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Life is too short for boring stories

Christian hielt Martiniques Hand sanft aber bestimmt. Unwillkürlich verflocht sie ihre Finger mit den seinen. Einer seiner Finger folgte auf einen ihrer Finger, damit sie ihn nicht verlöre, weil sie den Weg nicht kannte. Es war nicht notwendig. Sie war sich sicher, dass sie sich ihm anvertrauen konnte.

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„Siehst Du?“, fragte er sie, da sie noch in einem Vorher versunken war, aus dem er sie zu sich holen wollte.

„Ja, ich sehe“, antwortete sie leise, denn sie wurde gewahr, dass er sie dorthin geführt hatte, wo das Eis niemals schmolz oder niemals schmelzen sollte. Die aufgehende Sonne ließ die Schneekristalle glitzern, und obgleich sie froren, spürten sie die belebende Wärme, jene des Sterns und ihres Miteinander, „Ja, ich sehe“, wiederholte sie, hingerissen und versunken zugleich.

„Jahrtausende hatte es gedauert, dass die Ozonschicht um unsere Erde aufgebaut worden war, und wir brauchten nur wenige Jahrzehnte diese zu zerstören. Nicht mehr lange, dann wird das Eis und der Schnee schmelzen, der Meeresspiegel steigen, so dass weite Teile der Küstenlandschaften unbewohnbar werden. Nicht mehr lange. Deshalb sieh hin, so lange es noch steht“, erklärte er ihr, so dass sie unwillkürlich fröstelte.

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„Und dabei wirkt alles so friedlich, so unbenommen, unbezwingbar“, flüsterte sie, als ihr Blick weiterwanderte, über die schneebedeckten Berge, „Nichts deutet darauf hin, dass es je anders sein könnte, als jetzt.“

„Das ist es ja, was sehr viele sagen lässt, es ist gar nicht wahr, es ist doch alles in Ordnung. Man merkt nichts. Es geschieht zwar schnell, aber immer noch so langsam, dass wir uns in Sicherheit wiegen lassen, weil wir es wollen. Nichts wissen. Dann passt alles. Es macht uns Angst. So lange wir am nächsten Morgen aufstehen, alles so ist wie am Vorabend, dann kann es nicht schlimm sein“, erklärte er ihr.

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„Obwohl man die Wunden nicht sehen kann, da der Schnee noch da ist und die Blumen blühen, weil wir den Weg noch finden, den wir gehen können. Es ist kein Krieg, wie wir ihn aus dem Fernsehen kennen, und dennoch ist es ein Krieg, bei dem wir unsere eigene Lebensgrundlage zerstören“, sagte sie nachdenklich.

„Alles scheint und nichts ist, aber wozu sich mit dem Sein auseinandersetzen, wenn uns der Schein zu einer solch angenehmen Illusion verführt. Alles ist gut, alles bleibt gut, will er es uns sagt, und wir sind nur allzu gerne geneigt es zu glauben. Mehr noch, wir fordern es ein zu glauben, nicht nur von uns, sondern auch von anderen. Und wer sich nicht daran hält, der wird mundtot gemacht“, meinte er, da der Blick tiefer ging und sich von Äußerlichkeiten nicht täuschen ließ.

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„Und die Idylle lebt fort. Weil die Bäume noch stehen, die, die wir stehen ließen. Weil das Wasser fröhlich vor sich hinplätschert, das, das wir plätschern ließen. Für eine kleine Weile, noch. Immer wieder lassen sich solche Flecken finden, wenn es auch immer schwieriger wird. Aber wenn wir sie finden, dann kann es nicht anders sein, als dass alles in Ordnung ist“, fuhr sie fort, und es fiel ihr nicht leicht sich nicht betören zu lassen.

„Dabei ist es alt und abgenutzt. Idylle als Gaukelei, Taschenspielertricks, obwohl das Laub des letzten Herbstes noch immer dort liegt. Der Tod ist allgegenwärtig und das Leid. Mehr noch, eine über den Tod hinausgehende Abwesenheit des Lebens“, mahnte er, da sein Blick sich nicht betören ließ.

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„Es macht Lust den Sand unter den Füßen zu spüren und die sanften Wellen des blau schimmernden Wassers um die Knöchel spielen zu lassen. Es lässt fantasieren von Korallenriffen und üppiger Vegetation, von bunten Fischen und springenden Delfinen“, sinnierte sie, da das Wasser so kristallklar war, dass man meinen konnte, alles müsste offen liegen.

„Es lädt ein, weil wir gelernt haben das Schöne zu sehen und das andere, das die Illusion stören könnte, aus unserem Gesichtskreis zu verbannen. Aber es ist zu wenig sich darauf auszuruhen. Sogar die Zerstörung ist ein Teil des Lebens, aber auch der Aufbau und das Werden. Erst, wenn dieser Kreislauf unterbrochen ist, dann ist das Leben von sich selbst entkoppelt“, meinte er, und es klang wie eine Unumstößlichkeit.

 

„Siehst Du?“, fragte er sie, da sie noch in einem Vorher versunken war, aus dem er sie zu sich holen wollte.

„Ja, ich sehe“, antwortete sie leise, da er sie zu sich geholt hatte, und während seine Hand sanft über ihre Wange strich, glaubte er ihr.

„So lange das Leben sich auf sich selbst besinnen kann, so lange die Liebe uns anstachelt und sehend macht, so lange ist nicht alles verloren“, sagte er bestimmt. Und sie wusste, dass er recht hatte. Und so beschloss sie den Weg weiter mitzugehen, wohin auch immer er führen mochte, denn mit seiner Hand in der ihren war alles zu ertragen, sogar die Abwesenheit des Lebens.

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