Ein Haus aus Erinnerungen

Bedächtig drehe ich den Schlüssel im Schloss. Einmal. Zweimal. Ziehe ihn ab. Drücke noch einmal die Klinke herunter, mich zu vergewissern, ob ich auch tatsächlich abgesperrt habe. Es wäre nicht notwendig. Es ist doch notwendig, denn seit ich wusste, dass es an der Zeit war abzuschließen und zu gehen, war ich doch ein wenig durcheinander. Es gab kein Zurück. Die Endgültigkeit drückte wie eine zentnerschwere Last auf meine Schultern. Dennoch tat ich alles, was ich zu tun hatte mit allergrößter Sorgfalt. Ich ließ mir Zeit, weil ich hoffte. Aber was sollte diese Hoffnung auf Dich, wo Du mir doch selbst gesagt hattest.

„Sperr ab und schmeiß den Schlüssel weg!“

Ja, das hattest Du gesagt. Es war nicht abwegig und auch nicht unerwartet, und dennoch wehrte ich mich dagegen. Soweit man sich gegen die Unausweichlichkeit wehren kann. Auch gegen Tatsachen. Bloß ein kleines bisschen. Nicht unbedingt nachhaltig. Nur ein wenig zu viel Zeit lassen. Schatten spielten mir Täuschungen zu. Vorgegaukelt. Es waren nur die Blätter, die sich im Wind bewegten. Mein Blick wandert hinauf zu den Baumkronen. Die Blätter bewegen sich. Sonst ist nichts zu hören. Keine Vogelgezwitscher, kein Insektensummen. Aber vielleicht höre ich es auch nur nicht, denn Deine Stimme klingt süß und sanft in meinen Ohren. Wie ein Tinnitus. Ich schüttle den Kopf, als könnte ich so die Stimme abschütteln. Als könnte ich Dich abschütteln, aber es hilft nichts. Ich kann mich immer noch nicht entschließen zu gehen.

 

Weißt Du noch, als Du mich an der Hand nahmst und mich Schritt um Schritt mitnahmst. Unter unseren Füßen wurde der Weg und unsere Begegnung bildete das Fundament. Mit jedem Mal, mit jedem Erleben fügten wir ein Stück hinzu. Grundfeste, tragende Mauern. Eine aufregende Zeit des Annäherns und Lernens. Weißt Du noch? Lächelnd wende ich mich Dir zu. Nein, Du bist ja nicht mehr da. Das Lächeln verschwindet wieder. Vielleicht wird es wiederkommen, wenn es mir gelingt den Schmerz hinter mir zu lassen und das Haus als das zu sehen, was es ist, das unserer Erinnerungen. Vielleicht wird es mir eines Tages gelingen mich zuzuwenden und mich daran zu erfreuen, doch noch bin ich nicht so weit.

 

Weißt Du noch, als Du mich mitnahmst, über die Schwelle, auf das wir es uns wohnlich gestalten? Voller Freude und Lachen, Hoffnung und Zuversicht, Neugierde und Offenheit auf all das, was dieses Haus noch schmücken würde. Es war noch nicht fertig, noch lange nicht fertig, und eigentlich dachte ich, dass es nie fertig werden würde, so eifrig wie wir bauten. Manchmal waren es ganze Räume, und dann wieder nur ein kleiner Ziergegenstand. Nichts war wichtig oder unwichtig. Jedes einzelne Teil, ganz gleich wie groß oder klein, machte es unverwechselbar und einzigartig. Weißt Du noch wie gut es tat es zu sehen, zu verstehen? Ich finde es gerade nicht, doch es wird wiederkommen.

 

Weißt Du noch, als Du mich einludst mit mir darin zu wohnen, in diesem Haus? Egal wo wir hingingen, es war mit uns und wir darinnen, in uns und um uns. Jedes Lachen und jede Träne, jede Freude und jede Traurigkeit fanden darin Platz, verzierten es mit einem lebendigen Muster. Wir fühlten uns wohl darinnen, dachte ich zumindest. Es war wohl auch so. Es ist immer so. So lange, bis es nicht mehr ist. Ich werde nicht verzweifeln und nicht jammern, nur wer könnte mich jetzt in den Arm nehmen, da Du es doch warst, der es immer tat, wenn ich traurig war. Nur diese Traurigkeit hat keinen Ort in Deiner Umarmung.

 

„Sperr ab und schmeiß den Schlüssel weg!“

Ja, das hattest Du gesagt. Der Schlüssel wiegt in meiner Hand. Leicht fühlt er sich an. Ich hole aus und will ausführen, was Du mir auftrugst. Doch die Hand lässt den Schlüssel nicht los. Noch einmal sehe ich ihn an. Kurzentschlossen stecke ich ihn in die Hosentasche. Ich kann ihn immer noch wegschmeißen, später, wenn ich so weit bin. Oder ich kann eines Tages einfach zurückkehren und mich darüber freuen, dass es war.

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