Der reiche Schnösel stutzte. Eigentlich war es gewohnt, dass sämtliche Frauenherzen schmolzen, wenn er sich dazu herabließ, sich mit einer von ihnen abzugeben. Solch eine Reaktion hatte er noch nie erlebt. Vielleicht hatte sie ihn nur nicht richtig verstanden. Deshalb unternahm er einen zweiten Anlauf: „Du hast sicher gesehen, dass ich mit dem Aston Martin gekommen bin.“ Um dies zu unterstreichen, spielte er lässig mit dem Schlüssel, ließ die Lichter aufleuchten und steckte ihn dann wieder ein. „Wie die kleinen Jungen mit ihren Spielzeug“, entfuhr es dem jungen Mädchen unwillkürlich. Dabei dachte sie, dass ihre Brüder auch so waren, nur dass es eben keine so teuren Spielzeuge waren, aber egal wie teuer diese ausfielen, letztlich waren sich die Männer, die meinten, sie würden durch ihre Männlichkeit brillieren, so dass sich die Frau, die das Ziel ihrer Wünsche war, zutiefst beeindruckt sein musste. Doch alles was dieses junge Mädchen sah war ein selbstverliebter, arroganter Bursche, der zu seinem Unglück auch noch über viel Geld verfügte.
„Ich denke, Du meinst, Du wärst nicht gut genug für mich“, klärte der reiche Schnösel sein Gegenüber verständnisvoll auf, „Aber keine Sorge, das macht nichts. Wir können uns doch unverbindlich kennenlernen. Wenn Du mich kennst, wirst Du nie wieder einen anderen ansehen.“ „Ich denke weder, dass ich nicht gut genug für Dich bin, noch dass ich Dich kennenlernen will“, erklärte sie ihm. „Ach ja? Du willst mich nicht kennenlernen? Wofür hältst Du Dich eigentlich?“, zeigte er sich inzwischen etwas gereizt. „Du hast recht, ich habe mich falsch ausgedrückt“, gab sie zu, „Es genügt das, was Du bisher von Dir gegeben hast, um zu wissen, woran man mit Dir ist. Das genügt.“
„Du kleine, miese Schlampe. Bist aus irgendeinem Proletenloch herausgekrabbelt und statt dankbar zu sein, dass ich mich dazu herablasse, mich mit einer wie Dir überhaupt abzugeben, wagst Du es, mich so zu beleidigen. Dich werde ich zeigen, wie man sich Männern wie mir gegenüber verhält.“
Der Ethnologie schrieb eifrig mit. Das war noch interessanter, als er gehofft hatte. Nun beließ der Mann es nicht mehr bei Worten, sondern fasste das junge Mädchen am Arm, um sie zu schütteln. Das war Spannung pur, zumindest aus der Sicht des Wissenschaftlers.
Doch auch damit konnte der Bursche sein weibliches Gegenüber nicht beeindrucken. Zu hatte sie Gewalt erleben müssen, zu oft, um sich von solch einem Aufplustern ins Bockshorn jagen zu lassen. Sie entfernte mit Nachdruck seine Hand von ihrem Arm und sagte bloß: „Dir.“ Er war so verblüfft, dass er vergaß, wie wütend er war. „Was mir?“, fragte er bloß. „Es muss heißen: Dir werde ich zeigen. Du sagtest: Dich werde ich zeigen“, sagte sie achselzuckend. „Ach, jetzt stellst Du mich auch noch als Idioten hin“, fuhr er auf, als er endlich begriffen hatte, wie dreist sie sich benahm. „Nein, ganz bestimmt nicht. Das kannst Du sehr gut alleine. Ich weise Dich nur darauf hin“, meinte sie amüsiert. Dann hob er die Faust und schlug zu. Doch er war zu langsam. Sie hatte sich schon längst erhoben und machte einen Polizisten auf sich aufmerksam. Dienstbeflissen trat dieser an ihren Tisch und fragte, was er denn für die hübsche Dame tun könne. „Ich möchte Anzeige erstatten wegen tätlichen Angriffs“, erklärte sie knapp, „Und zwar gegen diesen Herrn.“ Damit wies sie auf ihren Gesprächspartner. Der Polizist folgte ihrem Blick und im nächsten Moment zeigte sich, dass der Gesetzeshüter den jungen Mann erkannt hatte. „Grüß Gott!“, begrüßte er diesen, um sich dann der Anklägerin zuzuwenden, „Hören Sie, Fräulein, wissen Sie denn nicht, wer das ist? Das ist sicher ein Versehen und es ist auch gar nichts passiert.“ „Das ist jetzt nicht wahr, alle hier haben gesehen, wie er mich schlagen wollte. Er hat mich zwar verfehlt, aber die Lehne von dem Stuhl, auf dem ich eben noch saß, ist entzweigeschlagen. Und da soll allen Ernstes nichts passiert sein?“ „Nein, Fräulein, es ist nichts passiert. Der Herr hier ist über jeden Zweifel erhaben“, erklärte der Polizist. „Ich fasse es nicht. Er ist wohl ein Sponsor der Polizei, der Herr, oder nein, sein Vater ist mit dem Innenminister auf Du und Du und jetzt darf er alles, was er will“, zeigte sich das junge Mädchen entsetzt. Sie war knapp daran, in Tränen auszubrechen, weil sie diese Ungerechtigkeit so wütend machte, als ein Mensch an ihre Seite trat. Er sah dem reichen Schnösel recht ähnlich, aber er war leger gekleidet und strahlte Wärme und Mitgefühl aus. „Ich denke, daran muss man sich gewöhnen, dass mein Bruder sich aufführen kann wie der letzte Idiot, aber nie dafür zur Rechenschaft gezogen wird“, meinte der Neuankömmling, „Was meinst Du, wollen wir uns ein anderes Lokal suchen und wir reden darüber, wie wir diese Zwei-Klassen-Gesellschaft beenden können.“ „Sehr gerne“, erwiderte sie. Damit ließ sie den reichen Schnösel und den Polizisten stehen. Diese fühlten sich wie die Gewinner. Nur der Ethnologe folgte dem Paar. Dies könnte noch sehr interessant werden.


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