Mitleiden

Mitleiden – Alle Geschichten

Letzens erhielt ich eine E-Mail mit der Bitte um Hilfe. Es war nicht die einzige dieser Art. Sie kommen laufend und zeigen, dass es so viele Einzelschicksale gibt und ich freue mich, wenn ich vermitteln kann, aber oft genug geht es nicht. Es gibt zu viele schreckliche Schicksale, viel mehr als Hilfsmöglichkeiten. Diese letzte E-Mail jedoch, ließ mich besonders aufmerken. Eine Frau hatte in Fernost einen Hund entdeckt, der offenbar nicht gehen konnte. Ein Manko, dass er bereits bei der Geburt hatte. Es war ein armes Land und die Menschen, bei denen er lebte, wohl auch. Da war kein Gedanken, ihn zu einem Spezialisten zu bringen und Therapien zu versuchen, denn es war nicht bezahlbar. Aber sie kümmerten sich, so gut es ging. Der Hund wurde herumgetragen, umsorgt und geliebt. Das ist wahrscheinlich mehr, als viele Tiere in unserer wohlstandsverwahrlosten, geldgeilen Gesellschaft erfahren.

Nicht nur wahrscheinlich, sondern sicher. Doch wir haben es uns angewöhnt, mit manchen Tieren mitzuleiden, ja helfen zu wollen, sogar mit Geld, was schon sehr viel bedeutet, wo wir doch bei allem und jedem geizen. Z.B. beim Tierwohl bei denen, die wir als Leichen auf unseren Tellern sehen wollen. Dafür müssen wir bezahlen, deshalb darf es gerne ein wenig mehr sein. Ein wenig mehr an Menge, ein wenig mehr an Effizienz bei Zucht und Mast, damit wir mehr im Beutel behalten, als wir hergeben. Da ist es plötzlich vorbei mit dem Mitleid, mit der Großzügigkeit. Aber bei dem Beispiel geht es um einen Hund. Das ist schließlich ganz was anderes als ein Schwein oder eine Kuh oder ein Huhn oder gar ein Fisch. Wenn ein kleines Schweinchen auf die Welt kommt bzw. auf die Welt gezerrt wird, denn die Schweinemütter in den Kastenständen können nicht alleine gebären, das diese Behinderung hätte wie der Hund in der E-Mail, würde man die Achseln zucken und es im besten Fall am Boden aufschlagen bis es tot ist, im schlechteren – und das ist wohl fast immer so – lässt man es einfach langsam vor sich hinkrepieren. Ist ja nur eine Fleischbeilage zu meinem Gemüse, das ich so billig und einfach zu erwerben gedenke, nachdem ich andere die Drecksarbeit habe machen lassen.

Aber das arme Hündchen, dem muss man helfen. Da fließen Tränen, werden Daumen gehalten und tausende Herzchen verschickt, wenn es gelingt, diesen zu retten, in den hochgelobten Westen zu holen, wo die Tierwohlstandards so viel höher sind, als irgendwo anders. Da geht es den Tieren gut, denn wir haben Mitleid, retten, herzen, schätzen und lieben. Irgendwie. Ohne Ausnahme. Na ja, Kühe stehen nicht auf der Mitleidsliste, denn ein feiner Laufstalle tröstet darüber hinweg, dass sie zwangsweise geschwängert werden und die Kälbchen wegkommen, am ersten Tag, weil wir Babynahrung trinken wollen. Aber sonst alle. Ach nein, nicht die Hühner, denn die müssen wahlweise 300 Eier im Jahr für uns legen, so dass wir ihnen ebenfalls die Babys stehlen, ich weiß schon, sind sie nicht, ist aber desto erbärmlicher oder für Fleisch hochgezüchtet in Rekordgeschwindigkeit, dass sie nicht mehr gehen können, weil wir ihren Körper essen wollen. Aber ansonsten alle. Nein, nicht die Schweine, die wollen wir essen und nicht die Angorakaninchen, die wollen wir anziehen und nicht die Fische, die wollen wir essen und nicht die Ziegen oder die Schafe oder die Marderhunde oder die Füchse oder die Rehe oder die Hirsche oder die Biber oder die Schildkröten oder die Wale oder die Haie oder die Garnelen oder die Pferde oder die Affen oder die Elefanten oder die Orang Utans oder die Schlangen oder die Krokodile. Die nicht, denn die müssen wir alle für irgendetwas ausnutzen oder wahlweise ihren Lebensraum, aber ansonsten alle.

Nein, wir unterscheiden nicht bei unserem Mitleiden, wir wollen auch nicht, dass es den Tieren, die wir essen, die wir anziehen oder die uns amüsieren sollen, schlecht geht, aber wir können nichts dagegen machen. Das ist der Markt, der das macht. Oder die Landwirt*innen. Oder die Konsument*innen. Da kann man nichts machen. Außer, na ja, das sollte man nicht laut sagen, man könnte die Tierausbeutung lassen, keine essen, keine anziehen oder für das Entertainment einsperren. Dann erledigt sich das von selbst. Man könnte das Tierleid einfach aus seinem Leben streichen. Man könnte vegan werden. Aber das ist dann schon zu extrem, denn da habe ich viel zu viel Mitleid für mich selbst, denn dann leide ich. Da leide ich am meisten mit, ist mein Mitleiden am größten. Da sollen schon lieber die anderen leiden.

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