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Life is too short for boring stories

Martinique ließ sich von Christian führen, in einen Teil der Welt, den die meisten Menschen wohl als unwirtlich bezeichnen würden, und der doch besiedelt wurde.

„Menschen sind so unheimlich anpassungsfähig“, stellte sie deshalb fest.

„Anpassungsfähig und unheimlich“, das trifft es wohl, entgegnete er achselzuckend.

„Wie meinst Du das?“, fragte sie irritiert, in Anbetracht der so unberührt scheinenden Landschaft und des Friedens, der um sie herrschte, hier an der Küste Alaskas.

„Siehst Du die Wale dort schwimmen?“, meinte er bloß, als hätte er die Frage nicht gehört. Angestrengt betrachtete sie die Wasseroberfläche, und gerade in dem war es ihnen vergönnt ein atemberaubendes Schauspiel zu beobachten, da ein Wal sich aus dem Wasser erhob und in die Luft sprang.

„Wie wunderschön“, flüsterte sie, hingerissen von dieser wunderbaren Selbstverständlichkeit, in der sich das Leben in seiner überbordenden Fülle zeigte.

„Menschen haben sich angesiedelt und mussten sich ernähren, kleiden und heizen“, begann Christin unvermittelt zu erzählen, „Aber in dieser Gegend kann man nichts anbauen. Deshalb gingen sie auf Walfang. Eine ganze Sippe erlegte den Wal. Es war gefährlich und aufwändig, aber sie nutzten alles und konnten so überleben. Bis heute leben die Inuit auf diese Weise. Aber sie fangen immer nur so viele, wie sie tatsächlich brauchen. Aber andere Länder jagen, aus Spaß, aus reiner Lust am Töten. Ein Massaker. Ein Massenmorden.“O-Wal4

„Aber ich dachte, es gäbe das Internationale Walfangabkommen, in dem sich die Länder verpflichten, Wale nicht mehr zu jagen?“, fragte Martinique unvermittelt.

O-Wal5„Das Norwegen, Japan und Island nicht mittragen“, entgegnete er ungerührt, „Aber das ist noch nicht einmal das größte Problem. Viele tausende Wale sterben, weil sie sich in den modernen Schleppnetzen verfangen und ertrinken, und selbst, wenn sie sich losreißen können, tragen sie oft schwere Verletzungen davon. Darüber hinaus findet man in Walmägen kiloweise Plastikmüll, mit dem wir unsere Meere verschmutzen, neben Schwermetallen, Pflanzen- und Insektengiften. Über die Nahrung gelangen diese in die Wale und es führt dazu, dass sie anfälliger für Krankheiten werden und weniger Nachwuchs bekommen.

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Dazu kommt noch die Zerstörung der Ozonschicht, auf die das Plankton empfindlich reagiert. Durch die Strahlung vermehrt es sich weniger stark und das Nahrungsangebot für die Bartenwale sinkt beträchtlich. Außerdem führt die Übersäuerung der Ozeane durch die vermehrte Aufnahme von Kohlenstoffdioxid dazu, dass zwar der globalen Erwärmung entgegengewirkt wird, da der erwärmende Kohlenstoff in der Atmosphäre abnimmt, aber mit Wasser reagiert CO2 zu Kohlensäure, die den Bau der Kalkskelette verschiedener Algen und Kleinstlebewesen stört, von denen die Wale abhängig sind.

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Starke Sonare von Militär und Geologie, Sprengungen und Schiffsverkehr erzeugen immer mehr Lärm in den Ozeanen. Das führt dazu, dass die Orientierung und Kommunikation der Wale, die sich ja der Biosonare bedienen, gestört wird und sie zu panischen Auftauchen bringt. Dabei perlen im Blut gebundene Gase aus, die die Gefäße blockieren und dazu führen, dass der Wal stirbt.“

 

„Wo der Mensch auftaucht, was auch immer er macht, am Ende steht immer Tod und Elend. Er schafft es, jeden Lebensbereich in ein großes Schlachthaus zu verwandeln“, resümierte sie, und der Schmerz ließ sich nicht verleugnen, „Ich verstehe es nicht. Der Mensch ist ein Säugetier, das sich in der Gruppe geborgen fühlen kann, und zerstört Familien, wo auch immer sie auftauchen, bloß, weil es nicht seine Spezies ist. Weit weg unter der Meeresoberfläche, wo Wale spielen und sich stupsen, man möchte fast meinen, dass sie sich küssen, wo Babys zur Welt kommen und die Mutter durch eine Hebamme unterstützt wird, dass das Baby rechtzeitig seinen ersten Atemzug an der Wasseroberfläche tun kann. Wenn sie vor Lebensfreude das Wasser aufpeitschen oder hochspringen, einfach so. Und nein, er hält es nicht aus, das Glück und die Freiheit eines anderen. Sanfte Riesen, die einfach da sein wollen. Nichts weiter. Wir können es nicht lassen. Mach Dir die Erde untertan, ist der einzige Satz, der zählt. Nur von Vernichtung war darin keine Rede.“

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„Es ist der Hass, der entzweit, und die Liebe, die heilt, pragmatisch und praktisch“, meinte Christian, legte den Arm um Martiniques Schulter und lenkte ihren Blick auf das Schauspiel der Wale. Es kann sein.

2 Gedanken zu “Ohn-macht (14): Abgesang

  1. eingefangenemomente sagt:

    Es gibt nur eine Bestie und die läuft auf zwei Beinen, kein Tier würde aus Profit töten, der Mensch aber schon, Danke für den Post 🙂

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    1. novels4utoo sagt:

      Leider wahr, aber gerade über die Dinge, die sich im Meer abspielen wissen viele viel zu wenig Bescheid, weil es so weit weg scheint – und uns doch direkt betrifft. Es ist wichtig Informtionen weiterzugeben, und das versuche ich. Es freut mich, wenn sie ankommt.

      Gefällt 1 Person

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