Das namenlose Geschlecht (1): Nicht einmal Nichts

“Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts? Das ist die Frage.“[1], meint zumindest Martin Heidegger. Das gilt. Muss gelten. Ein Mann. Ein Philosoph. Ein Wort. Wie käme ich dazu zu widersprechen. Ich will den Satz nur in die Welt verweisen, die ein Seiendes kennt. Dort, wo man ohne Weiteres und im Anschluss Ludwig Wittgenstein zitieren kann: „Die Welt ist alles was der Fall ist.“[2], die Welt die Tatsachen sind. Eine Tat. Eine Sache. Es ist eine Welt des Akts, indem überhaupt das Seiende, eine Tatsache ist und nicht das Nichts. Sie erübrigt sich in der Sphäre, in der nicht nur kein Seiendes, keine Tatsache, ja nicht einmal mehr das Nichts ist, das in der Welt zumindest noch nichtet. Aktiver Akt, aufgebläht in ein Nichtendes. Sphäre des Vernichteten, des selbst vernichteten Nichts. Nicht einmal mehr Nichts. Aber was ist nichtiger als Nichts? Nur eines. Das weibliche Geschlecht. Namenlos, ausdruckslos, bedeutungslos.

„Denn worüber man nicht sprechen kann, darüber soll man schweigen“[3], schloss Wittgenstein und zündete sich seine Pfeife an, wenn der denn Pfeife rauchte, denn er war sichs zufrieden. Wohlgetan das Werk, denn hier hat jede Rede ein Ende. Doch noch liegt dem Schweigen eine Entscheidung zugrunde, die dem Schweigen vorangeht, darüber, worüber man nicht sprechen kann. Aber man kann sich Gedanken machen darüber zu sprechen, sonst hätte die Entscheidung keinen Sinn. Doch das gilt nicht in der Sphäre der Namenlosigkeit, dessen, das keine Bedeutung an sich hat, sondern sich in jener Bedeutungslosigkeit findet, in der jedes Schweigen sinnlos ist, weil man gar nicht darüber sprechen könnte. Aber gibt es ein sich selbst überholendes, negierendes Schweigen? Nur eines. Das weibliche Geschlecht. Namenlos, ausdruckslos, bedeutungslos.

 

Das Vorhandensein ist eine Tatsache. Damit ist sie Welt. Irgendwie. Doch. Möchte man meinen. Wenn nicht das Vorhandensein nicht einfach Ausgangspunkt dafür gewesen wäre es sprachlich, wohl auch sehr ausdrucksstark und prominent, zu negieren. Sprache als Mittel zur Auslöschung. So passiert eine Frau, wenn der Fötus keine Kraft hat richtige Geschlechtsteile auszubilden, wohingegen sich nach Galen dieses einfach nach innen wendet, was zumindest noch ein Vorhandensein bedeutet, aber als unsichtbar. Deshalb kann eine Frau beim Striptease nur einen Mangel enthüllen, folgern Baudrillard und Barthes folgerichtig. Da geht Herr Freud schon anders zur Sache, wenn er sagt, dass man einem Mann nur den Penis wegnehmen müsse um eine Frau zu erhalten. Was bleibt ist ein klaffender Abgrund, ein Tor zur Hölle, eine Quelle von Zwist und Ärger, der pure Untergang für den Mann. Damals, ja da wusste man es nicht besser. Heute schon. Man spricht gar nicht mehr darüber. Es kommt nicht vor. Außer in der Medizin. Namenlos, ausdruckslos, bedeutungslos.

 

Es gibt keinen Zugang in der Welt des Sprechbaren. Doch wozu eigentlich? Was macht es für einen Unterschied, ob man ein Wort hat oder nicht? Was macht es für einen Unterschied, ob es verborgen ist oder nicht?

 

Es macht den Unterschied zwischen Ganzheit und Getrennt-sein. Wenn etwas nicht in seiner Gesamtheit benannt wird, dann gibt es das auch nicht. Bloß Teile. Ersatzteile. Wie beim Auto. Wahllos für vordefinierte Zwecke zu nutzen. Für sich stehend. Ohne Bezug zu irgendetwas Anderem. Noch nicht einmal zur Trägerin selbst. Anhängsel. Mühsal vielleicht. Reduktion auf Funktionalität ohne Integration. Unsichtbar, ausgeliefert dem herrschaftlichen Sehen des Anderen. Des Arztes. Des Liebhabers. Sich selbst verborgen und verschlossen.

 

Fremdheit im eigenen Körper, die ich überwinden will. Doch erst wenn ich mich aufmache, das namenlose, ungesehene Land zu betreten, es zu erkunden und ihm einen Namen zu geben, der der Wertigkeit im Gesamtgefüge entspricht, wenn ich sehen kann, ohne auf den Blick anderer angewiesen zu sein, dann erst wird es möglich mich mit mir als Frau auszusöhnen und damit auch mit dem Mann. Dann erst macht Feminismus einen Sinn. Wir müssen nochmals ganz von Vorne anfangen. Unbelastet. Vorurteilsfrei. Neugierig, offen und versöhnlich.

[1] Einführung in die Metaphysik, 1935, in: Gesamtausgabe, Band 40, Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt/M 1983, § 1, erster Satz

 

[2] Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus, Logisch-philosophische Abhandlung. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003. Satz 1

 

[3] ebd. letzter Satz

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