Dunkel ist es geworden. Morgen müssen sie ausziehen, Ronja und ihre Hündin Filia. „Eigenbedarf“, hatte der Vermieter gesagt und sie umgehend auf die Straße gesetzt. Ronja wusste nicht, wo sie hinsollte. Alleine hätte sie recht schnell eine Wohnung gefunden, aber niemand wollte Filia haben. Die Hündin war mittlerweile zwölf Jahre alt und gebrechlich, doch Ronja hatte ihr ein Versprechen gegeben, sie niemals alleine zu lassen, egal, was passieren würde. Das Wenige, was sie besaß, hatte Ronja eingelagert. Mit ein paar Habseligkeiten, die sie in einen Rucksack gepackt hatte, verließ sie ihre Wohnung am nächsten Morgen zum letzten Mal. Der Vermieter war froh gewesen, dass sie so sich so einfach vertreiben hatte lassen. Nein, es bestand kein Eigenbedarf, aber die Nachbarin hatte sich beschwert, dass der Hund stank. Nachdem es sich um eine gutbetuchte Dame handelte, entschied der Vermieter, ihr nachzugeben.
Fräulein Edith wurde sie nur kurz von allen genannt, die Dame, die fast das ganze Jahr in Pelz ging und über 80 Jahre alt war, hatte sich über die lebenslustige, hübsche Ronja geärgert. Filia war ihr aber noch mehr ein Dorn im Auge, denn der kleine, weiße Spitz mit dem passenden Namen Fiffi des Fräulein Edith mochte die gutmütige alte Schäferhündin nicht. Jedes Mal, wenn sie sich begegneten verbellte Fiffi die alte Filia, die es einfach hinnahm. Das konnte nicht sein, dass dieser Hund ihre guterzogene Fiffi herausforderte, indem er nichts tat. Deshalb hatte die Dame in Pelz den Vermieter so lange drangsaliert, bis dieser nachgab. Stolz erhobenen Hauptes verließ Fräulein Edith mit Fiffi das Haus, nachdem sie voller Schadenfreude beobachtet hatte, wie Ronja das Haus verlassen hatte, die letzten Habseligkeiten geschultert. Ihr Morgenspaziergang führte Frau und Hund am Fluss entlang, neben dem ein breiter Gehweg zwischen Wiesen und Bäumen verlief. Ein wunderbares Fleckchen Natur inmitten der Stadt. Da schoss plötzlich, wie aus dem Nichts ein Dobermann auf den kleinen Fiffi zu, bereit ihn zu schnappen. Vor lauter Entsetzen stieß das betagte Fräulein einen spitzen Schrei aus und ließ die Handtasche fallen, deren Inhalt sich auf dem Boden verstreute. Sie meinte bereits ihren Hund zerfleischt zu sein, als sich ebenso unerwartet ein anderer Hund in den Weg stellte und den Dobermann vertrieb. Als Fiffi in Sicherheit war, begann die Besitzerin des Retterhundes den Inhalt der Tasche des Fräuleins vom Boden aufzulesen. Da entdeckte sie einen Brief. Unwillkürlich begann sie zu lesen. „Sehr geehrter Herr Eibinghaus! Ich danke Ihnen, dass es Ihnen so rasch gelungen ist, dieses Hippiemädchen und ihren Köter auf die Straße zu setzen. Mit freundlichen Grüßen, Edith Klein.“ Ronja fühlte sich wie betäubt. Wie erstarrt sah Fräulein Edith das Mädchen an, das sie aus dem Haus werfen hatte lassen und deren verhasster Hund nun den ihren gerettet hatte. „Wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich nie …“, setzte Fräulein Edith zu einer Erklärung an, doch Ronja drehte sich einfach um und ging. Sie war zutiefst enttäuscht. Aber von wem eigentlich? Vom Vermieter, der sich so leicht kaufen ließ oder von einer alten Frau, die sich in ihrer Ruhe gestört fühlte? Als sie aufsah, stand eine junge Frau vor ihr, den Dobermann an der Leine. „Danke, dass Du meinen Alberto abgehalten hast, diesem kleinen Hund was zu tun“, sagte sie zu Ronja. „Ist schon ok“, meinte Ronja achselzuckend. „Aber weißt Du, dieser Kleine hat meinen Alberto bis aufs Blut gereizt. Jetzt ist er ausgerastet. Ich bin mir im Klaren, dass das nicht passieren darf, egal, was der andere macht. Aber Dein Hund hat offenbar einen guten Einfluss auf meinen. Wenn ich irgendetwas für Dich tun kann, dann sag es!“ „Du hast nicht zufällig eine freie Wohnung für mich und Filia?“, erwiderte Ronja schnippisch. „Na ja, Wohnung nicht, aber einer unserer Mitbewohnerinnen ist gerade aus der WG ausgezogen und das Zimmer wäre frei. Das könntest Du haben. Also ich wollte sagen, das könnt ihr haben“, meinte die Unbekannte. „Ist das Dein Ernst?“, fragte Ronja, die ihr Glück kaum fassen konnte und meinte, zu träumen. „Ja klar. Ich würde mich sehr freuen, denn offenbar verstehen sich unsere Beiden gut“, womit sie auf die Hunde wies, die sich nebeneinander ins Gras gelegt hatten, „Mein Name ist übrigens Martha“, setzte sie noch hinzu. „Ich heiße Ronja und das ist Filia“, erwiderte diese. „Wollt Ihr gleich mitkommen und es Euch ansehen?“, fragte Martha. Wenige Stunden später hatte Ronja ihre Sachen in das WG-Zimmer gebracht. Als sie am Abend im Bett lag, war sie einfach nur glücklich, denn sie konnte ihr Versprechen halten, das sie Filia gegeben hatte, sie niemals alleine zu lassen.

