novels4u.com

Life is too short for boring stories

„Wo soll ich anfangen?“, überlegt der Mann, der behauptet mein Vater zu sein. Er spürt wohl meinen Widerstand. Es muss mir ins Gesicht geschrieben stehen, dass ich ihm am liebsten ins Gesicht schleudern würde, dass ich ihn all die Jahre nicht gebraucht hatte, und jetzt erst recht nicht. Niemals war er mir abgegangen, nicht eine Minute. Ich tue es nicht, vor allem wohl, weil etwas in mir ist, das weiß, dass es nicht stimmt, dass ich nur versuche mir was vorzumachen, doch das Wissen ist leise und vergraben, noch. Hat es mir nicht jedes Mal einen Stich versetzt, wenn ich die anderen Jungen mit ihren Vätern sah? Wenn diese mit vor Stolz geschwellter Brust ihren Nachwuchs vorführten? Habe ich nicht all das vermisst, was Jungen mit ihren Vätern machen? Vielleicht war es nur, dass ich es nicht durfte. Meine Mutter versuchte es so gut wie möglich auszugleichen, doch es gelang ihr nicht. Niemals habe ich ihr einen Vorwurf gemacht, niemals mich beklagt, weil ich sie nicht kränken wollte.

Lange versuchte ich mir einzureden, dass ich es mir wohl deshalb so toll vorstellte, weil ich es nicht hatte, doch der Wunsch ließ sich durch nichts kompensieren. Nicht nur, dass er nicht da war, dass er uns freiwillig im Stich gelassen hatte, aus Gründen, die mir reichlich fadenscheinig erscheinen, er hatte auch meine Mutter auf dem Gewissen. Was will er noch von mir? Die Absolution? Für mich beschließe ich ihm nicht zu verzeihen, niemals.

„Nun, warum fängst Du nicht damit an, dass Du Dich abgesetzt hast, weil Du keine Verantwortung mehr wolltest, ein Leben ohne Verpflichtung und Rücksicht?“, entgegne ich scharf, obwohl, für mein Empfinden noch immer nicht scharf genug, denn worauf soll ich Rücksicht nehmen. Auf einen Mann, der mir völlig unbekannt ist? Wer weiß ob die ganze Geschichte überhaupt wahr ist, „Und vor allem, wer sagt mir, dass Deine Geschichte stimmt? Wer sagt mir, dass Du nicht einfach ein Schwindler bist?“
„Wie Du willst. Dein Lieblingskuscheltier mit fünf war eine grüne Giraffe. Du hast sie Knuffel genannt. Ich hatte sie Dir zum Geburtstag geschenkt und Deine Mutter musste sie immer heimlich waschen“, beginnt er etwas unsicher.
„Das stimmt, aber das kannst Du auch irgendwo gehört haben“, entgegne ich, immer noch voller Zweifel, „Wo ist Knuffel jetzt?“
„Bei mir. Du hast ihn mir damals heimlich in den Koffer gelegt, als ich wegfuhr“, sagt er ungerührt. Ich fühle, wie meine Zweifel wanken, „Gut, aber was ist nun so schlecht an diesem Leben voller Freiheit und Verantwortungslosigkeit?“
„Vielleicht klingt es im ersten Moment nach Freiheit, aber letztendlich ist es die Freiheit eines Vogelfreien. Niemals wieder wirst Du mit den Menschen zusammen sein, die Du liebst. Du wirst nicht an den Freuden teilhaben, die Deine Söhne erleben und Du musst immer Angst haben doch noch entdeckt zu werden. Irgendwann fragst Du Dich wer Du eigentlich bist. Und vor allem, es gibt kein Zurück mehr“, versucht er seine Lage zu erklären.
„Aber Du bist doch zurückgekommen?“, frage ich ausweichend, „Warum hast Du das getan, nach all den Jahren? Um wieder alles in Unordnung zu bringen und dann wieder abzuhauen?“
„Nein, weil ich die Zeit für gekommen hielt manches in Ordnung zu bringen“, erklärt er, und aus seiner Stimme klingt eine tiefe Müdigkeit, „Damals habe ich gedacht, dass endlich Ruhe einkehrt, wenn ich gehe, dass Du, Deine Mutter und jetzt Deine Familie, ein ruhiges Leben führen können, aber sie lassen es einfach nicht gelten. Mein Opfer war sinnlos.“
„Und nun willst Du ein Opfer das Sinn hat?“, entgegne ich automatisch, „Opfer, was für ein großes Wort. Nicht vielen steht das Märtyrertum.“
„Da hast Du wahrscheinlich recht, aber wir müssen es zumindest versuchen!“, gibt er zurück, und sein Entschluss scheint unumstößlich, mit oder ohne meine Hilfe. Vielleicht gibt es wirklich noch was zu retten.“

Hier geht es zu Teil 15.

Lesestoff für Liebhaber*innen von Mystischem und Skurrilem

Schattenraben

Anonym

***

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: