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Life is too short for boring stories

The empty store

24. Station Du

 

Es gibt eines, eine Komponente, in der sich jedes Leben gleicht, ganz gleich welches Lebewesen es betrifft, es geht von Anfang bis zum Ende. Der Beginn ist nicht so eindeutig und wird vielfach diskutiert, zumal der Ansatz des Beginns, also wann ein Leben wirklich ein Leben ist, durchaus weiterreichende Konsequenzen zeigen kann, gilt es doch andererseits Stellung zu beziehen. Und hier, in diesem kleinen Kreis, bestehend aus vier Personen, bunt zusammengewürfelt, gänzlich unterschiedlich, und doch sich gleichend in ihrer Einstellung zum Leben und damit auch in dieser Frage, herrscht Einigkeit. Leben beginnt nicht mit der Geburt, Leben beginnt nicht mit der Zeugung, sondern mit dem Gedanken, mit der Absicht und der Hoffnung. Das ist der Beginn, außerhalb des kommenden Lebens selbst, und doch in ihm konkretisiert. Ein Gedanke, der Leben wird. Wort, das Fleisch geworden ist. In aller banaler Körperlichkeit, ohne die wir einander nicht zuwenden könnten. Das Ende wiederum ist mittlerweile auch nicht mehr ganz eindeutig, aber in den allermeisten Fällen heißt es Tod, und zwischen dem Gedanken des Beginns und dem Tod liegt die Zeitspanne, die das eigentliche Leben umfasst und dahinfließt vom Ausgangs- bis zum Endpunkt. Es ist immer so. Von Anfang bis Ende. Ein durchgehender, zeitlicher Fluss. Grundsätzlich und allgemein. Der Fluss der Zeit kann weder verlangsamt oder beschleunigt, weder angehalten noch umgeleitet werden. Er hat sein vorgegebenes Bett, durch das er fließt. Grundsätzlich und allgemein. Jedes einzelne Leben verläuft so.

Aber inmitten dieser Grundsätzlichkeit und Allgemeinheit gibt es die Zeit der Lebendigkeit. Nicht dass sich am realen Ablauf der Zeit etwas ändern würde. Das tut auch nichts zur Sache. Was jedoch etwas zur Sache tut, ist die Änderung in uns. Zeit, die stillzustehen scheint, weil wir einen Moment sehnsüchtig erwarten und auf der anderen Seite, Zeit, die wie im Flug zu vergehen scheint, weil man schlicht und ergreifend glücklich ist. Momente, die den Fluss durchbrechen, beglücken und betören. Langerwartetes, das Realität wird.

 

Stille war eingekehrt, im leeren Geschäft, das nun gar nicht mehr so leer war, aber auch außerhalb. Die Straßen waren verlassen. Hinter den Fenstern, den hell erleuchteten, war Weihnachten. Es stand zu hoffen, dass es auch in den Herzen war. Lange Zeit der Erwartung war vorangegangen, und nun geschah ein Ankommen. Eine Station.

 

„Man kommt an und meint es ist der Ort, an dem man ankommt. Eine Station auf der Lebensreise“, sagte Ruben, Liliths Hand in seiner.

„Es gibt viele Stationen auf der Reise, aber ja, es ist nicht der Ort, der sie bestimmt. Letztlich ist es gleichgültig was auf dem Schild über der Station steht. Das entscheidet nicht ob es ein Ort der Ankunft ist oder nicht. Der Name entscheidet es nicht“, meinte Lilith versonnen.

„So viele Stationen haben wir hinter uns. Sind angekommen. Dachten angekommen zu sein, und doch war es nur ein Ort, der letztlich nichts bedeutete“, sagte Ruben versonnen.

„Aber wenn ich ankomme, wo ich ein Du finde, ein Du, das auch mich Du nennt, dann ist es eine Lebensstation“, erklärte Lilith.

„Eine Lebensstation, unabhängig von Zeit und Ort“, sagte Ruben.

„Eine Lebensstation, unabhängig vom Alter und Aussehen“, sagte Lilith.

„Eine Lebensstation, unabhängig von Verdienst oder Erfolg“, erklärte Ruben.

„Und das kleine Kind, dort in der Krippe, war so eine Lebensstation, für viele, die es sehen wollten. Schäbig und heruntergekommen, inmitten einer Einsamkeit, wo niemand irgendetwas anderes vermutet als die Ausgestoßenen und die Verurteilten, auch des Lebens, dort war eine solche Lebensstation“, meinte Lilith.

„Eine Station mitten im Nirgendwo. Ein offener Blick für jeden. Annahme für jeden. Ohne Ansehen der Person, nur dass es sich annehmen ließ. Offenheit für jeden. Ohne Eingangsvoraussetzungen, nur dass es sich ebenfalls öffnete“, meinte Ruben.

„Nichts weiter als das Du, das mit dem Du beantwortet wird. Eine Lebensstation, eine Station des Du“, sagte Lilith, während sich ihre Blicke trafen, die Annahme und Offenheit waren.

„Das ist Weihnachten, ankommen an einer Lebensstation nach einer schier unendlich langen Reise“, sagte Ruben, der sich in die Annahme und Offenheit des Blickes fand und sie erwiderte.

„Das ist Weihnachten, ankommen an einer Station Du. Es gibt nichts weiter, was es zu wünschen gibt“, erklärte Lilith, während ihre Hand über Rubens Wange strich, ihn zu spüren. Und vielleicht ist in uns allen auch ein Stück des Thomas, des Zweiflers, der erst glaubte, wenn er fühlte. Oder es war einfach das Überwältigtsein darüber, dass sie es noch erleben durfte, eine Station Du, nachdem sie ihre Reise so lange fortgesetzt hatte, dass sie schon vergessen hatte was das eigentliche Ziel war. Vergewissern, dass es möglich war, ihre Hand auszustrecken und zu berühren. Ihre Hand auszustrecken und jemanden zu berühren, der die Berührung zuließ und ihr auch darin Annahme schenkte.

 

Station Du, in Annahme mit dem Kopf, dem Herzen und der Hand. Station Du, das ist Weihnachten, wenn wir es annehmen, jenseits des Habens, als Geschenk, das wir uns selbst sind, uns mit uns bringen. Nichts als das. Alles was wir sind. Nichts weiter. Und die Unendlichkeit, die Unfassbarkeit des Lebens selbst, mit all dem Bisherigen, in reiner Gegenwärtigkeit, in all seinen Möglichkeiten, kumuliert und fokussiert in diesem einen kleinen Wort, Du, das die ganze Welt bedeutet.

 

Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Und das Wort war das Du, das gesprochen Annahme fand, Heimat und Vertrautheit. Und das Wort war die Leiblichkeit und Sinnlichkeit des Du in aller Ursprünglichkeit aus der sie kam und kommt und kommen wird.

 

Sie hatten die Station Du erreicht. Der Zug hielt. Sie waren ausgestiegen. Sie waren aus zwei verschiedenen Zügen ausgestiegen, aber an der Station fanden sie sich, denn sie trug denselben Namen, für sie und für ihn. Wie viele fahren weiter, weil sie der Station nicht trauen, weil sie sich selbst nicht trauen. Wie viele verpassen die Station, weil sie aufgegeben haben und aufgehört haben zu glauben. Wie viele nehmen sie nicht wahr, in ihrer Unscheinbarkeit und Bedürfnislosigkeit. Es bedarf nichts weiter als unserer selbst. Nichts weiter. Und das Mehr als Alles.

 

Und an diesem Abend wurden die Regale des leeren Geschäftes wieder leergeräumt, so dass es wieder leer war. Denn alles was es braucht, was nicht käuflich ist und doch alles was das Leben zum Lebendigsein bedarf, fanden sie in sich. Im Du.

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