träumen, aus der Ruhe gerissen.

 

Ein Tor wurde geöffnet und unter lautem Getöse fuhren Autos in das umzäunte Areal. Sofort sprang die Mutter auf. Das hatte nichts Gutes zu bedeuten. Zwar war sie noch jung und unerfahren, aber sie wusste aus den Erzählungen der älteren Mitglieder der Rotte, dass diese Geräusche für viele den Tod bedeuteten. Deshalb lief sie davon, versuchte sich und ihre Babys im Unterholz in Sicherheit zu bringen. Endlich fand sie ein Plätzchen, das ihr geeignet erschien. Hier gedachte sie sich zu verstecken, bis die Gefahr vorüber war. Doch da näherten sich Schritte, die zu diesen Tieren gehörten, die auf zwei Beinen gingen und angeblich den Tod brachten. Aber sie konnte sich das eigentlich nicht vorstellen, denn so lange sie lebte, hatte sie diese zweibeinigen Wesen nur als Futterlieferanten erlebt. Zwar konnten sie nicht weiterwandern, wie andere Rotten, denn egal wo man hinging, überall stieß man auf einen Zaun, doch dafür war es auch sicher hier her innen. Doch war es das wirklich? Diese zweibeinigen Wesen waren anders als die anderen. Sie gingen in einer Reihe nebeneinander her und machten dabei einen Höllenlärm. Das kleine Wildschweinmädchen spürte die Angst der Mutter, die plötzlich aus dem schützenden Unterholz sprang. Natürlich lief sie und ihre Geschwister hinter der Mutter her. So wie sie es kannten. Da zerriss ein ohrenbetäubender Knall die Luft. Blut quoll aus ihrer Seite. Ein paar Meter schleppte sie sich noch weiter, dann sank sie zu Boden und konnte nicht mehr aufstehen.

 

„Mama, steh auf“, forderten sie die Kleinen auf, die nun völlig alleine und auf sich gestellt waren, „Was sollen wir denn machen ohne Dich?“

Die Schritte kamen näher, noch näher. Die Kleinen drängten sich an die Mutter. Sie wussten es nicht besser.

„Du musst uns schützen“, forderte das kleine Wildschweinmädchen, das doch noch ein Baby war. Niemand stellte sich schützend zwischen sie und den zweibeinigen Mörder, der bereits die Flinte ansetzte. Es gab kein Entrinnen, und selbst wenn, die Kleinen würden ohne die Hilfe der Mutter verhungern. Die Kleine schloss die Augen. Es war zu schrecklich.

 

Martinique schrie auf, als der Knall eines weiteren Schusses durch ihren Traum jagte, versuchte die Hand zu greifen, die sie hielt, doch da war keine Hand und niemand, der sie hielt. Sie war völlig alleine, mit ihrer Angst und ihrem Schmerz, verlassen. Da endlich ging die Türe wieder auf und Christian erfasste mit einem Blick die Situation, Martinique, die erwacht war, zitternd, während ihr die Tränen über das Gesicht liefen. Er nahm sie in die Arme. Langsam beruhigte sie sich.

 

„Woher nimmt der Mensch das Recht Mitgeschöpfe ohne Not zu morden? Wer gibt ihm das Recht freie Lebewesen als sein Eigentum zu betrachten?“, fragte sie unvermittelt, auch wenn es für das kleine Wildschweinmädchen nichts mehr änderte.

2 Antworten auf „Ohn-macht (28): Verlassenheit

  1. Nadine Hoffmann-Voigt sagt:

    Danke, auch für speziell dieses Thema aus der ganzen „Ohnmacht“-Reihe! es liegt mir sehr am Herzen und ob in Österreich oder Deutschland brandaktuell!

    Gefällt 2 Personen

    1. novels4utoo sagt:

      Sehr gerne! Es ist leider immer noch aktuell, ja, auch in den Deutschland, aber da habe ich nicht so gute Informationen.

      Gefällt mir

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